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Hier ging’s zur Sache: Die Jungen wollten beim Rieger-Wirt in der Riegerau nach dem Krieg mal wieder tanzen. Lustig war’s – bis die Amerikaner anrückten.

Geschichte aus der Nachkriegszeit

Mama hinter Gittern: Als Notburga einst in Not geriet

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Ausgangsbeschränkungen, Sperrstunden, illegale Feiern - das gab es schon 75 Jahre vor Corona. Allerdings unter verschärften Bedinungen, wie Maria Grandl aus Marzling berichtet.

Freising/Marzling – Die eigene Mutter hinter Gittern – diese Familienanekdote hat Maria Grandl ihren Kindern und Enkelkindern schon oft erzählen müssen. Doch die Geschichte, wie Notburga Gamperl eine Nacht im Gefängnis saß, weil sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Ausgangsbeschränkungen verstoßen hatte und auf einer illegalen Party war, kommt der 66-Jährigen aus der Riegerau (Gemeinde Marzling) in diesen Tagen besonders oft in den Sinn. Nicht nur weil diese Ereignisse nun just 75 Jahre her sind, sondern weil es auch in Zeiten von Corona wieder um Kontaktsperren und Ähnliches geht.

Dabei hat Maria Grandl von den Erlebnissen ihrer Mutter selbst nur durch Zufall erfahren. „1974 habe ich als 20-Jährige in einer Freisinger Arztpraxis gearbeitet“, berichtet sie dem FT. „In einem Nachbehandlungsraum, nur durch Vorhänge abgetrennt, hielten sich manchmal bis zu sechs Patienten auf.“ Eines Tages betreute die junge Maria Grandl dort eine ältere Dame und unterhielt sich freundlich mit ihr. 

„Dann war ich ja mit deiner Mam ei‘g‘sperrt“

„Sie fragte mich nach meinem Namen und meiner Herkunft. Plötzlich ihr Ausruf: Jaaa, dann war ich ja mit deiner Mam ei’g’sperrt!“ Man hörte die berühmte Stecknadel fallen. Schock. „Wie, was? Im G’fängnis?“, fragte Maria Grandl nach. Antwort der fremden Dame: „Ja natürlich – in Freising in der Fischergassn!“ Die Marzlingerin ließ sich über die „Gschicht“ natürlich sofort aufklären. Abends daheim bestätigte die Mutter, Notburga, dann die Vorkommnisse und erzählte ausführlich von jener Nacht:

Geschichten von anno dazumal möchten Kinder und Enkel von Maria Grandl hören.

Im Frühsommer 1945, nachdem der Krieg endlich vorbei war und die Befreier, also die Amerikaner, dem Unheil ein Ende gesetzt hatten, waren alle unversehrten jungen Leute um Normalität bemüht und wollten endlich auch wieder tanzen, sich treffen und lachen. Auch Notburga, gerade 21 Jahre alt, sehnte sich nach etwas Abwechslung. Allerdings gab es ja damals auch eine Ausgangssperre durch die Amerikaner und sogar die Verdunkelung – nach 22 Uhr durfte nirgends mehr Licht brennen.

Wurde eingesperrt: Notburga Gamperl.

Wie war es damals möglich – ganz ohne Handy –, sich auf’m Danzbodn zu verabreden? Es funktionierte – und eines abends im Sommer 1945 waren rund 60 Personen beim Riegerwirt, dem heutigen Riedhof in Riegerau, um endlich einmal für ein paar Stunden der tristen Zeit zu entfliehen. Zwei Musikanten aus Marzling kamen mit dem Radl über den Isarsteg in Rudlfing ans Südufer. 

Sperrstunde vergessen - schon kamen die Amis

Auch den Lerchenfeldern kam die Veranstaltung recht. Schließlich waren auch sie auf der Südseite abgetrennt von Freising, da die Brücke bei einer Sprengung zerstört worden war. Die Mösler klemmten ihre Tanzschuhe ebenfalls ins Radl (Gummigaloschen waren bei den damaligen Straßenverhältnissen zur Fahrt notwendig) und fuhren bei Tageslicht zum Wirt. Sogar verletzte, teilweise amputierte Kriegsheimkehrer wurden herzlich empfangen.

