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Erstmals Stolpersteine in Moosburg verlegt: Diese zwei Schicksale verbergen sich hinter den Mahnmalen

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Von: Armin Forster

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Während Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein am Stadtgraben setzt, erinnert Wilhelm Ellböck (am Mikrofon) an das Leben seines Stiefgroßvaters Heinrich Hiermeier.
Während Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein am Stadtgraben setzt, erinnert Wilhelm Ellböck (am Mikrofon) an das Leben seines Stiefgroßvaters Heinrich Hiermeier. © Lasse Saake

Auch in Moosburg erinnern nun zwei Stolpersteine an Opfer des Nazi-Regimes. Die Verlegung der Messing-Mahnmale macht ihre Schicksale damit für alle sichtbar.

Moosburg – Bereits kurz nachdem sich die kleine Versammlung am Dienstag aufgelöst hatte, erzielten die Kunstwerke ihre Wirkung: Immer wieder stoppten Passanten vor den frisch in den Boden eingelassenen, handflächengroßen Messing-Quadraten. Für einen Moment wurden die Betrachter aus ihrem Alltag gerissen und zum Lesen der Inschrift verleitet. Damit geschah genau das, was die sogenannten Stolpersteine bewirken sollen: Die Moosburger nehmen wahr, dass es auch in ihrer Stadt einst Verfolgte und Opfer des Nazi-Terrors gab.

Im ganzen Land und vielen weiteren europäischen Staaten hat der hessische Künstler Gunter Demnig, auf dessen Idee die Aktion beruht, bereits zehntausende Stolpersteine verlegt (siehe Infobox). Demnig kooperiert dabei meist mit lokalen Initiativen. Und das war im Moosburger Fall nicht anders: Dass in der Dreirosenstadt diese Form der Erinnerungskultur umgesetzt wird, ist einem fraktionsübergreifenden Antrag im Stadtrat zu verdanken, der im Januar dann auch einstimmig beschlossen worden ist.

Stolpersteine-Künstler Gunter Demnig in Moosburg
Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit seinem Projekt „Stolpersteine“ an NS-Opfer - nun auch in Moosburg. © Sophie Lückermann

Gut zu wissen: Steine als Mahnmal

Sie sollen die Verfolgten des NS-Regimes in Erinnerung halten: An über 1800 Orten sind bereits sogenannte Stolpersteine platziert worden. Das Projekt geht auf den deutschen Künstler Gunter Demnig zurück. Er verlegt seit 1992 rund zehn mal zehn Zentimeter große Messingsteine vor den letzten freiwillig gewählten Wohnorten von Verfolgten der Nazis. Dabei sollen alle Opfergruppen abgedeckt und sichtbar werden, dass jeder – Nachbarn und Freunde – Opfer von Unrecht, Deportation und Mord werden konnte. In der Region haben Städte wie Freising und Landshut bereits Stolpersteine verlegen lassen. Im Juni 2021 zählte das Projekt eigenen Angaben zufolge weltweit knapp 90.000 installierte Steine.

Am Dienstagvormittag nun trafen sich kommunale Repräsentanten, Vertreter lokaler Verbände, engagierte Privatleute sowie Nachfahren der Betroffenen mit dem Künstler, um die Stolpersteine zu verlegen. Wie im Stadtratsbeschluss angeregt, waren auch Schüler des Karl-Ritter-von-Frisch-Gymnasiums mit dabei: Die Jugendlichen befassen sich in ihrem Projekt-Seminar intensiv mit den hiesigen Opfern des NS-Regimes und ihrem Andenken. Gleichzeitig verliehen die Schüler der Zeremonie mit Gedichten und Musik einen würdigen Rahmen.

Stefan John, Linke-Stadtrat und federführender Initiator der Aktion in Moosburg, dankte vor Ort speziell Guido Hoyer: Vom Kreisvorsitzenden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) stamme „die inhaltliche Vorarbeit und der Startschuss der Initiative Stolpersteine für Moosburg“. Susanne Carus-Zitzlsberger habe dankenswerterweise die Organisation übernommen und die Stadtverwaltung „große und unkomplizierte Hilfe“ bei der Vorbereitung geleistet, so John.

Zwei Stolpersteine in der Moosburger Innenstadt platziert

Egal weshalb die Person verfolgt, deportiert oder getötet wurde: „Jede ist wichtig und jedes Opfer verdient Gedenken“, betonte John. Die Steine würden die Orte zeigen, „an denen die Menschen wohnten, lebten und arbeiteten, bis sie gewaltsam aus ihrem Umfeld, aus ihrer Stadt, aus ihrem gewohnten Leben gerissen wurden durch ein faschistisches System ohne Rücksicht auf den Einzelnen“.

