Eine warme Mahlzeit gibt es für jeden Besucher der Wärmestube. In der Mittagszeit kommen etwa 15 bis 20 Obdachlose oder andere Notleidende in die Einrichtung, wo sie von ehrenamtlichen Mitarbeitern wie Helen Menke und Elke Wenzel versorgt werden. Gestern traf auch noch eine Ladung Second-Hans-Kleidung zum Verteilen ein. Die drei Stunden reichen gerade, um auch mal einen Blick in die Zeitung zu werfen. „Die Wärmestube ist ein Segen“ – da waren sich gestern alle Besucher einig.

Kältepol Freising

Minus 18,2 Grad: Obdachlose sind in Gefahr

Landkreis - Mit minus 18,2 Grad wurde in der Nacht zum Montag am Messpunkt Flughafen einer der niedrigsten Werte in ganz Bayern gemessen. Seit zwölf Jahren war es hier nicht mehr so eisig. Die Folgen: Abschleppdienste im Dauereinsatz, Arbeiter mit Extrem-Kälteschutz, Eissport-Fans im siebten Himmel. Und: Obdachlose in Gefahr. Ein Bleibe für die Nacht gibt es für sie nämlich nicht mehr.

Die Wärmestube in der Vimystraße ist heute ausgelastet: In der ehrenamtlich betriebenen Einrichtung gibt es für alle Wohnsitzlosen, Hartz-IV-Empfänger und sonstigen Not leidenden Menschen warmes Essen, einen Kaffee oder Tee – auch eine warme Dusche. Aber nur von 11 bis 14 Uhr. Dann müssen die Obdachlosen – meist 15 bis 25 Männer, darunter einige wenige Frauen – wieder ins Freie. Bei zweistelligen Minustemperaturen. Wie überlebt man das?

Jeder, so erfährt man aus dem Kreis der Ehrenamtlichen, hat hier seine eigene Strategie: Übernachten in öffentliche Gebäuden wie Bahnhöfen, Flughafen oder in „Not-Wohnungen“ von Freunden – oder die Fahrt nach München, wo es Obdachlosenunterkünfte gibt.

Auf der Großbaustelle am Schlüterareal geht die Arbeit weiter. Marius David (l.), den Bauleiter Daniel Strachinaru gerade mit heißem Tee versorgt, trägt über der Unterwäsche drei Jacken. Er hat vor allem mit Moniereisen zu tun, an dem gestern auch mal die Handschuhe anfroren.

Im Gegensatz zu Freising. Hier wurde die Herberge an der Kammergasse im September 2014 geschlossen. Dem Katholischen Männerfürsorgeverein (KMFV), der die Trägerschaft 2006 übernommen hatte, war vom Hauseigentümer wegen Eigenbedarfs gekündigt worden. Und nachdem man mit dem Landkreis keine Einigung über ein Finanzierungsmodell erzielte – der Kreisausschuss lehnte eine Pauschalbezuschussung ab – schaute man sich auch gar nicht mehr nach einer Nachfolge-Immobilie um. Der Vorschlag aus dem Landratsamt wiederum lautete, der KMFV solle erst ein neues Objekt finden, dann könne man über die Finanzierung reden. So hat man jetzt jedenfalls im Landkreis Freising kein „niederschwelliges“ Übernachtungsangebot für Obdachlose mehr.

Da muten die „normalen“ Kälteprobleme harmlos an: Eingefrorene Diesel und Autobatterien, die ihr Leben ausgehaucht haben, halten die Teams des Abschleppdiensts Berghamer auf Trab: „Alle sechs Schleppwagen in Freising und der Filiale in Eching sind im Dauereinsatz“, berichtet Mitarbeiter Alexander Felsl. Gestern gab es Wartezeiten von bis zu drei Stunden: „Wir sind richtig im Stress“, berichtet Felsl, „auch die beiden Pannenautos sind pausenlos unterwegs, um Starthilfe zu leisten“.

Die Kälte hat es aber auch in sich: minus 18,2 Grad wurden gestern laut Meteorologin Lisa Brunnbauer vom Deutschen Wetterdienst in Weihenstephan am Flughafen gemessen – der tiefste Wert seit langer Zeit. Die Tiefstwerte der vergangenen Jahre: 12,9 Grad in 2016 und 12,3 anno 2013. Im Jahr 2005 war es das letzte Mal 18 Grad kalt, der absolute Rekordwert aber stammt vom 22. Januar 1942: sibirische minus 30,5 Grad.