„Natürlich haben dann alle vor lauter Ratschen beim Tanz die Zeit vergessen“, erzählt Maria Grandl. „Um 22.30 Uhr war halt das Licht noch nicht aus, und prompt standen die Amis an der Tür zum Gastraum.“ Mit Gewehren im Anschlag und Furcht einflößender Miene blickten sie umher. „Musik aus!“, rief ein großer schwarzer Soldat auf Deutsch, und die jungen Tanzgäste verteilten sich geschockt in die hintersten Ecken des Tanzbodens. 

Konnte noch flüchten: Adolf Gamperl.

Einige versuchten, sich zu verstecken – auf dem Heuboden. Vergebens. Denn natürlich schaute dort ebenfalls einer der Soldaten nach, und auf den Ruf „Ist jemand hier?“ kam eine leise Antwort: „Ja – i!“ Es war der Hans. Die anderen beiden Männer, die sich ebenfalls dort versteckt hatten, haben sich den Hans danach noch mal vorgeknöpft. Sie waren der Ansicht, niemals entdeckt worden zu sein, wenn er nur ganz still gewesen wäre.

Einer, der den Amerikanern indes entkam, war Adolf Gamperl: Notburgas Bruder war schon während des Krieges bei der „Freiheitsaktion Bayern“ als Kurierfahrer tätig, also schon geübt im Verstecken. „Er hat den Braten wohl gerochen“, ist sich Maria Grandl sicher. Ihrem Onkel gelang jedenfalls die Flucht, und so blieb ihm das Schicksal seiner Schwester erspart. 

In der Zelle verbrachte Notburga eine unruhige Nacht

Alle Feiernden wurden auf die Lastwagen der Amerikaner verladen und ins Freisinger Gefängnis an der Fischergasse gebracht, das damals noch kein Wirtshaus, sondern ein richtiger Knast war. Auch die Rieger-Wirtin wurde als „Verantwortliche“ mitgenommen. „In den Zellen verbrachten dann alle eine wahrscheinlich unruhige, restliche Nacht in Erwartung einer ungemütlichen Zukunft“, berichtet Maria Grandl. Doch schon am nächsten Tag nahte Hilfe.

Was ist denn hier los? Xaver Gamperl wunderte sich nicht schlecht, dass keines seiner Kinder zu Hause war.

Der Vater von Notburga, der Gamperl Xare, ging, wie immer, morgens um 4 Uhr auf seinem Hof von Schlafkammer zu Schlafkammer, um seine Mitarbeiter und Kinder zur Stallarbeit aufzuwecken – aber keiner war da! Den Unwillen des Vaters bekam als Erster Adolf ab. Der hatte sich vorsichtshalber die ganze Nacht in einem Versteck aufgehalten und sich erst am helllichten Tage wieder nach Hause getraut. 

Rief wütend im Zuchthaus an: Xaver Gamperl.

Er berichtete also dem Vater, dass die Jugend im Gefängnis saß. Der Xare, für eine gewisse Resolutheit bekannt, reagierte sofort, wie Maria Grandl berichtet: „Nach einem wahrscheinlich wütenden Anruf bei der Stadt Freising konnte mein Großvater dann seine Familie im Gefängnis abholen. Denn damals – wie heute – handelte es sich bei einer Landwirtschaft ja um einen systemrelevanten Beruf.“

Auch systemrelevante Berufe gab es damals schon

Für die Anekdote und andere Geschichten aus der alten Zeit interessieren sich inzwischen nicht nur Maria Grandls vier Kindern, sondern auch die fünf Enkelkinder. Für sie schreibt die Oma, die selbst, wie es der Zufall will, 1977 in den Riedhof eingeheiratet hat, inzwischen ihre Erinnerungen auf. Das Fazit der 66-Jährigen lautet: „Heute können wir über diese alten Geschichten sehr lachen, obwohl es damals eine schwierigere Zeit als heute war.“

Lesen Sie auch: Coronavirus in Freising: Stadt erstattet Kita-Gebühren im Juli zurück. Mehr Sicherheit im Straßenverkehr: Neue Überhol-Regeln sollen Schwächere schützen. Echinger erhält Anruf vom „Gericht“ – und wird um mehrere tausend Euro betrogen.

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