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In elendem Zustand kamen sowjetische Gefangene im August 1941 im Stalag an. Ausgezehrt von Gewaltmärschen ging für sie das Martyrium in Moosburg weiter.

Zweiter Weltkrieg

Größtes Lager in Deutschland: Vor 80 Jahren kamen die ersten Gefangenen nach Moosburg

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Vor 80 Jahren kamen die ersten Kriegsgefangenen nach Moosburg. Lange hieß es, dass es den dort festgehaltenen Soldaten relativ gut ging. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Moosburg – Alles ging ganz schnell. Bereits drei Wochen nach dem Angriff des Deutschen Reichs auf Polen rückte Moosburg ins Auge des Krieges. Repräsentanten des Generalkommandos in München besichtigten ein Gelände nördlich der Stadt. Ihr Anliegen: die Errichtung eines Gefangenenlagers. Zwar wurden vor Ort Bedenken laut – etwa, dass es sich bei dem geplanten Areal um sumpfiges Gelände handeln würde. Doch München pochte auf den Plan. „In 14 Tagen hat hier ein Lager zu stehen.“ So steht es in dem Bericht des späteren Lagerkommandanten Oberst Hans Nepf.

„Die Gefangenenlager hat das nationalsozialistische Regime lange vor Kriegsbeginn geplant. Das belegen detaillierte Bauanleitungen“, berichtet Günther Strehle. Der 72-Jährige ist Gründungsmitglied und heutiger Vorsitzender des Stalag-Vereins, der 2013 von Ex-Bürgermeister Herbert Franz initiiert wurde. Der Verein hat viel dazu beigetragen, die Historie des Lagers wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Das Gleis führte direkt bis zum Gefangenenlager

Die Vorteile des Standorts, die das Generalkommando gesehen hat, sind für Strehle nachvollziehbar. „Zwischen zwei Flüssen gelegen und von Wald umgeben lag das Stalag relativ geschützt.“ Die Nähe zur Stadt half in infrastruktureller Hinsicht. Vor allem die bereits existierende Bahnlinie war für das NS-Regime ein Glücksfall. „So konnten Gefangene mit dem Zug direkt ins Lager transportiert werden. Benutzt wurde das Gleis, das heute noch bis zur Firma Driescher führt, früher ein Stück weiter ging und direkt am Lagereingang endete – an der heutigen Sudetenlandstraße.“

Ein Lächeln für den Fotografen: Gut gelaunt präsentierten sich amerikanische Gefangene bei ihrer Ankunft im Moosburger Kriegsgefangenenlager im März 1943.

In Windeseile wurde das Lager auf rund 350 000 Quadratmetern aus dem Boden gestampft. Schon am 19. Oktober kamen die ersten Gefangenen: 200 polnische und 900 ukrainische Soldaten. Da Baracken noch nicht existierten, wurden 500 Mann in einer Halle der nahe gelegenen Düngefabrik untergebracht. Die anderen blieben im strömenden Regen, ehe die provisorischen Zelte standen.

„Die Baracken sind erst nach und nach entstanden“, sagt Strehle. Sie wurden dringend benötigt: Nach dem Siegeszug der Wehrmacht in Frankreich riss der Gefangenen-Strom nach Moosburg nicht mehr ab. Obwohl nur für 10 000 Personen konzipiert, hatten im Sommer 1940 bereis 98 000 Gefangene das Lager durchlaufen.

Auch die Kriegsgefangenen hatten Rechte

„Zumindest die Angehörigen der westlichen Alliierten wurden weitestgehend nach den Regeln der Genfer Konventionen behandelt“, sagt Strehle. Das heißt: Sie hatten Rechte. So durften sie etwa regelmäßig vom Internationalen Roten Kreuz beliefert werden – vor allem mit Lebensmitteln. Zwar wurden Tag für Tag 45 000 Kilo Nahrungsmittel ins Lager gekarrt, hauptsächlich Kartoffeln und Brot. „Trotzdem waren Hunger und Kälte die Hauptthemen dort“, betont Strehle. Das Rote Kreuz hatte auch das Recht, Kontrollen im Lager durchzuführen und sich so ein Bild von der Behandlung der Gefangenen zu machen.

Dank der Genfer Konventionen durften die Insassen des Stalag auch ihren Angehörigen schreiben. „Es gab dafür standardisierte Postkarten“, berichtet Strehle. 70 000 Briefe verließen monatlich das Lager, 140 000 kamen aus der Heimat zurück. An Weihnachten 1940 transportierten 26 Waggons 150 000 Pakete für alliierte Soldaten. Zudem durften die Franzosen Theater spielen, Gottesdienste halten und zu Fronleichnam um die eigenen Baracken ziehen.

Feiern an Fronleichnam: Gefangene westlicher Alliierter durften Prozessionen durchführen.

