+
Liberation Day: Für rund 70 000 Gefangene gibt es am 29. April 1945 nach der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers durch die Amerikaner kein Halten mehr. Viele ziehen noch am selben Nachmittag nach Moosburg, wo es zu schlimmen Szenen kommt

Vor 75 Jahren

Zweiter Weltkrieg: Die Befreiung von Moosburg stürzt die Stadt in Chaos und Gewalt

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
    schließen

Vor 75 Jahren befreien die Amerikaner die Kriegsgefangenen in Moosburg. Doch der Liberation Day stürzt die Stadt zunächst in Chaos und Gewalt. Vor allem die Frauen leiden.

  • Ende April vor 75 Jahren wird Moosburg von den Amerikanern befreit.
  • Ein Oberst verweigert im richtigen Moment Befehle und rettet damit wahrscheinlich viele Leben.
  • Doch dann kippt die Stimmung plötzlich in Moosburg. Eine historische Rekonstruktion.

Moosburg – Ende April 1945: Nach fast sechs Jahren Krieg ist die Lage für das NS-Regime aussichtslos. Wenige, schlecht ausgerüstete Einheiten stehen einer Übermacht an Alliierten gegenüber. Westfront und Ostfront sind vereint. Die Eroberer verfügen über uneingeschränkte Lufthoheit. Auch in Bayern rücken die US-Streitkräfte von Norden her schnell voran. Vielerorts sind die Machtverhältnisse chaotisch. Gauleiter, Polizeiführer und diverse SS-Einheiten übernehmen – gemeinsam oder gegeneinander – das Sagen und organisieren Verteidigungsmaßnahmen. Am Ende vergeblich. Am 29. April, jenem Tag, an dem Adolf Hitler im Führer-Bunker Eva Braun heiratet und sein politisches Testament diktiert, wird das Stalag in Moosburg befreit – fünf Jahre und sieben Monate nach Ankunft der ersten Gefangenen.

Über die letzten Kriegs- und ersten Friedenstage in Moosburg liegen mehrere Zeitzeugenberichte vor, berichtet Dominik Reither (40). Der promovierte Historiker hat 2015 die erste wissenschaftliche Abhandlung zum Lager veröffentlicht. Lagerkommandant Otto Burger schildert die Ereignisse während der letzten Apriltage. August Alckens, Dolmetscher im Lager, berichtet über die Situation der Wachmannschaften während der Lager-Befreiung. Major Rudolf Koller, Kampfkommandant von Moosburg, schildert den Einmarsch der US-Truppen in der Stadt. Stadtpfarrer Alois Schiml beschreibt die Situation der Zivilbevölkerung – vor allem während der massiven Plünderungen, die sich kurz nach Befreiung des Stalag abspielen. „Zwar decken sich nicht alle Angaben“, erklärt Reither. „Es ergibt sich in der Zusammenschau aber ein relativ detailliertes Bild der Ereignisse.“

Kurz vor Kriegsende: KZ-Häftlinge werden durch Moosburg getrieben

Die Lage in Moosburg kurz vor Kriegsende: Während die Alliierten über Erding, Freising und Landshut Bomben abwerfen, bleibt die Dreirosenstadt verschont – wegen des Stalag. Die Angreifer wollen das Leben der eigenen Leute nicht riskieren. Dennoch kommt es auch in Moosburg häufig zu Fliegeralarm. So bombardieren US-Piloten etwa einen Personenzug bei Isareck – 18 Tote. „In der Stadt gab es vier Luftschutzkeller – unter anderem am Feuerwehrhaus auf dem Plan, der heutigen Stadtbücherei“, berichtet Reither. „Manche Moosburger hatten auch in ihren Gärten Schutzgräben ausgehoben.“

Am 26. April durchqueren lange Kolonnen von KZ-Häftlingen Moosburg. „Sie befinden sich in erbarmungswürdigem Zustand“, schreibt Major Koller. Moosburger beobachten, wie sie von ihren Wächtern misshandelt werden. Neun von ihnen sterben und werden in Thonstetten begraben.