Südbayern ist derzeit der Kältepol Europas, und der Raum Freising gleicht einer sehr großen Gefriertruhe. In Landshut war es gleichzeitig „nur“ 13,4 Grad kalt, in der Hallertau wurden 16,9 Grad, in Altomünster 17,4, in Reit im Winkl 17,0 und in Piding – Rekord! – 19,1 Grad gemessen. Und warum ist es noch eine Woche lang so fürchterlich zapfig? Lisa Brunnbauer nennt drei Faktoren: Ein stabiles Hoch, polare Kaltluft und eine geschlossene Schneedecke. „Die sorgt dafür, dass sich der Boden tagsüber nicht anwärmen kann“.

Kaltes Wetter fängt erst bei 20 Grad an, sagt Ronny Glaser (37) von der Entsorgungsfirma Heinz. Glaser stammt aus dem Erzgebirge – und ist Gefrierschrank-Temperaturen gewöhnt. Wetterfeste Schuhe und warme Handschuhe sind natürlich ein Muss auf dem zugigen Tritt am Ende des Fahrzeugs. Fahrer und Einsammler der Gelben Säcke wechseln sich auf der Tour regelmäßig ab und bleiben so fit und einigermaßen warm.

Für die Stadtwerke Freising ist der Dauerfrost kein Problem: Alles im grünen Bereich, meldet Stadtwerke-Chef Andreas Voigt, auch wenn es jetzt deutlich höhere Strom- und Gasverbrauchswerte gebe. Etwas problematisch seien der Dauerfrost für die Schwimmbad-Baustelle in Lerchenfeld: Dort müsse wegen des Termindrucks weitergebaut werden: „Derzeit werden die Keller verputzt und der Estrich gelegt“, berichtet Voigt. Da müsse kräftig „reingeheizt“ werden. Ende Februar müssten diese Arbeiten erledigt sein, da dann bereits Heizung und Pumpen geliefert würden. Und natürlich sind Rohrbrüche ein Thema. Weniger jetzt unter Permafrost als später, wenn der Boden wieder auftaut: „Dann kann es Verschiebungen und somit Rohrbrüche geben“.

Das Wasser ist auch ein Thema bei den Feuerwehren – Löschwasser. Dass die extremen Minusgrade zum Problem werden können, zeigte sich in der Nacht zum Montag bei einem Großbrand im Kreis Dillingen: Dort fror das Löschwaser ein. Ein Thema, das zumindest Josef Schwertl, Kommandant der Moosburger Feuerwehr, noch keine schlaflosen Nächte bereitet. „Mir selbst ist noch kein Einsatz untergekommen, bei dem starker Frost die Löscharbeiten behindert hätte.“ Ältere Mitglieder der Wehr würden sich allerdings an derartige Vorfälle erinnern: „Es gab wohl mal einen Brand am Moosburger Gries, da hat man die Schläuche als Stangen wieder heimgefahren, weil sie eingefroren waren.“

An die 500 Eis-Fans tummelten sich am Sonntag auf dem Vöttinger Weiher, der immer eines der ersten tragfähigen Gewässer im Landkreis ist. Am schönsten ist natürlich das Eisstockschießen: Den verstaubten Stock aus dem Keller geholt, einen Korb mit heißen Getränken und Brotzeit gepackt – und der Spaß kann beginnen. Natürlich muss erst einmal mit dem Schneeschieber das blanke Eis freigelegt werden. Aber das ist auch ein ideales Aufwärmtraining. Übrigens: Eine hundertprozentige Sicherheit, dass ein Eis trägt, gibt es nicht – sagt die Freisinger Wasserwacht.

Den Bürgern kann Schwertl in diesem Zusammenhang aber Entwarnung geben: „Bei unseren Erstangriffen auf ein Feuer bedienen wir uns am Löschwasser in unseren Tanks, und darin herrschen – wie im Feuerwehrhaus auch – milde 17 Grad Celsius. Mit diesem Vorrat bekommen wir die allermeisten Brandeinsätze, die wir haben, in den Griff.“ Auch beim Nutzen von Hydranten erwartet Schwertl keine Probleme: „Die Absperrventile liegen so tief in der Erde, die lassen sich auf jeden Fall noch öffnen.“ Hydranten seien extra so konstruiert, dass sie frostfrei bleiben. Schwierig könnte es höchstens werden, wenn auf offene Gewässer als Löschmittelquelle zurückgegriffen werden muss, etwa Weiher oder Bäche. Schwertl: „Da kommt man dann nur schwer an das Wasser ran. Derzeit ist sogar schon das Wasser im Moosburger Mühlbach an manchen Stellen gefroren.“

Apropos Gefrieren: Die Freisinger Wasserwacht rät Schlittschuhläufern und Eisstockschützen trotz der Eiseskälte zur Vorsicht: „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es hier nicht“, weiß Vorsitzende Katja Scherbaum. „Deshalb geben wir auch nie ein Eis frei“. Das Betreten erfolge „immer auf eigene Verantwortung“.

Scherbaum rät, immer auf den gesunden Menschenverstand zu achten. Generell ein guter Rat – fürs Leben in der Gefriertruhe.

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