Ging es den Gefangenen in Moosburg also gut? „Die Behandlung war adäquat“, sagt Strehle. „Ein Ferienlager war es aber nicht.“ 400 Personen wurden in einer Baracke zusammengepfercht. Die Nächte verbrachten sie in Dreifach-Stockbetten. „Das größte Problem war die Hygiene. Die Gefangenen haben unter Ungeziefer gelitten.“

Noch viel schlimmer ging es den osteuropäischen Gefangenen, vor allem den Angehörigen der Roten Armee. Die Sowjets waren der ideologische Feind, den es auszurotten galt. In einem Merkblatt für die Bewachung russischer Gefangener wurde „Bolschewisten“ gegenüber „rücksichtsloses Durchgreifen“ angeordnet. Die russischen Gefangenen hatten nahezu keine Rechte. 

Sowjetische Soldaten kamen in elendem Zustand in Moosburg an

Ihr Pech: Der sowjetische Diktator Josef Stalin hatte die Genfer Konvention nicht unterschrieben. „Für die Nazis war das ein glücklicher Vorwand, die Rotarmisten schlechter zu behandeln. Aber nach internationalem Recht hätte man trotzdem besser mit ihnen umgehen müssen“, sagt Strehle. In Moosburg kamen die sowjetischen Gefangenen schon in elendem Zustand an – zermürbt von 1000 Kilometern Marsch, von Aufenthalten in Front- und Zwischenlagern. „Die sind quasi aus dem Zug gefallen, weil sie so geschwächt waren.“

Auch die Behandlung im Stalag war mies. Die Sowjets wurden durch Zäune von anderen Gefangenen separiert. Bei Arbeitseinsätzen erhielten die Rotarmisten die schwersten und undankbarsten Jobs in der Industrie. Ihre Bezahlung und ihre Ernährung war nur die Hälfte der von westlichen Zwangsarbeitern. Sie hatten auch – anders als die westlichen Gefangenen – keinen Briefverkehr zu ihren Angehörigen.

Strafestehen am Stacheldraht: Für russische Kriegsgefangene galten strengere Maßstäbe

Dass auch in Moosburg zahlreiche Sowjets starben, belegt der sogenannte „Russenfriedhof“ in Oberreit. Von den 976 Bestatteten, die man zuordnen konnte, sind über 80 Prozent russischer Abstammung. Dabei lag ihr Anteil im Lager nur bei etwa 18 Prozent. Sie dürften hauptsächlich an Hunger, Kälte und Entkräftung gestorben sein. Andere wurden von Moosburg aus in den Tod geschickt: Hunderte wurden in Konzentrationslager, unter anderem nach Dachau, deportiert und dort hingerichtet – vermutlich per Genickschuss. Das war damals gängige Praxis. 

Zwar gab es einen Akt von Widerstand, als die Lagerkommandantur erfuhr, was den ausgesonderten Sowjets widerfuhr. Major Karl Meinel, Wehrmachtsoffizier des Wehrkreises VII, gelang es mit einigen bürokratischen Winkelzügen sogar, die Auslieferung mehrerer hundert Sowjets zu verhindern, berichtet Strehle. „Letztlich war die Rettung jedoch in den wenigsten Fällen möglich.“

Der historischen Verantwortung gerecht werden: Günther Strehle, Vorsitzender des Vereins Stalag Moosburg, hat sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an das Kriegsgefangenenlager in der Bevölkerung zu bewahren. Der Verein hat unter anderem Informationsschilder an ehemaligen Stätten angebracht.

Ein Blutbad verhinderte kurz vor Kriegsende Lagerkommandeur Otto Burger. Nepfs Nachfolger riskierte dafür sein Leben. Der Befehl der SS lautete, das Lager bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Burger, der erkannt hatte, dass die Lage für das Deutsche Reich aussichtslos war, nahm über das Rote Kreuz heimlich Kontakt zur amerikanischen Heeresleitung auf und vereinbarte, das Lager kampflos zu übergeben. 

Mutiger Lager-Kommandant verhindert Blutbad

Tatsächlich floss bei der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner am 29. April 1945 kein Blut. „Moosburg kann dem Kommandanten dankbar sein“, bilanziert Strehle. Letztlich sei das Stalag selbst für die Stadt eine glückliche Fügung gewesen. „Denn weil die Alliierten nicht riskieren wollten, ihre eigenen Leute zu treffen, wurde Moosburg im Gegensatz zu Landshut, Freising und Erding nicht bombardiert.“

Zum Hintergrund:

2014 wurde der Stalag-Verein gegründet und hatte großen Einfluss darauf, dass in Moosburg zum 75-jährigen Bestehen des Lagers eine würdige Gedenkfeier stattfand. Vereinsmitglied Dominik Reither hat sich wissenschaftlich viel mit der Geschichte des Lagers beschäftigt - unter anderem über die Behandlung der sowjetischen Gefangenen

Derzeit macht sich der Verein dafür stark, in einer der letzten Wächterbaracken ein Info- und Dokuzentrum zu errichten. Debatten gibt es auch um die letzte noch existierende Gefangenenbaracke, die sich im Besitz der Stadt befindet. Das historische Bauwerk, das jahrelang dem Verfall preisgegeben wurde, soll nun nach massiver Kritik von Heimat- und Denkmalpflegern eine schützende Einhausung erhalten.

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