Die Amerikaner kommen näher: Der Oberst riskiert sein Leben

Im Lager sind die Gefangenen nicht nur in den Unterkünften zusammengepfercht, sondern drängen sich auch zwischen den Baracken. „Die deutsche Führung hatte vor allem seit Anfang 1945 tausende Gefangene, insbesondere aus dem Osten, nach Moosburg evakuieren lassen“, erklärt Reither. „Weil der Eisenbahnverkehr teilweise zusammengebrochen war, mussten sie häufig lange Strecken marschieren und kamen entkräftet, oft krank im Stalag an.“ Etwa 70.000 Gefangene dürften sich Ende April im Lager befunden haben. Viele von ihnen kampieren – wie Fotos zeigen – im Freien.

Experte für das Stalag: Dominik Reither ist promovierter Historiker.

In dieser Situation beweist Oberst Burger Mut. Er hat den Befehl erhalten, mit den gefangenen Offizieren nach Süden zu marschieren. „Wahrscheinlich sollten sie als Faustpfand bei möglichen Verhandlungen mit den Alliierten dienen. Ein solcher Marsch ohne vorbereitete Unterkunft und Verpflegung hätte für einen Teil der Gefangenen wohl tödliche Strapazen bedeutet“, erklärt Reither. „Die Mannschaften sollten in Moosburg bleiben, die Lagergebäude aber gesprengt werden, um dem Feind keine Unterkünfte in die Hände fallen zu lassen.“ Major Koller und Oberst Burger entschließen sich aber zu einer kampflosen Übergabe der Stadt und des Lagers. Gefangene werden nicht abtransportiert.

„Nibelungen“ gefährden friedliche Übergabe des Lagers

Am 27. April 1945 spitzt sich die Lage zu. Um 20.30 Uhr ergeht vom Oberbefehlshaber West ein auch für Moosburg gültiger Verteidigungsbefehl: „Die Stunde der Entscheidung ist gekommen. Es geht um den letzten Widerstand und den Sieg.“ Gegen Meuterer und Deserteure müsse rücksichtslos vorgegangen werden. Jedermann habe die Pflicht, versagende Offiziere zu entfernen, um selbst die Führung zu übernehmen.

Doch Burger bleibt bei seiner Strategie. Die erklärt er am Morgen des 28. April auch den Gefangenen. „Damit hat er in der Öffentlichkeit einen Befehl verweigert und sich damit in Lebensgefahr begeben“, macht Reither deutlich. Nicht nur das Wachpersonal folgt dem Oberst. Berichten zufolge fangen auch Moosburger Bürger damit an, Panzerfäuste zu verstecken oder unbrauchbar zu machen, um weitere Kampfhandlungen zu sabotieren.

Im Lager arbeiten Wächter und Gefangene zusammen

Noch am selben Tag treffen SS-Verbände in Moosburg ein. Ein Regiment der Division „Nibelungen“ geht in der Stadt in Stellung. Der SS-Kommandant zeigt sich zunächst entschlossen, Moosburg „nachhaltigst“ zu verteidigen. Doch Burger gelingt es, ihn davon abzubringen und stattdessen seinem Plan zu folgen. Der Oberst will eine Verhandlungsdelegation aus Rotkreuz-Vertretern und gefangenen Offizieren zu den Amerikanern schicken, die bereits Mauern erreicht haben. Gegen 15.30 Uhr bricht die Delegation mit dem SS-Offizier in Richtung Front auf.

Daumen hoch: In den Gesichtern der befreiten amerikanischen Soldaten spiegeln sich Freude und Erleichterung.

