Ludwig Dinzinger Müllfischer Freising Moosach
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Es ist kaum zu fassen: Knapp 700 kleine Schnapsflaschen hat Ludwig „Zottl“ Dinzinger innerhalb von zwei Jahren aus der Moosach gezogen.

Jetzt zieht er eine schmutzige Bilanz

700 Wodkaflaschen und mehr: Freisinger Furtnerbräu-Wirt fischt jahrelang Müll aus der Moosach

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Jahrelang hat Ludwig Dinzinger, der Wirt des Freisinger Furtnerbräus, in seinem Kanu Müll aus der Moosach gezogen. Was er dabei alles gefunden hat, ist unglaublich.

  • Ludwig Dinzinger fischt in seinem Kanu Müll aus der Moosach.
  • Neun Jahre lang hat er Abfallmassen aus dem Fluss gezogen.
  • Jetzt zieht der Wirt des Furtnerbräus eine schmutzige Bilanz.

Marzling – Ludwig Dinzinger liebt die Natur. Doch wenn sich der 51-Jährige in Marzling in sein Schlauchboot gesetzt hat, um die Moosach bis zum Freisinger Wehr hochzufahren, galt sein Blick selten der Flussidylle. Stattdessen hat er Unmengen von Müll aus der Moosach gezogen. Die Fänge, die er am Ende einer Fahrt nach Hause gebracht hat, reichen von Weinflaschen über Zigarettenschachteln bis zu ganzen Reifensätzen.

Der Müllmann mit dem Paddel: Jahrelang hat Ludwig Dinzinger in seinem Kanu Massen von Müll aus der Moosach gezogen – auch im Winter stieg er ins Boot.

Vor neun Jahren beginnt Dinzingers Moosach-Mission. Damals zieht der Wirt des Freisinger Furtnerbräus, den alle Zottl nennen, nach Marzling in ein Haus direkt an der Moosach. „Und was liegt da näher, als sich ein Kanu zuzulegen und den Fluss rauf und runter zu paddeln“, berichtet er. Doch schon bei den ersten Fahrten stellt er fest, dass die Idylle trügt. „Wer die Moosach vom Ufer her betrachtet, hat das Gefühl, dass es sich um einen sehr sauberen Fluss handelt. Doch dem ist nicht so.“ Vom Boot aus sieht er Glasflaschen, die an ihm vorbeischwimmen, Plastikmüll, der sich im Geäst verhängt hat, Dosen, die sich in Schlammbänken verstecken.

Massentäter wie der „Uranov-Alki“ und die „Cellulite-Frau“

Dinzinger trifft eine wegweisende Entscheidung. Er beschließt, dass er seine Touren künftig dazu nutzt, die Moosach von Abfällen zu befreien. Jahr für Jahr, Monat für Monat macht er sich auf. Sommer wie Winter birst sein Boot fast vor Unrat, wenn er von einer Fahrt zurückkommt. Und er entwickelt einen detektivischen Spürsinn. „Es hat eine Zeit lang gebraucht, bis ich gecheckt habe, dass immer die gleiche Art von Müll an den gleichen Stellen rumgeschwommen ist“, sagt er. Seine Erkenntnis: „Nicht die Wochenendpartygänger sind das große Problem, sondern die Wiederholungstäter.“

Von denen hat er zwei ausgemacht. Den „Uranov-Alki“ und die „Cellulite-Frau“ nennt Dinzinger die beiden flapsig, die ihm über die Jahre hinweg viel Arbeit gemacht und die Moosach beträchtlich belastet haben.

Hinter dem „Uranov-Alki“ verbirgt sich eine unbekannte Person, die neben mangelndem Umweltbewusstsein ganz offenbar auch mit einem seriösen Alkoholproblem zu kämpfen hat. Innerhalb von zwei Jahren hat Dinzinger 700 kleine Wodka-Flaschen unterhalb des Neustifter Wehrs aus dem Fluss gefischt – macht fast eine Flasche pro Tag. Und die Dunkelziffer ist noch viel höher. „Ich habe des Öfteren mit dem Arbeiter am Marzlinger Wehr gefachsimpelt, weil der auch immer viel Müll aus dem Fluss gezogen hat“, berichtet Dinzinger. „Bei der Gelegenheit haben wir dann verglichen, wer mehr Uranov-Flaschen erwischt hat.“

Immer auf die gleiche Art aufgeschnitten sind die Creme-Tuben der „Cellulite-Frau“.

In seiner Zweitfunktion als Moosach-Detektiv hat Dinzinger die Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe des Flusses unter die Lupe genommen. „Dabei hat sich herausgestellt, dass nur eine Tankstelle diesen Wodka im Sortiment hat, und die liegt nur weniger Meter vom Wehr weg.“ Erwischt hat Dinzinger den Täter dennoch nie.

Das gilt auch für die „Cellulite-Frau“, die der Moosach unzählige Tuben von Cremes überantwortet hat. Dass es sich immer um die gleiche Person gehandelt haben muss, ergibt sich nicht nur aus der stimmigen Kollektion, die Dinzinger zusammengefischt hat. „Alle Tuben waren auch auf die gleiche Weise aufgeschnitten.“ Seine Vermutung: „Offenbar hat die ,Cellulite-Frau‘ auf diese Art die letzten Reste herausgekratzt, und dann die leere Verpackung aus dem Badfenster geworfen.“

Abstruse Funde: Bierfass, Schwangerschaftstests und mehr

So frappierend es ist, dass zwei Menschen so viel Verschmutzung verantworten – die einzigen Umweltsünder sind sie freilich nicht. „Kaum zu glauben, was die Menschen alles im Fluss entsorgen“, sagt Dinzinger. Zu seinen abstrusen Moosach-Müllfunden zählen: ein ganzer Satz Autoreifen, eine Charge noch verpackter Schwangerschaftstests, etliche Wahlplakate, die ein oder andere von Kindergärten in Auftrag gegebene Flaschenpost, ein volles, nicht angezapftes Bierfass –

