Bundespolizei räumt ICE zwischen Berlin und Hamburg - Hintergründe vorerst unklar

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Auf der Zielgeraden zum Rathaus-Rückzug: Anita Meinelt vor wenigen Wochen im Moosburger Neubaugebiet „Amperauen“.
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Auf der Zielgeraden zum Rathaus-Rückzug: Anita Meinelt vor wenigen Wochen im Moosburger Neubaugebiet „Amperauen“.

Abschiedsinterview

Nach 18 Jahren als Bürgermeisterin: Anita Meinelt spricht über Coups, Belastungen und bange Momente

  • Armin Forster
    vonArmin Forster
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Nach drei Amtsperioden tritt Bürgermeisterin Anita Meinelt nicht mehr an. Im Interview spricht sie über Coups, die Arbeitsbelastung, emotionale Momente und darüber, wie sich die Gesellschaft verändert hat.

Moosburg - In Moosburg endet in wenigen Tagen eine Ära: Nach drei Amtsperioden tritt Bürgermeisterin Anita Meinelt (CSU) nicht mehr an – und kann dann auf 18 Dienstjahre mit vielen gesetzten Meilensteinen zurückblicken. Im Abschiedsinterview mit dem Freisinger Tagblatt spricht sie über besondere Coups, die enorme Arbeitsbelastung, emotionale Momente und darüber, wie sich die Gesellschaft seit 2002 verändert hat.

Freisinger Tagblatt: Frau Meinelt, was hatten Sie bei Ihrem Amtsbeginn 2002 geglaubt: Wie lange sitzen Sie auf dem Bürgermeisterstuhl?

Anita Meinelt: Ganz ehrlich? Zwölf Jahre. Ich dachte mir, es wäre schön, mit 60 in Rente zu gehen. (lacht) Solche Fantasien hat man da. Die erste Wiederwahl war dann etwas Besonderes, man hat schließlich nach sechs Jahren noch keinen Anspruch auf Versorgung. Im Alter von 54 und nach so langer Unterbrechung wäre es schwer gewesen, wieder im Marketing und Vertrieb einzusteigen. Deshalb hatte ich großen Bammel, das geb’ ich zu.

Zum Wahlsieg 2002 gab’s für Anita Meinelt Blumen von Rudolf Heinz.


Die Wiederwahl 2008 hat geklappt. Und Sie traten auch 2014 noch mal an.

Es gab damals so viele Bereiche, die intensiv in der Öffentlichkeit beraten wurden. Wenn ich da gesagt hätte, „Ich hör auf“, dann hätt’s so ausgesehen, als ob ich hinschmeiße, wenn’s schwierig wird. Das ist aber nicht meine Art.

Nach der Stichwahl 2014 gratulierte Kontrahent Josef Dollinger.


Sie haben neulich gesagt: Als Bürgermeisterin beginnt die Arbeit mit dem Schritt vor die Haustür. Können Sie jemals durch die Stadt gehen, ohne aufgehalten zu werden?

Selten. Da wird immer jemand kommen, der sagt: „Nur ganz kurz“. Das gehört dazu, dafür ist man da. Das muss man mögen, und die Familie muss dahinter stehen.

Endet Ihr Dienst, wenn Sie abends heimkommen?

Ich möchte, dass ich mich zu Hause mit etwas anderem beschäftigen und runterkommen kann. Deshalb bleibe ich oft noch im Auto sitzen und mache mir Notizen im Handy. Erst wenn ich das geschafft habe, geh’ ich zur Tür rein. Mein persönliches Ritual.

„Ich saß zitternd im Auto - weil ich dachte, es ist was mit meinen Kindern.“

Klingeln die Leute auch mal, wenn sie ein Anliegen haben?

Das passiert immer mal wieder. Ein spezielles Beispiel gab es 2005, als ich beim großen Hochwasser dazu geraten hatte, Autos vorsorglich in höhere Bereiche umzuparken. Ich hab’ gesagt, mehr braucht es eigentlich nicht. Mein Mann war beruflich in den USA, mein Sohn hat in Wartenberg gelebt, und meine Töchter waren allein zu Hause. Sie hatten mich gefragt: „Sollen wir zur Oma?“ Und ich antwortete: „Nein, wenn ihr geht, dann sieht es so aus, als ob das jetzt unsere private Rettung wäre. Das gibt ein schlechtes Bild.“ Ich bin damals nur zum Essen und Duschen daheim gewesen. Als ich das erste Mal nach Hause kam, standen acht bis zehn Leute vor der Tür. Da saß ich zitternd im Auto – weil ich dachte, es ist was mit meinen Kindern. Dabei haben die nur gefragt: „Gibt’s was Neues?“

Blicken wir auf das große Ganze: Wie hat sich Moosburg aus Ihrer Sicht verändert, seit Sie im Amt sind?