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Bei den Moosburgern, an die vor ihrer einstigen Wirkungsstätte mit einem Stolperstein erinnert wird, handelt es sich um Alois Weiner (1872 - 1953, Auf dem Gries 4) und Heinrich Hiermeier (1907 - 1940, Stadtgraben 30). Über sie wurden Auszüge aus ihrem schicksalhaften Leben vorgetragen (siehe nachfolgende Absätze). Das ursprünglich dritte für einen Stolperstein vorgeschlagene NS-Opfer, Koloman Wagner (1905 – 1944), erhielt auf Wunsch seiner Familie keine Erinnerung in dieser prominenten Form.

Am Stadtgraben 30 wird in Moosburg an Heinrich Hiermeier erinnert.
Am Stadtgraben 30 wird in Moosburg an Heinrich Hiermeier erinnert. © Armin Forster

Heinrich Hiermeier: politisch standhaft

An Heinrich Hiermeier erinnern Wilhelm Ellböck, Moosburgs Stadtarchivar und gleichzeitig Stiefenkel Hiermeiers, sowie VVN-BdA-Kreischef Guido Hoyer:

Heinrich Hiermeier kam 1907 in Forstkastl bei Altötting zur Welt. Am 13. September 1929 heiratete er in Moosburg Christiana Ellböck, der zuvor als verlassene, alleinerziehende Mutter mit ihrem einjährigen Sylvester ein Leben in Armut und Missachtung gedroht hatte. Das Paar bekam dann noch fünf gemeinsame Kinder, von denen drei bereits kurz nach ihrer Geburt verstarben.

Unterbrochen von Zeiten der Arbeitslosigkeit ernährte Heinrich Hiermeier die Familie als Hilfsarbeiter. Politisch engagierte er sich ab 1931 für die Moosburger KPD, wo er Kassier war. Sofort nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde er verhaftet und zwei Monate im Gefängnis Moosburg eingesperrt. Seiner antifaschistischen Einstellung blieb er jedoch treu. 1936 meldete die Gendarmeriestation Moosburg an das Bezirksamt, Hiermeier sei „öffentlich bezüglich seiner früheren Einstellung nicht mehr hervorgetreten, aber seinen Arbeitskameraden gegenüber hat er schon durchblicken lassen, dass er mit dem jetzigen System nicht einverstanden sei“. 1936 wurde er erneut verhaftet und wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu zwei Jahren und vier Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach Auffassung der NS-Richter sei bei Hiermeier „die tiefeingewurzelte Meinung für die Kommunistische Partei wieder durchgebrochen“. Belastungszeuge war ein Bekannter von Hiermeier, Rupert Krempl, der aussagte, Hiermeier habe ihn aufgefordert, bei der Wehrmacht für die KPD zu werben. Weiter habe der Kommunist geäußert, es sei „notwendig, dass zuerst die ,Großkopferten‘ – womit er wohl die maßgebenden Persönlichkeiten der Regierung meinte – weg müssten“.

Zwangsarbeiter für Führer-Bauvorhaben am Obersalzberg

Nach dem Ende seiner Haft in Straubing 1938 arbeitete Hiermeier unter anderem bei der Stadtgemeinde Moosburg und bis April 1939 bei der Firma Josef Büchl. Danach kam er ins Lager „Antenberg“ in der Gemeinde Obersalzberg im Berchtesgadener Land. Die dortigen rund 1000 Zwangsarbeiter hatten die gigantischen Führer-Bauvorhaben zu realisieren. Ob Hiermeier freiwillig dort arbeitete, oder zur Zwangsarbeit verschleppt wurde, ist unklar, ebenso die Umstände seines Todes am 15. Februar 1940. Während im Sterbematrikel der Pfarrei St. Kastulus zu lesen ist: „abgestürzt vom Gerüst, Schädelbruch, innere Verblutung, Halswirbelbruch“, deutete die Moosburger Zeitzeugin Maria Keller an, dass Hiermeier ermordet wurde. Dass Morde als „Unglücksfälle“ getarnt wurden, war in der NS-Zeit gängige Praxis.

Christiana Hiermeier stand nun alleine mit drei unmündigen Kindern da und kämpfte um Unterstützung. Da das Ganze offiziell als Unfall deklariert worden war, waren die Entschädigungen immer entsprechend. Dies erschwerte auch nach dem Krieg ihren Anspruch auf Wiedergutmachung, da in allen Unterlagen das Wort „Unfall“ stand.

Dankbar sind Hiermeiers Nachfahren noch heute der Moosburger Familie Heckenstaller – für deren Herz und Zivilcourage: Trotz aller Anfeindungen des Hitler-Regimes durften die Hiermeiers in deren Haus leben. Stellvertretend dankt man der Heckenstaller-Tochter Elfriede und ihrem Mann Andreas Faltermaier „für alles“.

Der Moosburger Stolperstein für Alois Weiner liegt Auf dem Gries 4.
Der Moosburger Stolperstein für Alois Weiner liegt Auf dem Gries 4. © Armin Forster

Alois Weiner, der jüdische Textilhändler

Die Lebensgeschichte von Alois Weiner hat Guido Hoyer, Kreisvorsitzender des VVN-BdA, recherchiert:

Alois Weiner wurde 1872 in Labetin (heute Tschechien) geboren. Die Familie gehörte der israelitischen Kultusgemeinde an. 1897 kam er nach Bayern, ab 1901 war er in Moosburg ansässig, wo er ein Textilgeschäft eröffnete. Im September 1903 heiratete Alois Weiner Klara Brunner.

Im Ersten Weltkrieg war er Soldat. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 begann für ihn eine Phase politischer Aktivität: Er engagierte sich für die SPD, war Mitglied im Moosburger Arbeiter- und Bauernrat und gehörte dem Bezirksrat an. Enttäuscht von der Entwicklung der Weimarer Republik, weit entfernt von Weiners Idealen einer demokratischen und sozialen Gesellschaft, zog er sich in den 1920er Jahren aus der Politik zurück, widmete sich nur noch seinem Geschäft. Als die NSDAP 1933 an die Macht kam, begann bald der Terror gegen den einzigen jüdischen Bürger der Stadt. Kunden, die Weiners Geschäft betraten, wurden fotografiert, um sie einzuschüchtern.

Auch er wurde überwacht, sein Telefon abgehört, das Privatleben ausspioniert. Schließlich kam heraus, dass er eine Freundin hatte: seine frühere Buchhalterin Maria Abel. Sie war sogenannte „Arierin“, das Verhältnis also nach den Nürnberger Gesetzen „Rassenschande“. Die beiden lebten fortan in ständiger Angst. Die Sache diente als Druckmittel, um ihn aus Moosburg zu vertreiben. Die Eheleute Weiner sahen die Scheidung als einziges Mittel, um das Geschäft, das „entjudet“ werden sollte, zu retten. 1937 verließ Alois Weiner Moosburg Richtung München, Klara Weiner nahm ihren Mädchennamen „Brunner“ wieder an und führte das Geschäft als „arisch“ weiter. Den Kontakt brach sie dennoch nicht ab, obwohl ihr Moosburgs NSDAP-Chef, Bürgermeister Hermann Müller, drohte, den Status des „deutschen Geschäfts“ zu entziehen.

Abtransportiert ins KZ Theresienstadt

1942 trat Alois Weiner zur katholischen Kirche über. Im Zuge der „Entjudung des Wohnungsmarkts“ musste er mehrmals umziehen, bis er im „Sammellager“ Berg am Laim und zur Zwangsarbeit in der Flachsröste Lohhof landete. Fast 70-jährig und gichtkrank, musste er täglich mehrere Stunden zu Fuß zum Arbeitsplatz gehen, da Juden keine Bahnen und Busse benutzen durften. Am 16. Juli 1942 wurde Weiner in das KZ Theresienstadt abtransportiert. Dies war zwar kein Vernichtungslager, wo die Menschen ins Gas geschickt wurden. Die Überlebenschancen standen dennoch sehr gering: 90 Prozent der Deportierten starben an unbehandelten Krankheiten oder man ließ sie verhungern.

Weiner gehörte zu den Überlebenden. Im Juni 1945 traf er in Moosburg ein, 1947 heiratete er Maria Abel. Der betagte und durch die Haft stark geschwächte Weiner stellte sich trotz schwerer gesundheitlicher Probleme sofort dem Wiederaufbau der Demokratie zur Verfügung. Er war an der Gründung der Moosburger SPD beteiligt, gehörte 1945 bis 1948 dem Stadtrat und bis zum Tod dem Kreistag an. Er war tatkräftig an der Entnazifizierung beteiligt, vor allem aber sozial engagiert: Er leitete das Moosburger Fürsorge- und Wohlfahrtsamt, war zuständig für das Altersheim „Elisabethenheim“, zwei Armenhäuser und das Waisenhaus. Weiner setzte auch sein eigenes Einkommen zur Unterstützung Notleidender ein. Alois Weiner starb am 21. September 1953.

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