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„Man muss diesen Grauenfaktor minimieren“

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Freising - Der Adrenalinspiegel dürfte in den Schulen am heutigen Freitag höher sein als sonst: Die Kinder und Jugendlichen erhalten ihr Zwischenzeugnis. Im Interview mit dem FT berichtet Bernhard Kindler (56), stellvertretender Leiter des Freisinger Schulamts, wie man böse Überraschungen verhindern kann, wann Belohnung für gute Leistung sinnvoll ist, und warum auch Schüler über gute Zeugnisse manchmal weinen.

-Herr Kindler, war der Zeugnistag für Sie als Schüler ein Tag, auf den Sie sich gefreut haben, oder haben Sie sich davor gegraut?

Nein, Zeugnisse haben einfach dazugehört. Die waren auch noch denkbar klein. Da stand auf DIN A5 etwas über Schrift und Verhalten, und dann wurden die drei wichtigsten Fächer bewertet. Gegraut hat mir eher vor einzelnen Proben, von denen ich wusste: Die habe ich verhauen, die will ich gar nicht mehr zurückhaben.

-Wie haben Sie als Lehrer Ihre Schüler auf Zeugnisse vorbereitet?

Ich habe meinen Schülern immer geraten, sich Notizen über ihre Noten zu machen, damit sie eine Übersicht ihrer Leistungen haben.

-Damit am Zeugnistag nicht die böse Überraschung wartet.

Ganz genau. Man muss diesen Grauenfaktor minimieren. Aber trotzdem ist ein Zeugnistag mit vielen Emotionen verbunden. Vor allem die guten Schüler freuen sich natürlich darauf. Wobei: Es hat auch schon Tränen bei Schülern gegeben, die ein gutes Zeugnis hatten – einfach deshalb, weil sich ihre Erwartungshaltung nicht erfüllt hat, oder die ihrer Eltern.

-Wie wichtig ist denn das Zwischenzeugnis?

Rein juristisch hat es keine Bedeutung, weil es nicht gesiegelt und beurkundet ist. Es ist eine Mitteilung an die Eltern, wo das Kind gut ist, und wo es eher brennt. Inzwischen können Grundschulen in den ersten drei Jahrgangsstufen anstelle eines Zwischenzeugnisses aber auch ein sogenanntes Lernentwicklungsgespräch anbieten.

-Um was geht es da?

Dabei handelt es sich um ein Gespräch zwischen Lehrer und Schüler im Beisein der Eltern. Die Eltern entnehmen dem Gespräch die Befindlichkeiten des Kindes und können ihre Schlüsse ziehen. Ich halte das für eine sehr zielführende Form, wenn man dafür aufgeschlossen ist.

-Bieten inzwischen viele Schulen ein solches Gespräch an?

Etwa zwei Drittel der Grundschulen im Landkreis. Rund ein Drittel vergibt noch Zwischenzeugnisse.

-In welcher Jahrgangsstufe ist der Druck denn am Höchsten?

Dort, wo es um den Übergang zur weiterführenden Schule geht oder um den Schulabschluss. Der allergrößte Druck entsteht aber da, wo zu Hause die Erwartungshaltung der Eltern und das Leistungsvermögen des Kindes nicht zusammenpassen. Kinder kommen recht gut mit ihrer Note zurecht. Wenn sie mal eine Drei oder Vier geschrieben haben, wissen sie meist, woran es liegt – etwa, dass sie nicht genug gelernt haben. Aber wenn ein Kind die Erwartungshaltung der Eltern nicht erfüllen kann, leidet es oft fürchterlich.

-Woher kommt dieser Druck der Eltern?

Ein paar Beispiele: Alle in der Familie haben studiert, nur dein eigenes Kind droht, den Übertritt zum Gymnasium nicht zu schaffen. Oder der Nachbarsbub schafft den Sprung auf die höhere Schule, aber das eigene Kind nicht. Dann entsteht Erwartungsdruck. Oder ein Kind bekommt schulische Schwierigkeiten, nachdem sich die Eltern getrennt haben. Dann entstehen Schuldgefühle – und Druck.

-Was raten Sie Eltern, deren Kinder nicht die Idealnoten bekommen?

Wenn es augenscheinlich ist, dass das Kind Förderbedarf hat, muss man die geeigneten Angebote suchen – schulisch oder außerschulisch. Ansonsten ist es immer sinnvoll, die eigenen Erwartungen zu überprüfen und auch regelmäßig den Lehrer zu befragen, um zu sehen, wo die Reise hingeht. Eltern, die nur kommen, um das Zeugnis abzuholen, sind eigentlich zu spät dran.

-Was halten Sie davon, dass Eltern Kinder für gute Noten bezahlen?

Bezahlen sollten Eltern ihre Kinder nie. Aber gegen eine Belohnung in Maßen spricht nichts. Ein gemeinsames Essen oder das Geschenk eines ersehnten Computerspiels sind Zeichen der Anerkennung, die einem Kind guttun. Man sollte auch nicht nur Einser und Zweier belohnen. Ein Kind, das von einem Fünfer auf eine Drei hochgeklettert ist, hat etwas Tolles geschafft.

Rubriklistenbild: © dpa

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