Stopp! Wer versenkt denn bitteschön einen derart süffigen Proviant? „Muss ein Versehen gewesen sein“, sagt Dinzinger und lacht. „Das hat wahrscheinlich jemand zum Kühlen ins Wasser gestellt und nicht bedacht, dass es wegschwimmen kann.“ Im Übrigen habe er auch eine ganze Biertisch-Garnitur aus der Moosach geborgen. „Die habe ich immer noch.“

Unappetitlicher Fang: Von Plastik- bis Glasabfall reicht die Mega-Palette, die Ludwig Dinzinger bei einer einzigen Bootsfahrt aus dem Wasser zieht. Zu Hause hat er den Müll sortiert und anschließend entsorgt.

Historischer Müll: Jahrzehntealte Joghurtbecher

In gewisser Weise war Dinzinger in all den Jahren auch als Abfall-Archäologe tätig. „Ich bin in der Moosach auf Dosen mit Verschlüssen gestoßen, die es seit 50 Jahren nicht mehr gibt. Auf Plastiktüten von Firmen, die längst nicht mehr existieren. Auf Eisbecher, auf der eine Adresse mit dreistelliger Postleitzahl zu lesen ist.“ Auch etliche historische Joghurtbecher hat Dinzinger geangelt. Er habe die Fotos mit den Fundstücken an die Molkerei Weihenstephan geschickt. „Aber selbst der älteste noch tätige Mitarbeiter konnte sich nicht an diese Designs erinnern“, berichtet Dinzinger.

Uralte Plastikverpackungen schwimmen in der Moosach. Dinzinger hat versucht, die Herkunftszeit zu ermitteln. Doch bei der Molkerei Weihenstephan kann sich offenbar niemand mehr an diese Designs erinnern.

Immerhin: Bei Recherchen sei die Molkerei auf entsprechende Patentanmeldungen gestoßen, die noch aus den 50er und 60er Jahren stammen. „Es ist schaurig faszinierend, wie gut sich diese Verpackungen gehalten haben“, sagt er. „Hier sieht man, dass Plastik nicht verschwindet –nicht in 50 Jahren – und vermutlich auch nicht in 150 Jahren.“

Blesshühner bauen Nester aus Plastik

Verstörend findet er es, wie sehr sich selbst die Tierwelt schon an die Abfälle gewöhnt hat. Nahe seines Hauses ist er auf ein Nest von Blesshühnern gestoßen. „Die haben das mehr aus Plastikmüll gebaut als aus Grashalmen und Zweigen“, sagt Dinzinger. Dabei seien Kartoffelnetze etwa für Küken tödliche Fallen, weil sie sich dort erdrosseln könnten.

Wenn er Dosen aus dem Wasser holt, passiert es nicht selten, dass ein Krebs hervorkrabbelt. „Es ist schon blöd, dass die das inzwischen als tollen Lebensraum begreifen, aber das sind Dosen einfach nicht.“

Mehr Plastik als Natur: So viel Müll haben Blesshühner in einem einzigen Nest verbaut.

Unhappy End

Umso schwerer fällt es ihm, das Ruder jetzt wegzulegen – gezwungenermaßen. Denn Dinzinger ist in diesem Sommer nach Freising gezogen – weg von Marzling und damit auch weg vom direkten Moosach-Zugang. „Damit macht das Müllsammeln logistisch keinen Sinn mehr“, sagt er. „Denn es geht ja nicht nur darum, das Boot ins Wasser zu lassen, sondern den gesammelten Müll zu sortieren und zu entsorgen.“ Das habe er bisher immer daheim gemacht. „Aber den Müll von der Moosach nach Hause zu transportieren, das führt zu weit“, sagt er. „Und eine Entsorgungsfirma zu finden, die den Müll am Fluss abholt, das funktioniert nicht.“

Aus diesem Grund beendet Dinzinger sein Engagement schweren Herzens. „Der Gedanke, dass diese ganzen Mengen an Müll, die ich jeden Monat gesammelt habe, künftig munter flussabwärts treiben, ist bitter.“

Best-of aus der Erinnerungskiste: Besonderen Müll hat Ludwig Dinzinger aufgehoben. Ihm schwebt vor, eine Collage zu entwerfen. „Ich möchte der Öffentlichkeit einfach zeigen, wie viel Müll wenige Leute produzieren.“

Eine letzte Idee: Müll-Collage für Festivals

Auch deshalb hat er mit dem Moosach-Müll noch nicht abgeschlossen. Ein „Best of“ seiner Funde hat Dinzinger bei sich aufbewahrt, darunter auch die rund 700 Wodka-Flaschen. Daraus will er eine Collage machen und sie, sobald Corona es wieder möglich macht, auf alternativen Festivals wie dem Uferlos präsentieren.

„Ich möchte der Öffentlichkeit einfach zeigen, wie viel Müll wenige Leute produzieren“, sagt er. Und er hofft, dass die Behörden aktiver werden. „Für derartige Umweltverschmutzung existiert ein Bußgeldkatalog mit empfindlichen Geldstrafen“, berichtet Dinzinger. So kann eine in die Natur geschmissene Glasflasche zum Beispiel mit einer Strafe von bis zu 80 Euro geahndet werden. Dinzinger weiß, wie schwer es ist, einen derartigen Bußgeldkatalog im Alltag umzusetzen, weil man die Leute eben nicht erwische. „Aber das lastet mir einfach auf der Seele.“

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