Ich glaube, dass die Stadt dynamischer und zukunftsorientierter geworden ist. Ich sage mal so: Unser Zug ist am Gleis gestanden und hat wieder richtig Fahrt aufgenommen. Nicht überschnell, so dass man noch links und rechts die Landschaft sieht. Es gab ja früher die Aussage: „Das ist ein Streitrat, kein Stadtrat.“ Aber das wollen die Bürger nicht. Sie erwarten, dass man über Themen spricht und sich nicht anschreit. Ich habe deshalb die Zügel fester angezogen. Man muss eine klare Linie haben, sagen: „So geht’s nicht.“ Im Endeffekt waren alle froh.

Unzählige Debatten führte Anita Meinelt im Stadtrat.


Was hat sich noch verändert?

Im Lauf der Zeit wurde allein durch die Bauten sichtbar, dass was vorwärtsgeht. Das hör’ ich dann, wenn ich manchmal Besucher auf einem runden Geburtstag treffe. Die sagen: „Ich bin nach 20 Jahren wieder da, und die Stadt hat sich so positiv verändert, dass ich überlege, wieder herzuziehen.“ Ein größeres Kompliment gibt es nicht.

Was ist ganz konkret besser geworden?

Zum Beispiel das Jugendhaus: Das hatte leider nicht den besten Ruf, war heruntergekommen, in den 2. Stock durfte man nicht mehr hoch. Ich habe oft gehört: „Mein Kind lass’ ich da nicht reingehen.“ Man hat dann erst mal Grundstücke erwerben müssen, um das Konzept zu realisieren, auch mit der Erweiterung der SGM. Ich fand diesen Komplex, den ich immer als Jugend- und Sportzentrum bezeichnet habe, sehr charmant. Gerade, wenn man mit dem Zug langsam vorbeifährt. Ich werde von Landshutern angesprochen, die sagen: „Das sieht richtig toll aus, was da entstanden ist.“ Die Stadt wird wieder mit einem positiven Image besetzt, wo sie vorher nicht wahrgenommen wurde.

„Ich merke, wie Kollegen an der Meinungsbildung in Sozialen Medien kaputt gehen.“

Was ist in Ihrer Amtszeit schlechter geworden?

Dass viele nur an sich denken. Die Leute sind fordernder geworden. Wenn sie was nicht bekommen, werden sie aggressiv. Dieses „Ich bin dem Allgemeinwohl verpflichtet“ interessiert viele nicht mehr. Jetzt heißt es: „Ich will, dass der Kinderspielplatz wegkommt, dass die Straße nicht da ist.“ Manche sagen: „Ich hab’ mein Haus, der Rest interessiert mich nicht.“

Wie ist es so weit gekommen?

Vielleicht, weil die Menschen weniger miteinander reden? Keine Ahnung. Wenn man alles nur ins Handy reinklopft, sich nicht mehr mit Menschen auseinandersetzen muss, die Allgemeinheit außen vor lässt und dann drei Leute darunterschreiben „Ja, richtig!“, dann denkt man, das sei die Allgemeinheit. Diese Leute vergessen jedoch oft die stumme Mehrheit. Viele sind nicht der Meinung, schrecken aber vor der Aggressivität zurück. Dann gerät diese laute Minderheit in den Vordergrund.

Sie sind selbst nicht bei Facebook...

Ich schau’ da nicht rein, weil ich merke, wie Kollegen an der Meinungsbildung in „Sozialen Medien“ kaputt gehen und Probleme haben. Wenn ich mit denen spreche, die noch nicht aufhören, sagen die mir oft: „Ich pack’ das nicht mehr.“ Man könnte den ganzen Tag dranhängen und ist in Verteidigungspositionen bei Argumenten, die jeglicher Grundlage entbehren. Egal, was man antwortet: Am Ende behauptet doch einer, dass das faule Ausreden seien.

