Eine Hand hält ein Smartphone, auf dem Display ist #metoo zu lesen
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„Ich auch“: Im Zuge des Skandals um Filmproduzent Harvey Weinstein kam vor ungefähr drei Jahren der Hashtag „MeToo“ auf. Millionen Frauen machten damit auf das Ausmaß sexueller Belästigung und Gewalt aufmerksam. Dass das Thema nach wie vor sichtbar gemacht wird, dafür setzt sich Lucie Karmann ein. (Symbolbild)

Nach MeToo-Debatte

Junge Frau kämpft jetzt auf Instagram gegen sexuelle Belästigung - „Nicht ‚der Mann‘ ist das Problem ...“

  • Magdalena Höcherl
    vonMagdalena Höcherl
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Sexuelle Belästigung ist, trotz MeToo, ein Tabu-Thema - und für die Hälfte aller Frauen in Deutschland bittere Realität. Auf Instagram macht Lucie Karmann das Thema nun sichtbar.

  • Sexuelle Belästigung gehört traurigerweise zum Alltag vieler Frauen.
  • Die #metoo-Debatte machte das Thema vor einigen Jahren populär.
  • Die Moosburgerin Lucie Karmann will den Opfern auf Instagram nun eine Stimme geben.

Moosburg – „Liebe Menschen, mein Körper ist mein Körper. Wenn ich ihn zeigen möchte, tue ich dies, egal wie freizügig. Das bedeutet nicht, dass ich ,leichte Beute‘ bin. Das bedeutet nicht, dass ich eine Schlampe bin. Und das bedeute vor allem nicht, dass ich mit euch schlafen möchte. Tut mir leid. Also eigentlich nicht.“ Dieses Statement hat Lucie Karmann vor einiger Zeit auf Instagram veröffentlicht. Seither nutzt die 22-jährige Moosburgerin ihren Account mitunter dafür, sexuelle Belästigung – die einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov zufolge fast die Hälfte der Frauen in Deutschland schon einmal erlebt hat – sichtbar zu machen. Im FT-Interview erzählt sie von ihrer Motivation, kleinen Lichtblicken, und warum jeder Mensch Verantwortung übernehmen muss.

Frau Karmann, mit dem Instagram-Post „Mein Körper ist mein Körper“ positionieren Sie sich klar gegen sexuelle Belästigung. Gab es einen konkreten Auslöser für den Beitrag?

Ja. Ich hatte einen Beitrag geteilt, in dem es eben darum ging, dass Frauen keine „leichte Beute“ sind, nur weil sie sich im Internet oder auf der Straße offener zeigen. Darauf hat ein mir fremder Mann reagiert – und zwar mit dem Bild seines Geschlechtsteils. Leider war das nicht das erste Mal, dass mir ein Mann so ein Bild geschickt hat, und ich frage mich immer wieder, ob sie der festen Überzeugung sind, dass es irgendeine Frau anmacht, eine solche Nachricht zu bekommen.

Mein Postfach ist geplatzt: Ich hatte über 70 Nachrichten.

Lucie Karmann

Das Verschicken solcher Penisbilder, sogenannter „Dickpics“, ist strafbar. Wie haben Sie reagiert?

Ich hatte die Schnauze voll. Ich habe die Nachricht des Mannes öffentlich in meiner Instagram-Story geteilt. Ich dachte mir: „Du schickst mir ungefragt ein Bild, dann benutze ich dieses Bild auch ungefragt.“ Das ist provokant und vielleicht nicht ganz richtig, ich weiß. Aber mir ist der Kragen geplatzt. Außerdem war ersichtlich, dass das Profil des Mannes, der mir das Bild geschickt hat, ohnehin gefälscht war. Von dem her wird ihm das Ganze nicht sonderlich weh getan haben.

Auf Instagram gegen sexuelle Belästigung: Moosburgerin kämpft - „Mir ist der Kragen geplatzt“

Welche Reaktionen hat diese Story hervorgerufen?

Mein Postfach ist geplatzt: Ich hatte über 70 Nachrichten. Die meisten davon waren Reaktionen von Leuten, die sich über den Absender des Bildes lustig gemacht und mir Zuspruch gegeben haben. Doch dazwischen tauchten immer wieder Nachrichten von Frauen auf, die mir ihre Geschichte erzählt haben. Bei den ersten habe ich mir noch nicht so viel gedacht. Aber dann wurden es immer mehr.

Bei einigen Geschichten lief es mir kalt den Rücken hinunter.

Lucie Karmann

Wer hat sich bei Ihnen gemeldet?

Bis jetzt haben mir 32 Frauen und drei Männer ihre Geschichten erzählt. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Warum auch? Ich bin kein großer Name in den sozialen Medien oder Teil einer Frauenhilfsorganisation. Trotzdem haben sich mir so viele Menschen von sich aus geöffnet und Dinge erzählt, die ihnen keinesfalls leichtgefallen sind. Sie waren stark, mutig und offen.

Mit Instagram gegen sexuelle Belästigung: „Viele nehmen das als „normal“

Was haben diese Geschichten bei Ihnen ausgelöst?

