Internierungs- und Arbeitslager in Moosburg
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Der Eingang zum Internierungs- und Arbeitslager, das die US-Besatzungsmacht nach Kriegsende im ehemaligen Stalag VII A in der Moosburger Neustadt betrieb.

Civilian Internment Camp No 6

Amerikanisches Internierungslager in Moosburg: Historiker gibt neue Einblicke in Nachkriegszeit

Nach Kriegsende wurde Moosburgs Stalag VII A unter amerikanische Kontrolle zum Internierungslager umgewandelt. Ein Historiker beleuchtet nun dessen Geschichte.

Moosburg – Zahlreiche Menschen wurden ab 1945 von der amerikanischen Besatzungsmacht in das Moosburger Internierungslager verbracht – darunter Kriegsverbrecher und Funktionsträger des Dritten Reiches. In einem umfassenden digitalen Vortrag beschäftigte sich am Mittwoch Dominik Reither mit dem Alltag der Internierten und färbte mit neuen Erkenntnissen dieses lange unbeachtete Thema neu ein. Schon bald wird dazu auch ein Buch erscheinen.

Seine Erkenntnisse, so Reither einführend, seien gestützt durch zahlreiche Dokumente, Zeugenaussagen und der Aktenlage aus Militärgeheimdiensten. Zwar sei das Thema grundsätzlich etwas „sperrig“, allerdings würden die Erkenntnisse daraus helfen zu verstehen, wie nach dem Krieg mit Nationalsozialisten umgegangen worden sei.

US-Kräfte fürchten Partisanen-Kämpfer

Der Hintergedanke solcher Internierungslager sei dabei einfach gewesen: vor allem Sicherheit. Denn die Amerikaner hätten durchaus Angst vor möglichen Partisanen-Kämpfen gehabt und seien ja auch zeitweise auf fanatischen Widerstand gestoßen. Zudem, und das gab Reither zu bedenken: Die Besatzer konnten sehen, wie Deutsche in der Endphase des Krieges mit eigenen Leuten umgegangen sind – beispielsweise das Erhängen von Menschen, die eine weiße Fahne gehisst hatten. Zudem gab es auch Aufrufe zum Guerilla-Kampf, beispielsweise von Wilhelm Keitel – oder Joseph Goebbels’ Aktion Werwolf, die gegen Besatzer vorgehen sollte. In der Gegend um Landshut seien damals durchaus Depots mit Waffen und Munition für solche Widerstandsaktionen gefunden worden. Ein weiteres, wenngleich wohl auch schwächeres Motiv: die Entnazifizierung der deutschen Bevölkerung, die ja zu einer Demokratie hingeführt werden sollte.

Lager-Inspektion durch Generalmajor Horace McBridge vor der Übergabe an die deutsche Verwaltung am 10. Oktober 1946.

Unterteilt waren die Lager in verschiedene Blöcke, um die Gruppen wie Frauen oder Kriegsverbrecher zu separieren. Doch wer kam überhaupt ins Lager? Dazu gab es unter anderem einen „Verhaftungskatalog“, der für die Festnahme von beispielsweise Parteifunktionären, Offizieren der SS, Gestapo-Personal, aber auch Industriellen, die das Regime unterstützt hatten, benutzt wurde. Da die Gefängnisse für die Internierungen ungeeignet waren, nutzten die Amerikaner zum Beispiel in Dachau das Konzentrationslager und in Moosburg das Kriegsgefangen-Stammlager Stalag VII A zur Festsetzung ihrer Gefangenen.

Der Moosburg-Historiker Dominik Reither arbeitet die Lager-Geschichte auf.

Von Juni 1945 bis April 1948 befanden sich bis zu 10 000 Personen in dem Civilian Internment Camp No 6 in Moosburg. Die Zustände im Lager selbst waren anfänglich wohl eher schlecht, vor allem bei der Ernährung mit 900 Kalorien pro Tag. Allerdings verbesserte sich der Kampf um die Lebensmittel schon recht bald, sodass die Versorgung im Lager zeitweise sogar besser war als für die Menschen außerhalb. Hintergrund: Die Amerikaner wollten auf jeden Fall vermeiden, dass ihre Internierungscamps als Konzentrationslager gesehen werden. Die 62 Todesfälle in dieser Zeit sieht Reither als sehr gut belegbar, darunter sechs Selbstmorde und vier Erschießungen bei Fluchtversuchen. Jene 1000 Tote, die immer wieder genannt werden, sind laut seiner Recherche eher symbolhaft zu sehen für die verlorene Lebenszeit im Lager.