Wie gehen Sie mit digitalen Anfeindungen gegen das Rathaus um?

Meine Mitarbeiter kommen immer mal wieder zu mir und zeigen mir was. Ich hab dann schon genug damit zu tun, sie zu beruhigen. Natürlich sind die Anforderungen, die an Mitarbeiter gestellt werden, gestiegen. Es ist eine große Stadt, in der es immer viel zu tun gibt. Jede Zusatzaufgabe ist eine starke Belastung. Wir haben ein so tolles Team und es ist schade, wenn sie durch Kommentare demotiviert werden. Ich muss sie immer wieder aufbauen.

„Viele sagen: Stadtrat? Das tue ich mir nicht an!“

Wie sehr beschäftigt das Thema die Stadträte?

Ich weiß von vielen, die sich ärgern, weil sich jemand über etwas aufregt, was er gar nicht begriffen hat. Das sind teilweise hetzerische Meinungen, und damit umzugehen, wird immer schwieriger. Das merkt man, wenn man Leute anspricht: „Sie wären doch jemand für den Stadtrat, haben eine vernünftige Meinung, können auf Leute zugehen und zuhören.“ Die Antwort lautet dann oft: „Das tue ich mir nicht an.“

Meinelts Eröffnungsfahrt auf der Moosburger Westtangente 2012 mit Landrat Michael Schwaiger.


Gab es einen Punkt, an dem Sie wussten: Jetzt haben Sie so viel Routine, jetzt bringt Sie nichts mehr aus der Ruhe?

Nein, die Momente gibt es immer noch, aber sie werden weniger. Von der Aicher Theaterblosn hab ich kürzlich den Spruch übernommen: „Chill dei Basis!“ (lacht) Als ich ein paar Tage später aus einer Bauausschusssitzung rausgegangen bin, in der fachliches Wissen der Verwaltung ignoriert wurde und das Thema zum wiederholten Mal unnötig ans Landratsamt zurückging, sagte ich mir: „Chill dei Basis!“ Es hilft ja nichts.

Was bereitet Ihnen den meisten Spaß am Amt?

Die Kreativität, die ich ausleben kann. Jeden Tag neue Herausforderungen zu bewältigen. Es gibt keinen Trott, das ist wahnsinnig spannend. Für die Stadt zu verhandeln, macht mir wirklich Spaß. Man muss aber auch dafür bereit sein: Das ist keine 40-Stunden-Woche. In den letzten Wochen waren es eher 80. Das Essen fällt schon mal aus, deswegen hab’ ich immer Müsliriegel im Schrank.

Hippie-Meinelt bei der närrischen Ratssitzung 2012.


Was mussten Sie erst lernen?

Am Anfang war es schon schwieriger, nicht alles persönlich zu nehmen. Wenn ein böses Wort fällt, ignoriert man das und wenn sich die Sache gelegt hat, macht man weiter. Das Schwierigste sind aber die vielen gesetzlichen Vorgaben, und dass einem in so vielen Bereichen von höherer Stelle reingeredet wird. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Einmal ging am Rathaus unten der Putz ab. Ich habe zu Stadtrat Ludwig Kieninger (Malermeister; Anm. d. Red.) gesagt: Mach das mal. Er sagte: „Das mach’ ich – und auch noch gratis.“ Dann hat das jemand vom Denkmalamt gesehen und gleich moniert. Da war’s aber schon zu spät. Ich hab’ eine Rüge bekommen und eine Strafandrohung bei Wiederholung. Mein Gott, man kann das Leben auch kompliziert machen. Das war ja keine Veränderung, sondern nur eine Ausbesserung.

„Ich hatte mein Wort per Handschlag gegeben - und dann schlaflose Nächte.“

Welche drei baulichen Meilensteine bedeuten Ihnen besonders viel?

Nur drei? Sie sind gut! (lacht) Ein Highlight gleich am Anfang war die BayWa-Unterführung. Der damalige Wirtschaftsminister Otto Wiesheu rief mich an und sagte, dass ich ein Problem hätte: Ich sollte innerhalb von drei Wochen eine angedrohte Klage abweisen. Denn beim Planfeststellungsverfahren für die Unterführung hatte man eine Einwendung nicht bearbeitet. Ich war da ganz neu im Amt und kannte nicht alle Details. Der Minister sagte mir, der Bau sei jetzt in den Planungen drin und werde sonst bis in Ewigkeit verschoben. Ich hab den Leuten, die klagen wollten, dann mein Wort per Handschlag gegeben: Ich regel das. Und bekam das größte Vertrauen entgegengebracht. Sie haben nicht geklagt. Ich hatte schlaflose Nächte, aber konnte mein Versprechen halten.

Auf welche Bauten sind Sie noch besonders stolz?

Ein weiteres Highlight war, dass wir das Sparkassengebäude erwerben und dort das Haus der Bildung schaffen konnten. Wahnsinnig gefreut hat mich auch, dass wir eine der ersten Ganztags-Mittelschulen bekommen haben. Es gab damals ein Förderprogramm und die Kultusministerin sagte mir: „Es gibt was Neues, und wenn du schnell bist, gibt’s bis zu 80 Prozent Förderung, nicht nur 50.“ Da war ich schnell. Es gab Stimmen im Stadtrat, die meinten: Das ist nicht notwendig, der Mittelschul-Bedarf wird weniger. Heute haben wir eine der größten. Und wir müssen zur Mittelschule stehen. Wer sie schlecht redet, redet auch das Handwerk schlecht. Es gab noch mehr Highlights – das erwähnte Jugend- und Sportzentrum, die Anlage des FC Moosburg oder das Feyerabendhaus. Das war auch so schwierig – und jetzt fahren die Leute vorbei und sagen: „So ein tolles Gebäude.“

Draht zur Wirtschaft: Rundgang in Jungheinrichs neuem Degernpoint-Werk 2013.


Kritiker werfen Ihnen vor, zu wenig für das Stalag-Gedenken zu tun.

Ich höre ganz viele andere Stimmen. Wir wollen das Denkmal nicht außer Acht lassen, die Baracke I stehen lassen und ein interaktives Gedenken schaffen. Ich weiß nicht, ob es wirklich drei Gedenkstätten in der Stadt braucht.

Freut es Sie, nicht mehr Wahlkampf betreiben zu müssen?

Es ist befreiend, in der zweiten Reihe zu stehen. Ich konzentriere mich bis zum Schluss auf meine Arbeit.

Was wird Ihnen am wenigsten fehlen?

Die Stadtratssitzungen! (lacht)

„Bei schönem Wetter einfach mal irgendwo hinfahren“

Was wird für Ihren Nachfolger die größte Herausforderung?

Im neuen Stadtrat mit noch vielfältigeren Meinungsbildern zu beschlussfähigen Mehrheiten zu kommen. Die Aufgaben werden ja nicht weniger: Es wird eine große Herausforderung, das Schulzentrum-Nord umzusetzen. Mit vorhandenen Grundstücken ein drittes Schulzentrum anzupacken. Dann hoffe ich, dass die Sanierung des Bahnhofsgebäudes erfolgen kann. Vor allem kann der Neue durch die Abstufung der Staatsstraße in der Altstadt mehr Lebensqualität in die Innenstadt bringen. Dem wird also nicht langweilig.

Wie wollen Sie Ihre künftige freie Zeit gestalten?

Daheim ist ganz viel liegen geblieben: Ich muss endlich mal Fotos und Unterlagen sortieren. Dann hab’ ich eine knapp zweijährige Enkeltochter und bin sicher eingespannt, wenn meine Tochter wieder ins Berufsleben einsteigt. Allgemein habe ich eine große Familie – und ich werde mich wieder intensiver meinem Freundeskreis widmen. Ich könnte mir auch vorstellen, einen Vhs-Kurs zu besuchen, und freue mich darauf, bei schönem Wetter einfach mal irgendwo hinfahren zu können. Ich werde mir auch wieder ein Radl kaufen.

Und dann kandidieren Sie ja noch für den Kreistag...

Das Gremium sollte immer eine Kombination sein aus erfahrenen und jungen Leuten. Wenn ich gewählt werde, will ich da noch mitarbeiten und einen langsamen Politikausstieg vornehmen. 2026 kandidiere ich sicher nicht mehr. Irgendwann reicht es dann auch mal.

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