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Im Keller: Sein eigenes kleines Studio-Reich hat sich Nicolai Retzlaff in einem Untergeschoß im Moosburger Süden eingerichtet. Hier spielt er nicht nur selbst Instrumente ein, sondern arrangiert vor allem auch Musik am PC.

„Phantomschmerz“

Der Kino-Komponist: Nicolai Retzlaff produziert Filmmusik in Moosburg

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Die Töne, die gerade in einem Moosburger Keller entstehen, werden bald in deutschen Kinos zu hören sein. Denn der Musiker Nicolai Retzlaff komponiert hier Filmmusik. Für den 29-Jährigen ist es das Größte, was er bislang angepackt hat.

Moosburg – Es geschieht jeden Mittwochabend. Dann endet für Nicolai Retzlaff die Teilzeit-Woche als Elektroinstallateur und es beginnen die vier Tage und fünf Nächte als Komponist. Denn der 29-Jährige – rotblonde Mähne bis zum Kinn und Lederbändchen an den Handgelenken – produziert von seinem Studio im Moosburger Süden aus Filmmusik. Und gerade steckt er mittendrin in einem riesengroßen Auftrag.

Instrumente spielt er, seit er fünf ist. Während der Grundschule bekommt Nicolai Keyboardunterricht, doch schon als zehnjährigem Pimpf wird ihm klar: Er hat es satt, ständig nur fremde Musik nachzuspielen. Seine neue Liebe ist das Schlagzeug. Damit kann er sich austoben, experimentieren, Rhythmusgefühl entfalten. 

Gemeinsam mit Freunden werden Bands gegründet, der Autodidakt probiert alle möglichen Instrumente und Genres durch. Zuletzt sitzt er an den Drums der Trash-Metal-Band Hokum, gemeinsam spielt man in rund 15 Jahren über 100 Livekonzerte und ergattert sogar einen Auftritt in einer TV-Werbung für die Harald-Schmidt-Show. Inzwischen herrscht aber auch bei Hokum Pause.

Produktiv: Nicolai Retzlaff macht seit seiner Kindheit ständig Musik. Er spielte in diversen Bands und brachte sich selbst zahlreiche Instrumente bei.


Doch keine Musik zu machen, kommt für den kreativen Kopf nicht in Frage. Zu Hause im Keller hat sich Nicolai Retzlaff über die Jahre sein eigenes kleines Musikstudio aufgebaut. Allzu große Menschen müssen hier unten den Kopf einziehen, wenn sie sein Reich betreten. 

Die Musik aus dem Computer klingt nach einer kompletten Orchester-Besetzung

An der holzvertäfelten Wand hängen diverse Gitarren, vor dem Schreibtisch mit Monitoren, Boxen, Mikrofon und Reglern stehen zwei E-Pianos. Mit diesem Equipment und professioneller Software kann Retzlaff Musikstücke aufnehmen, die von einem vollständigen Orchester nur schwer zu unterscheiden sind. Perfekt für sein derzeitiges Projekt.

An diesem Mittwochabend, der Baustellenstaub ist frisch heruntergeduscht, lässt sich der 29-Jährige in seinen Ledersessel fallen, zündet eine Zigarette an und startet mit ein paar Klicks ein Videotelefonat. Auf dem Bildschirm erscheint Andreas Olenberg. Der 27-Jährige sitzt im 600 Kilometer entfernten Espelkamp, nördlich von Bielefeld. Und man sieht seinen schmalen Augen an, dass er an diesem Tag schon lange vor dem Computer sitzt. Aber Olenberg, Dreitagebart und grüner Kapuzenpulli, strahlt über beide Ohren, als er Retzlaff erblickt. „Hi Nico!“ – „Servus Andi!“