Nach Angaben von Burger wird der „Nibelunge“ von USTruppen festgehalten. Ob die Delegation um 18 Uhr tatsächlich ohne den SS-Mann ins Lager zurückkam, ist wahrscheinlich, sagt Reither, aber nicht gesichert. Die Botschaft der Amerikaner: Das Stalag-Personal werde nach internationalem Recht behandelt und bald aus der Gefangenschaft entlassen. In Moosburg würden keine Repressalien oder Plünderungen zugelassen.

Während sich die SS-Einheiten aus der Stadt zurückziehen, bespricht Burger mit gefangenen Offizieren die Übergabe des Lagers. Die Vertrauensmänner sagen zu, für den Schutz der Depots zu sorgen, in denen Karteikarten, Wertsachen, rund fünf Millionen Reichsmark in Devisen und vor allem Lebensmittel aufbewahrt sind. In der Nacht zum 29. April zieht der Oberst die Wachen aus dem Inneren des Lagers ab. Die Gefangenen übernehmen nun selbst die Sicherungsmaßnahmen. Auf den äußeren Wachtürmen gehen Kriegsgefangene mit deutschen Wächtern auf Posten. „Damit hatten sich in den letzten Kriegstagen die Fronten gewandelt“, fasst Reither zusammen. „Jetzt hieß es nicht mehr deutsche Truppen und Dienststellen gegen die Kriegsgefangenen, sondern Teile der deutschen Truppen und Kriegsgefangene gegen SS und Gestapo.“

Der Liberation Day beginnt mit Gefechten und Kanonenschüssen

Am 29. April brechen gegen 9 Uhr Gefechte aus. Von Richtung Wittibsmühle ist MG-Feuer zu hören. Die verschanzten SS-Verbände leisten den vorrückenden USTruppen Widerstand, können sie aber nicht aufhalten. Mit Rücksicht auf die Gefangenen setzen die Amerikaner – im Gegensatz zum sonst üblichen Vorgehen bei Widerstand – keine schwere Artillerie ein. Auch so drängen sie die SS-Schergen immer weiter zurück.

Der Stalagverein Moosburg hat eine Dokumentation zur Geschichte des Gefangenenlagers erstellt:

In den Straßen der Stadt kommt es schließlich zu kurzen, aber heftigen Feuergefechten. Die Amerikaner nehmen auch den Johannesturm unter Beschuss, wo die SS-Truppe eine Stellung eingerichtet hat. Die Moosburger haben da ihren Sonntagsgottesdienst im benachbarten Münster bereits abgebrochen und sind in ihre Keller geflüchtet. „Da die SS-Truppen über keine schweren Waffen verfügten, und man in Moosburg Panzerfäuste unbrauchbar gemacht hatte, konnten die Panzer den Widerstand der SS schnell brechen“, berichtet Reither. Dass versprengte SS-Leute die Isarbrücke sprengen, können die Amerikaner zwar nicht verhindern. Die Stadt aber haben sie erobert. „Die GIs wurden von der Bevölkerung mit Blumen begrüßt“, berichtet Reither. „Über Opfer unter Zivilisten ist nichts bekannt.“

Am Mittag ist Moosburg in amerikanischer Hand

Gegen Mittag treffen die ersten amerikanischen Panzer im Lager ein. Die Übergabe des Stalag dauert nur wenige Minuten. Unter den Gefangenen ist die Freude groß. Bilder von der Lagerbefreiung zeigen jubelnde Menschen. Am Nachmittag endet der Krieg auch für die aus rund 2000 Personen bestehenden Wachmannschaften. Hunderte von Deutschen werden am Viehmarktplatz gesammelt und am späten Nachmittagüber Mauern Richtung Gammelsdorf in die Gefangenschaft nach Regensburg geführt. Unter den Betroffenen befinden sich nicht nur deutsche Soldaten, sondern auch Zivilisten, darunter Bürgermeister Hermann Müller und der gesamte Stadtrat.