Bei einigen lief es mir kalt den Rücken hinunter. Ich wurde wütend, mir wurde schlecht, kurz verlor ich den Glauben an die Menschheit. Das Schlimmste war, dass viele ihre Nachricht mit den Worten „Ich weiß jetzt nicht, ob das schlimm genug ist“ angefangen haben, oder ihre Geschichten grundsätzlich relativiert oder verharmlost haben: Ihnen wurde „nur“ an den Hintern gefasst, ihnen wurde „nur“ nachgepfiffen. Es hat mich wütend gemacht, dass so viele junge Frauen davon ausgehen, sie müssten so etwas eventuell über sich ergehen lassen, es wäre „normal“, sie sollten nicht zu spießig sein. Am meisten schockiert hat mich, dass sexuelle Belästigungen so häufig als „normal“ angesehen werden, und ich dachte nicht, dass auch viele Frauen so denken. Jeder Mensch hat seine persönliche Grenze, egal welches Geschlecht. Wenn die Grenze ist, nicht ungefragt angefasst zu werden, und zwar egal wo, dann ist diese Grenze gesetzt. Jeder hat sie zu akzeptieren, ohne Wenn und Aber. Dann ist das kein „nur“ und man ist nicht spießig. Es ist wichtig, dass man sich das immer wieder bewusst macht.

Über 30 Menschen haben ihre Geschichte erzählt. Sie veröffentlichen diese Nachrichten regelmäßig. Warum?

So richtig bewusst, was da gerade passiert, wurde mir etwa ab der fünften Nachricht. Ich habe angefangen, die Geschichten, die immer mehr wurden, zu sammeln. Ich wollte etwas tun, wusste aber nicht genau was. Im Schnitt schauen rund 500 Leute meine Instagram-Storys. Ich dachte mir: „Was soll es schon bringen, darüber zu schreiben?“ Doch trotzdem wollte ich etwas für diese Frauen tun.

Ich will, dass die Leute merken, was vor ihrer Nase passiert.

Lucie Karmann

Männerwelten auf ProSieben: Der Hype war nur kurz - das Thema sexuelle Belästigung ist aktuell

Dann wurde auf ProSieben „Männerwelten“ ausgestrahlt. In dem 15-minütigen Beitrag thematisieren bekannte Frauen aus der Medienbranche ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung – und erreichten auf diesem prominenten Sendeplatz ein Millionenpublikum.

Diese 15 Minuten sind für diesen Abend und den Tag danach viral gegangen. Das Thema sexuelle Belästigung war in aller Munde, jeder war schockiert, jeder wollte etwas unternehmen – so wie das nun mal ist, wenn es einen Hype um ein Thema gibt. Aber genauso schnell wie es omnipräsent ist, wird es auch wieder vergessen, sobald ein neues Thema kommt. In diesem Fall war das auch so. Nach drei Tagen hat niemand mehr über „Männerwelten“ gesprochen. Viele waren sogar genervt, noch immer von dem Thema hören zu müssen. Ich hörte Sätze wie „Schön langsam reicht es doch.“

Aber für Sie haben diese Reaktionen erst den Ausschlag gegeben.

Genau. Ich kam dadurch auf die Idee, das Ganze so zu gestalten, dass es lange genug in den Köpfen der Menschen bleibt – indem ich sie einfach immer wieder daran erinnere: Ich veröffentliche regelmäßig Geschichten, die mir erzählt wurden – kommentarlos, schlicht und natürlich nur mit dem Einverständnis der Person. Der Kerngedanke dabei ist, diesen Frauen durch mein Profil eine Stimme zu geben. Etwas auszusprechen, der Welt mitzuteilen, was passiert ist, ohne sich selbst offen zeigen zu müssen. Ich will, dass die Leute merken, was vor ihrer Nase passiert und sich das bewusst machen.

Nicht "der Mann" ist das Problem an der Sache, sondern die Person, die das macht.

Lucie Karmann

Instagram-Account gibt Frauen eine Stimme: „Jeder hat eine soziale Verantwortung“

Sie sagen selber, Sie seien keine Influencerin mit riesiger Reichweite. Ist es also egal, ob die Botschaft fünf oder 5000 Menschen erreicht?

Grundsätzlich hat jeder Mensch eine gewisse soziale Verantwortung auf der Welt. Im Internet ist es tatsächlich egal, wie viele Menschen einem folgen, oder wie viele Likes man für etwas bekommt. Zwischen all den Essens- und Urlaubsbildern, die auf Instagram kursieren, ist es nicht schlecht, einmal zu sagen: „Ach übrigens: Da gibt es etwas, worüber man sprechen sollte“ – auch wenn das Thema mitunter unangenehm ist. Allerdings sollte man sich nur positionieren, wenn man sich wirklich eine eigene Meinung gebildet hat. Es passiert leider schnell, dass Menschen im Internet mit großen Namen Stellung zu einem Thema beziehen, sich allerdings nur halbherzig eingelesen haben und daher am Ende vielleicht nicht wirklich ihre eigentliche Meinung vertreten.

Haben Sie trotz all der schockierenden Geschichten, von denen Ihnen berichtet wurde, auch eine positive Erfahrung gemacht?

Ich habe schnell gemerkt, dass sich viele Männer ebenfalls gegen sexuelle Belästigung von Frauen positionieren. Ich habe hauptsächlich von Männern Nachrichten erhalten, in denen stand, wie gut sie das fänden, was ich tue, und wie wütend sie seien, von solchen Erlebnissen lesen zu müssen. Das hat mich in der These bestätigt, dass alle über einen Kamm zu scheren das Dümmste ist, was man machen kann. Nicht „der Mann“ im Allgemeinen ist das Problem an der Sache, sondern die Person, die das macht. Das ist wichtig zu unterscheiden. Viele tun das nicht.

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