Die einsturzgefährdete Sabathiel-Baracke, die letzte verbliebene Gefangenenunterkunft des Stalag VII A in Moosburg.
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Die einsturzgefährdete Sabathiel-Baracke, die letzte verbliebene Gefangenenunterkunft des Stalag VII A, könnte nach den Vorstellungen von Experten mit einem Infobereich für Besucher ausgestattet werden.

Debatte um Überbleibsel des Gefangenenlagers

Konkrete Ideen für Stalag-Erinnerung - Offener Brief aus den USA appelliert an Moosburgs Verantwortung

  • vonNico Bauer
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In der Erinnerungs-Debatte um das Stalag VII A in Moosburg wurde jetzt eine Machbarkeitsstudie präsentiert. Parallel dazu machte ein emotionaler Brief die Runde.

Moosburg – Seit vielen Jahren wird in Moosburg über ein Stalag-Museum diskutiert und nun mündete die Dauerdebatte in ein Konzept: Henriette Holz hatte mit ihrem Büro für Museumsberatung die Moosburger Situation analysiert und zeigte am Montag im Stadtrat auf, wie man die Geschichte des ehemaligen Gefangenenlagers der Nationalsozialisten künftigen Generationen erzählen kann. Die Expertin lieferte mit einer 66-Seiten-Machbarkeitsstudie hochspannende Anregungen. Dabei wurde deutlich, dass der Aufwand für ein lebendiges Museum hoch sein dürfte.

Im vergangenen Jahr war mehrheitlich beschlossen worden, zwei der drei ehemaligen Wachbaracken an der Schlesierstraße für die dringend benötigte Erweiterung des Schulgeländes abzureißen. Baracke 1 soll demnach als Stalag-Museum ausgebaut werden. Doch dieser Plan könnte nun wieder ins Wackeln geraten: Das Landesamt für Denkmalschutz hatte nämlich in einem Schreiben deutlich gemacht, dass mit dem Abriss von zwei der drei Wachbaracken der Denkmalschutz entfalle. Das könnte Zuschussgelder für ein Museum kosten. Und Henriette Holz mahnte an, „dass in diesem Gebäude die Täter, und nicht die Opfer dargestellt werden“.

Experten prophezeien bis zu 20.000 Besucher jährlich

Das führte sie zu der stark einsturzgefährdeten Sabathielbaracke an der Egerlandstraße, die das letzte noch erhaltene Gefangenengebäude des ehemaligen Lagers ist. Holz regte an, diese Baracke dauerhaft zu erhalten. Die einstigen Bereiche von Küche und Toiletten könnten zu einem Infobereich für Gäste ausgebaut werden, um dann von dort in den Gefangenenbereich zu blicken.

Sensationsfund: Moosburger Historiker stoßen auf unzählige Stalag-Karteikarten über Gefangene

Das Leiden im Moosburger Gefangenenlager Stalag VII A hat mindestens 150 neue Gesichter bekommen: Ein Fund liefert Historikern viele neue Erkenntnisse.

Für die Wachbaracke 1 prophezeite die Expertin, dass ein Museum ohne bauliche Maßnahmen nicht möglich sei. Sie präsentierte den Plan, wonach ein Informationszentrum in der Verlängerung der Wachbaracke errichtet werden soll. Auf Nachfrage, ob eine Wachbaracke im Original und eine entkernte auch passe, reagierte sie verhalten: „Das wäre nicht ideal, aber machbar.“ Eine erste Kostenschätzung beläuft sich auf rund 900.000 Euro für den Innenausbau und jährliche Betriebskosten von 210.000 Euro. Holz sieht mit 15.000 bis 20.000 Besuchern jährlich großes Potenzial für dieses einmalige Andenken an ein Gefangenenlager.

3. Bürgermeister: „Weil Zeitzeugen sterben, wird Erinnerungskultur wichtiger“

In der Debatte machte dann auch gleich 3. Bürgermeister Michael Stanglmaier (Grüne) deutlich, dass „die Erinnerungskultur immer wichtiger werde, weil die Zeitzeugen aussterben“. Das müsse der Stadt das Geld wert sein. Er forderte, mindestens die Wachbaracken 1 und 3 zu erhalten. Bürgermeister Josef Dollinger (FW) hielt mit dem dringenden Platzbedarf des Schulzentrums dagegen: „Ich will ein gescheites Dokumentationszentrum und ich will eine gescheite Erweiterung für die Schulen.“

Rudolf Heinz (CSU) griff den Vorschlag auf, die Sabathielbaracke zu retten: „Das Konzept dort gefällt mir sehr gut, weil man dort mittendrin im ehemaligen Lager steht.“ Alfred Wagner (Grüne) wünschte sich bei den Museumsplänen, „dass wir größer denken müssen“. Seine Fraktionskollegin Evelyn Altenbeck erinnerte das Gremium daran, dass das Lager Moosburg im Krieg vor Bombardierungen verschont habe: „Wir hatten hier Rüstungsfabriken. Ohne das Gefangenenlager wäre uns mehr passiert und wir hätten heute vielleicht kein Kastulusmünster.“
Nico Bauer

Offener Brief von Amerikanerin an Stadtrat: „Moosburg könnte Symbol werden“

Karen Glinert Carlson, die Tochter eines in Moosburg Gefangenen, hat sich in einem Offenen Brief vom 21. März an den Moosburger Stadtrat gewandt. Es ist ein flammender Appell an die Verantwortung der Stadt. Hier lesen Sie den kompletten Brief - aus dem Englischen übersetzt von Daniela Seulen:

„Lieber Bürgermeister und Stadträte von Moosburg, mit ganzem Herzen und in aller Bescheidenheit bitte ich darum, das Stalag VII A in seiner Gesamtheit zu erhalten. Es ist Teil einer Geschichte, die bewahrt werden sollte zum Nutzen von Generationen, die noch kommen, ihre Kinder und Kindeskinder. Und Tausende, wenn nicht gar Millionen, für die die Erinnerungen von Moosburg und Stalag VII A eine Gedenkstätte werden sollen. Geschichte ist Biografie, und Moosburg ist Teil der Biografie von so vielen Menschen. Heutzutage ist der Anstieg von weißem Nationalismus die größte Bedrohung der Weltsicherheit. Die Erinnerung daran auszulöschen, wäre ein Verbrechen und eröffnet die Möglichkeit, dass sich die Geschichte wiederholt. Stalag VII As Geschichte in einer Gedenkstätte festzuhalten, wäre ein Zeichen Ihres Willens, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, sie zu verinnerlichen und die Welt besser zu machen – etwas, von dem ich glaube, dass Deutschland es von ganzem Herzen tut, und Moosburg könnte ein Symbol dafür werden.

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Stadt die Zerstörung von zwei Stalag-Wachbaracken plant, um dort eine Schul-Mensa, einen Sportplatz und Parkplätze zu bauen. Das wäre ein schrecklicher Fehler. Die Geschichte eines Orts ist viel wichtiger als solche neuen Einrichtungen am selben Platz. Während man Geschichte per se überall unterrichten kann, gibt es nur ein Stalag VII A. Dieses Juwel, das die Stadt in ihrer Mitte hat, kann nicht mit einem Buch oder Video eingefangen werden. Und ich spreche da als frühere Lehrkraft und Universitätsprofessorin seit 40 Jahren. Ich schlage vor, dass Sie das Juwel polieren, bis es als Hoffnungsträger weithin leuchtet.

Karen Glinert Carlson bei einem Besuch des Moosburger Stadtarchivs. Auf dem Bild, das ihr Mann fotografiert hat, hält sie eine städtische Werbetasche amüsiert in die Kamera – weil dort die Relativitätstheorieformel von Albert Einstein abgedruckt ist, und der berühmte Physiker ein Vorfahre ihrer Familie war.

Sie haben die Möglichkeit, Moosburg bekannt zu machen als einen schicksalhaften Ort für Tausende, vielleicht Millionen von Menschen, deren Familien mit Stalag VII A in Berührung gekommen sind. Darunter Familien früherer Gefangener, Soldaten und Zivilisten, die dort gearbeitet haben, aber auch von denen, die an der Befreiung beteiligt waren, und von den Arbeitern und Heimatlosen, die nach dem Kriegsende das Lager bevölkerten. Sowie für all jene, die sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs interessieren. So wie Touristen das Dachauer KZ besichtigen, werden sie auch nach Moosburg kommen, um etwas über Stalag VII A zu erfahren, eins der größten Kriegsgefangenenlager – und ganz in der Nähe von München. Sie haben jetzt die einmalige Chance, ein Museum zu bauen, das von größtem Interesse in Nah und Fern sein wird. Gleichzeitig kann Ihre einmalige Geschichte in den Schul-Lehrplan eingebaut werden – eine Win-Win-Situation für die Stadt.

Mein Vater war Gefangener im Stalag VII A. Nach der Befreiung war er stellvertretender Leiter des RAMP Hospitals und Chefübersetzer für das DP (Displaced Persons) Camp. Als ich zum ersten Mal nach Moosburg kam (zweimal im Jahr 2018) und die Markierungen, die Baracken und das kleine Heimatmuseum im Ortskern sah, fühlte ich einen Teil meiner Geschichte lebendig vor mir. Ihre Stadtarchive hatten Informationen über meinen Vater, der bereits seit über 40 Jahren tot war. Stellen Sie sich vor, wie froh ich war, dort zu stehen, wo er gelebt hatte – und das ist in den Aufzeichnungen Ihrer Stadt!

Ich kam 2019 zurück nach Moosburg und wäre auch, hätte es die Pandemie nicht gegeben, am 29. April 2020 zum 75. Jahrestag gekommen. Ich möchte meine Kinder und Enkel hierherbringen, damit sie die Stadt und den Ort der Internierung ihres Großvaters erleben können. Tausende andere fühlen genauso. Es ist sehr wichtig, dass sie ihre Geschichte kennen. Es ist ebenso wichtig, dass die jungen Moosburger ihre Geschichte kennen, sie annehmen und sie verwenden, um die Zukunft besser zu machen.

Ich habe Bekannte und Freunde in Moosburg gewonnen wegen des Stalags. Im Gegensatz dazu ist nichts zurückgeblieben von einem Besuch des früheren Camps Oflag XC bei Lübeck, wo mein Vater zuerst als Gefangener lebte. Hier wurden Geschichte und Erinnerung ausradiert – und das ist ein trauriger Kommentar für die Lübecker Bevölkerung. Dorthin möchte ich nicht zurück. Moosburg kann aber anders sein.

Sie haben die Möglichkeit, die Welt zu erreichen und Brücken über Kontinente hinweg zu bauen. Ich hoffe, Sie nutzen diese einmalige Möglichkeit, um ein Stadt-weites Museum zu errichten – aus allen Baracken, die noch da sind – und finden eine andere Lösung für Schulmensa, Sport- und Parkplatz. Die visionären Köpfe im Stadtrat und die Bevölkerung können eine kreativere Lösung finden.

Polieren Sie dieses Juwel auf, bis es hell erstrahlt! Ich möchte Ihnen Mut machen, groß zu träumen. Sie werden nicht enttäuscht werden. Falls ich dabei helfen kann, zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren. Hochachtungsvoll,
Karen Glinert Carlson, Waukegan bei Chicago, Illinois, USA.

Kommentierte Foto-Präsentation zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag VII A in Moosburg

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