„Noch nie so etwas Riesengroßes produziert“

Die beiden sind sich sehr vertraut, seit sie quasi täglich zusammenarbeiten. Olenberg ist Regisseur und einer der Köpfe der Filmfirma Camcore. Die ist seit 2003 auf Kurzfilme spezialisiert, wurde für ihr jüngstes Werk „Revolve“ sogar mit dem Deutschen Kamerapreis ausgezeichnet. Nun wagt sich Camcore an den ersten Kinofilm. Und Nicolai Retzlaff komponiert die Musik dazu. Er sagt: „Ich hab schon brutal viel produziert in meinem Leben. Aber nie so etwas Riesengroßes – das ist ein echtes Abenteuer.“ Auf dem Bildschirm nickt Andi. Auch für ihn ist es eine nie dagewesene Herausforderung.

Doch wie kommt ein Metal-Schlagzeuger überhaupt zur Filmmusik? „Ich hab’ auch Hardrock und Pop gemacht. Mit der Zeit bin ich bei Instrumentalmusik gelandet“, erzählt Retzlaff. Ihn habe es gereizt, lange Stücke zu schreiben, nicht nur die üblichen Fünfminüter. Und so fing er an, Blockbustern wie „Stirb langsam“ oder dem Animationsstreifen „Die Pinguine aus Madagascar“ den Ton abzudrehen – und eigene Musik dafür zu schreiben. Parallel veröffentlichte er immer wieder Kompositionen auf seiner Homepage und der Musik-Plattform Soundcloud.

Im Kino: Nach diversen erfolgreichen Kurzfilmen wagt sich die Nachwuchs-Produktionsfirma Camcore mit „Phantomschmerz“ erstmals an einen 90-Minüter. Camcore-Mitglied Daniel Littau (Bild) spielt selbst eine der Hauptrollen.


Zur Kollaboration mit Camcore kam es dann eher zufällig. „Ich hatte mir ,Revolve‘ angeschaut und den Machern spontan eine E-Mail geschrieben“, sagt der Moosburger. „Aber nur mit einem Kompliment für den Film, nicht mit einer Anfrage.“ Zwei Wochen später antwortete Andreas Olenberg. „Ey, du machst ja Musik! Wieso hast du das nicht gleich gesagt?“

Denn obwohl „Revolve“ bereits fertig und veröffentlicht war, brauchten die Macher neue Musik für das Werk. Es gab Probleme mit der Musiklizenz, YouTube hatte den Film gesperrt, es musste schnell gehen. Olenberg: „Eine Woche später hat Nico uns plötzlich den kompletten Soundtrack geschickt. Und der war so viel cooler als der alte. Da stand fest: Okay, wir müssen zusammenarbeiten.“ Seither, sagt der Regisseur, „ist Nico unser Hans Zimmer“. Ein Vergleich mit dem Großmeister der Filmmusikbranche – da muss auch Retzlaff lachen. Aber Olenberg legt nach. „Unglaublich, wie schnell Nico ist. Es wirkt, als ob er alles nebenbei aus dem Ärmel schüttelt.“

Bis zu 100 Tonspuren arrangiert er für den Soundtrack. Der klingt nach Hollywood

Nun also arbeitet man am Kinodebüt. „Phantomschmerz“ heißt der Mix aus Krimi-Drama und Thriller. Darin will ein junger Taxifahrer den verschleierten Mord an seinem kleinen Bruder aufdecken. Es ist beinahe ein No-Budget-Projekt, die Produktionskosten von 60.000 Euro kamen über Sponsoren und Crowdfunding zusammen. Viele Beteiligte haben kostenlos mitgearbeitet, auch prominente Schauspieler verzichteten auf ihre Gage. Sven Martinek etwa, bekannt aus der RTL-Actionserie „Der Clown“, hat 23 Drehtage für lau mitgearbeitet – „weil er das Drehbuch so geil fand“, wie Andreas Olenberg sagt.

Prominent: In der Besetzung von „Phantomschmerz“ tauchen bekannte Schauspieler wie Sven Martinek (l.; „Der Clown“) und Jessica Boehrs (r.; „Eurotrip“) auf.


Die Dreharbeiten sind inzwischen abgeschlossen, jetzt sitzen sie bei Camcore am Schnitt. Währenddessen unterlegt Retzlaff in seinem Kellerstudio Szene für Szene mit Melodien. Hört man in die Stücke hinein, klingt es, als ob da eine ganze Musiker-Mannschaft am Werk sei. 50 bis 100 Tonspuren umfasst so ein Werk, das sich durchaus mit Hollywood-Soundtracks messen kann. 

Streicher und Synthesizer bauen Spannung auf, sanfte Klavierklänge umtänzeln die Charaktere mit Melodie. Dann wieder setzt pochender Groove ein. Im Film geht es um Organspende, um Tod; die Musik dazu hat etwas Düsteres. Irgendwie passend zu Retzlaff, der am liebsten Schwarz trägt. Manchmal taucht die Musik fast komplett in den Hintergrund ab, um im entscheidenden Moment wieder aufzublitzen. Als etwa eine junge Frau im Bild erscheint, werden die Streicher lauter. Retzlaff erklärt: „Man merkt anhand der Musik sofort, die Frau spielt später noch eine Rolle.“

Nicht alle Instrumente sind aber am Computer künstlich erzeugt. Über das Internet hat der Moosburger die Londoner Cellistin Paulina Mikolajczyk kennengelernt und engagiert. „Ich schick ihr Ideen, Noten und Geld – sie nimmt es für mich auf.“ Er habe unbedingt ein echtes klassisches Instrument in seiner Musik haben wollen, sagt er. „Und Cello spielen kann ich nicht.“ Dafür stammen Gitarre und Schlagzeug aus den Händen des 29-Jährigen.

Am 31. Oktober ist Deadline: Dann ist bei der Berlinale Einsendeschluss

In den kommenden Monaten wird er sich noch so manche Nacht um die Ohren schlagen, genau wie die Filmemacher in Espelkamp. Denn „Phantomschmerz“ muss bis 31. Oktober fertig sein. „Dann ist Einsendeschluss für die Berlinale“, erklärt Andreas Olenberg. Der Wettbewerb ist für das junge Unternehmen ohne etabliertes Netzwerk und ohne Verleiher-Maschinerie im Kreuz die Chance, bei einem breiten Publikum Aufmerksamkeit zu erhalten.

Im Knast: Um sich einen Eindruck von den Dreharbeiten zu verschaffen, hat Retzlaff (2. v. l.) auch einige Tage am Filmset von „Phantomschmerz“ mitgearbeitet – hier in der JVA Bielefeld-Brackwede. Ebenfalls im Bild: Regisseur Andreas Olenberg (2. v. r.) und Kameramann Sebastian Sellner (Mitte), zwei der drei Führungsköpfe im jungen Filmteam Camcore.


Der Regisseur sagt: „Der Film soll uns Türen öffnen, als Referenz für größere Projekte und auch mal eine Filmförderung dienen.“ Mit dem zweiten Kinofilm könne man dann reich werden, sagt Olenberg und lacht wieder. Die Verträge mit allen Beteiligten sind so gestaltet, dass es Geld gibt, sobald der Film etwas einspielt. Auch Nicolai Retzlaff würde in diesem Fall einen ordentlichen Anteil bekommen.

Bis es so weit ist, finanziert allein seine Teilzeitstelle als Elektroinstallateur den Lebensunterhalt. „Ein sicheres Einkommen macht die Arbeit mit der Musik schöner“, sagt Retzlaff. „Das lässt mich kreativer sein, und ich muss nicht jeden Auftrag annehmen, nur um die Miete zahlen zu können.“ Montagfrüh also arbeitet er wieder zum Beat der Baustelle.

In voller Länge: Der preisgekrönte Kurzfilm „Revolve“ - mit Filmmusik von Nicolai Retzlaff

Teaser: Das Kino-Debüt „Phantomschmerz“ von Camcore - mit Soundtrack von Nicolai Retzlaff

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