Theater und Kurse für Buchhaltung im Lager

Offener Brief aus den USA appelliert an Moosburgs Verantwortung

In der Erinnerungs-Debatte um das Stalag VII A in Moosburg wurde kürzlich eine Machbarkeitsstudie präsentiert. Parallel dazu machte ein emotionaler Brief die Runde.

Im Lager selbst, das anfänglich lose von den Amerikanern geleitet wurde und später von Deutschen, entstanden relativ schnell diverse Kulturprogramme wie Theateraufführungen oder Kurse in Buchhaltung. Auch eine Lagerbibliothek war vor Ort, in der allerdings dann wohl auch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler vorgefunden wurde. Sportlichen Aktivitäten wurde reichlich nachgegangen, auch kirchliche Gemeinden wurden gegründet. War der Kontakt zur Außenwelt anfänglich noch komplett unterbunden worden, lockerten sich diese Einschränkungen nach und nach – bis hin zu Besuchen im Lager. Dennoch: Die Stimmung ist wohl laut Reither nicht die beste gewesen. Viele Internierte fühlten sich von den Amerikanern schikaniert und einer fremden Macht ausgeliefert. Auch die Einsicht über die eigenen Fehler und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fehlte wohl weitgehend. Hier, so Reither, haben allerdings auch die Amerikaner versäumt, den Gefangenen beispielsweise Fotografien oder Filme aus Konzentrationslagern zu zeigen – auch die Nürnberger Prozesse wurden nur marginal thematisiert. Schulungen bezüglich eines demokratischen Verständnisses fanden kaum oder viel zu spät statt. So ist es laut Reither auch nicht verwunderlich, dass bei so manchen jene Grundeinstellung blieb: Der Nationalsozialismus sei im Grunde gut gewesen, aber eben nur schlecht umgesetzt.

Auch kirchliche Gemeinden wurden im Lager gegründet, wie dieses Foto veranschaulicht.

Im Fazit ging Reither der Frage nach, wie Internierungslager zu bewerten seien. Eines sei ganz deutlich zu vermerken: Der Unterschied zu Konzentrationslagern war erheblich. Den Internierten ging es, jedenfalls zu einem späteren Zeitpunkt, von der Versorgung her nicht schlechter als den Zivilisten im Nachkriegsdeutschland. Kritik könne allerdings an den Amerikanern geübt werden, denn laut Reither hatten sie wohl „keinen Plan“, wie es nach der Verhaftung weitergehen soll.

Manch Gefangener wurde verwechselt

Die Chance, auf die Gefangenen mit demokratischer Basislehre und der Auseinandersetzung mit den Gräueltaten einzuwirken, wurde seiner Meinung nach vertan. Verwaltungstechnisch ging ebenfalls vieles deutlich zu langsam – auch bei Verwechslungen von Internierten, die zwar selten waren, aber dennoch vorkamen. Nicht zu vergessen: Auch Widerstandskämpfer befanden sich fälschlicherweise dort. Jedes einzelne Schicksal müsse unbedingt individuell betrachtet werden – denn die Internierung in das Moosburger Lager bedeutete nicht automatisch, dass der Gefangene ein Nationalsozialist war, erklärte Dominik Reither. Wer herausfinden möchte, ob Angehörige im Civilian Internment Camp No 6 untergebracht worden waren, sollte sich an das Staatsarchiv München wenden, dort gibt es eine Internierungskartei, die allerdings nicht vollständig ist.
Richard Lorenz

Gut zu wissen

Wer mehr über das Internierungslager Moosburg erfahren will, kann demnächst das Sachbuch „Civilian Internment Camp No 6“ von Dominik Reither kaufen. Mehr Informationen und Vorbestellungen unter www.stalag-moosburg.de/buch.

Zum Thema: Mit einer Ausstellung, die physisch in der Moosburger Vhs aufgebaut und virtuell veröffentlicht ist, wurde kürzlich an die Befreiung des Stalag VII A erinnert. Hier sehen Sie die virtuelle Präsentation.

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