Der Krieg in Moosburg ist vorbei. Doch die ersten Stunden und Tage des Friedens bringen Chaos und Leid. Schon die einmarschierenden amerikanischen Soldaten nehmen der Zivilbevölkerung Eheringe und Uhren ab. US-Soldaten beziehen Quartier in Privathäusern. Deren Bewohner haben meist nur eine Stunde Zeit, das Nötigste zu packen und zu verschwinden. Gruppen gerade erst befreiter Gefangener strömen ebenfalls in die Stadt und plündern Geschäfte. Ein Militärschuhlager am Bahnhof wird ausgeräumt. Aus einem Schulsaal der Kinderbewahranstalt reißen befreite Gefangene aus Atlanten sämtliche Landkarten heraus, die ihnen Orientierung für die Rückkehr nach Hause bieten. Auch Bauernhöfe und Privathäuser werden nicht verschont: Lebensmitteln, Decken und Betten, aber auch Einmachgläser und Bratpfannen werden mitgenommen. Was die Plünderer nicht brauchen, zerstören sie.

In der Stadt kommt es zu wilden Plünderungen

Wie konnte die Freude über die Befreiung so schnell kippen? Reither betont, dass angesichts von rund 70.000 Gefangenen und unzähligen Soldaten letztlich nur ein kleiner Teil gewütet habe. „Für einige war mit der Befreiung offenbar auch die Zeit der Abrechnung gekommen. Möglich auch, dass polnische und tschechische Gefangene und Zivilarbeiter, die sich auf eigene Faust in die Heimat durchschlagen wollten, auf Plünderungen angewiesen waren.“

Symbol der Freiheit: Amerikanische Soldaten lassen die Stars and Stripes im Stalag wehen.

Besonders schlimm wird in einem Keller gewütet, in dem die Wehrmacht 8000 Liter Wein gelagert hat. Vor allem russische Soldaten lassen sich volllaufen. Körperlich geschwächt, wird der Alkoholgenuss für die gerade erst befreiten Gefangenen zur tödlichen Dosis. Am Tag darauf muss die Militärregierung 40 Särge für diejenigen bestellen, die das Besäufnis nicht überlebt haben. Als die Amerikaner den Keller schließen, zünden ihn dennoch wütende Gefangene an. Auch das Anwesen eines Bauern brennt, als der zögert, ein Kalb herauszugeben.

Für Frauen werden erste Tage in „Freiheit“ zum Martyrium

Es gibt jedoch auch zahlreiche ehemalige Gefangene, die Übergriffe verhindern – vor allem auf Familien und Betriebe, in denen sie während ihres Arbeitseinsatzes gut behandelt worden sind. Reither: „Sie haben Schilder aufgestellt mit der Aufschrift: ,Hier wird nicht geplündert’. Oder sie haben selbst Wache gestanden, sich schützend vor die Einheimischen gestellt und, wenn es sein musste, auch körperlich verteidigt.“

Für einheimische Frauen werden die ersten „Friedenstage“ zum Martyrium. Bereits am zweiten Tag der Plünderungen ist von 17 Vergewaltigungen die Rede. Stadtpfarrer und Kapläne richten daraufhin im Pfarrhof Schutzräume für Frauen und Mädchen ein.

„Zwar bemühten sich US-Truppen, Übergriffe zu verhindern und geraubte Gegenstände zurückzugeben, betont Reither. Doch erst nach acht Tagen können die Amerikaner die Plünderungen eindämmen. Zwei Wochen dauert es, bis das Wüten komplett gestoppt ist. Zu diesem Zeitpunkt ist der Krieg in Europa bereits vorbei – und die Stadt Moosburg wie ausgestorben.

Lesen Sie auch: Stanglmaier vs. Hadersdorfer: Tauziehen um Dollingers Stellvertreter-Posten im Moosburger Rathaus. Markt Au zieht am Donnerstag nach: Gratis Corona-Masken für alle Bürger - Ausgabeorte stehen fest.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare