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Frau klingelt an Haustür und berichtet von Vergewaltigung - dann verschwindet sie in der Dunkelheit

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„Einmaliger Edris“: Anton Huber jun. (r.) ist stolz auf seinen afghanischen Schützling Edris Alamzada, den er einst als Kochlehrling angestellt hat und der nun unumstrittener Chef in der Küche der Hotel-Gaststätte ist.
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„Einmaliger Edris“: Anton Huber jun. (r.) ist stolz auf seinen afghanischen Schützling Edris Alamzada, den er einst als Kochlehrling angestellt hat und der nun unumstrittener Chef in der Küche der Hotel-Gaststätte ist.

Edris Alamzada ist Küchenchef im Hotel Huber

Geflüchteter Afghane kam vor fünf Jahren nach Moosburg - und rettete dort ein Hotel

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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„Wir schaffen das.“ Mit diesen Worten schwor Angela Merkel die deutsche Bevölkerung vor fünf Jahren auf die Bewältigung der Flüchtlingskrise ein. Für Anton Huber jun. aus Moosburg war der Satz eine Motivation – zu seinem eigenen Glück.

  • Vor fünf Jahren suchte Anton Huber jun. händeringend nach einem Koch-Lehrling.
  • Durch Zufall fand der Moosburger den geflüchteten Edris Alamzada und stellte ihn ein.
  • Heute ist der 24-jährige Afghane Küchenchef.

Moosburg – Die Hubers sind mit ihrem Latein am Ende. Seit zwei Jahren sucht die Familie, die in Moosburg eine Hotel-Gaststätte mit eigener Metzgerei führt, einen Koch-Lehrling. Doch es meldet sich einfach niemand. „Wir hatten nicht eine einzige Bewerbung“, berichtet Anton Huber jun. Da hat seine damalige Freundin den rettenden Einfall. „Sie hat mir davon berichtet, dass in der Flüchtlingsunterkunft, in der sie sich ehrenamtlich engagiert, ein Afghane lebt, der ausgezeichnet kochen kann und alle Mitbewohner versorgt.“

Alle Finger zeigen auf eine Person

Huber entscheidet sich dazu, die Flüchtlingsunterkunft zu besuchen und auf die Menschen dort direkt zuzugehen. Also fragt er bei den Versammelten nach, ob sich jemand für eine Lehrstelle als Koch interessiert. Alle Finger zeigen sofort auf Edris Almazada – exakt jenen Afghanen, dem der Ruf als Könner in der Küche bereits vorausgeeilt ist. Die Botschaft der Anwesenden: „Wenn schon, dann muss er das machen.“

Edris macht’s, und die Hubers landen einen Volltreffer. Denn der 24-jährige Afghane ist zuverlässig, fleißig und lernt schnell. „Als er zu uns gekommen ist, hat er sehr gebrochen Deutsch gesprochen“, berichtet Huber. „Unser Koch und Edris mussten sich mit Händen und Füßen verständigen.“ Doch der Moosburger vermittelt seinem Schützling einen guten Deutschlehrer, der penibel arbeitet. „In kurzer Zeit hat er fließend Deutsch gesprochen – und Bairisch.“ Sein Lieblingswort im Dialekt hat Edris auch rasch gefunden: „Aff“, sagt er und muss laut lachen. „Mein Senior-Chef sagt immer liebevoll ,Du Aff‘ zu mir.“

Das Problem mit der Currywurst

Auch mit der regionalen Küche kommt Edris schnell zurecht. „Na gut – als er zum ersten Mal eine Currywurst gesehen hat, war er total schockiert“, erzählt Huber und lacht. Die Tatsache, dass Deutsche damit zufrieden seien, wenn man das Pulver einfach pur über die Wurst streue, habe der Afghane so gar nicht begreifen können. „Er hat uns dann erst mal zwei indische Currys gekocht und uns gesagt: So muss man dieses Gewürz verwenden.“

Mit der Currywurst hat sich Edris längst arrangiert. Schweinebraten bereitet er ebenfalls perfekt zu, auch wenn er als Moslem selbst kein Schweinefleisch isst. „Er lässt die Soße dann immer mich oder meine Mutter probieren“, sagt Huber. „Meistens ist sie ohnehin schon perfekt. Manchmal muss man halt noch etwas nachsalzen.“ Welches sein Leibgericht aus der bayerischen Küche ist? Da muss Edris keine Sekunde überlegen: „Rinderbraten mit Rotweinsoße“, sagt der 24-Jährige und strahlt.

Behörden werden zur Belastungsprobe

Den bitteren Beigeschmack liefern die staatlichen Instanzen. „Wenn es Hindernisse gab, dann kamen sie von den Behörden“, sagt Huber. „Die habe ich gerade in der Anfangszeit nicht gerade als unterstützend wahrgenommen.“ Als Beispiel nennt er die Residenzpflicht.

Zwar liegen Edris’ Arbeitsplatz und Wohnort nur rund zehn Kilometer auseinander, allerdings verläuft auch eine Grenze auf der Route: die zwischen Ober- und Niederbayern. Der Afghane benötigt daher eine spezielle Genehmigung, um nach Moosburg fahren zu dürfen. „Es war ein wahnsinniges Drama, bis wir die hatten“, berichtet Huber, zumal er den Eindruck hatte, dass gerade das Landratsamt Freising seinem Schützling eher Fallstricke stellen wollte, als ihn zu unterstützen. Schließlich wurde der Ausbildungsvertrag in Landshut unterzeichnet. „Allerdings konnte ich Edris nicht einmal zum Einkaufen schicken, weil er nur direkt zwischen Wohnort und Arbeitsplatz hin- und herpendeln durfte.“ Hubers Fazit: „Diese Residenzpflicht braucht kein Mensch.“

Der Moosburger Flüchtlingsbetreuer Reinhard Kastorff, der zwischenzeitlich auch Edris ausländerrechtlich betreut hat, erwähnt in diesem Zusammenhang immer gerne den Satz, den Bundeskanzlerin Angela Merkel vor fünf Jahren nach dem inzwischen historischen „Wir schaffen das“ gesprochen hat. „Sie hat gesagt: ,Wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden‘“, erinnert Kastorff. Diese Worte würden sich an den Staat richten. „Das aber wird von den wenigsten Behörden beherzigt.“

Edris jedoch überwindet sämtliche Hürden – dank der Unterstützung, die er von Huber und Kastorff erhält, und seinem eigenen Fleiß. Er wird als Asylbewerber anerkannt und besitzt seit diesem Jahr sogar die deutsche Staatsbürgerschaft. Seine Ausbildung beendet er ebenfalls erfolgreich und ist inzwischen Küchenchef.

Reaktionen, die Huber irritieren

„Wir sind hochzufrieden mit ihm“, sagt Anton Huber. „Edris ist aber auch einmalig.“ Der 37-Jährige weiß, dass Kollegen von ihm, die ebenfalls auf Geflüchtete gesetzt haben, über hohe Abbrecherquoten geklagt haben. „Meiner Meinung nach macht es aber keinen Sinn, das auf die Nationalität herunterzubrechen“, findet Huber. „Eine gewisse Abbrecherquote hat man in Lehrberufen immer. Die letzte Abbrecherin, die ich hatte, war eine Deutsche.“

Als Jugendlicher, so erzählt Edris beim Aufräumen in der Küche, wollte er immer Ingenieur werden. Auf Koch wäre schon allein deshalb nicht gekommen, „weil in Afghanistan meist nur die Frauen kochen“. Aber seine Leidenschaft für das Zubereiten von Speisen habe ihn letztlich in diesen Beruf geführt: „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es mit Liebe. Dafür ist die Küche der perfekte Ort.“

Fremdenfeindliche Reaktionen, dass er „auch so welche“ beschäftigt, erlebt Huber selten. „Zum Glück“, sagt er. „Ich würde mir meine Personalplanungen aber auch nicht von Menschen vorschreiben lassen, die den ganzen Tag Hasskommentare schreiben.“ Was ihn allerdings schon irritiert hat: dass Teile der Bevölkerung auf die Merkel-Parole „Wir schaffen das“ mit der Haltung „Wir schaffen das nicht“ reagiert haben. „Das sind offenbar Menschen, die aus ideologischen Gründen kein Interesse daran hatten, dass wir es schaffen.“ Er selbst hat den Satz der Kanzlerin hingegen immer als Motivation verstanden – und ist damit auch gut gefahren. „Denn Edris ist unser großes Glück.“

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