Karteikarte eines polnischen Kriegsgefangenen aus dem Stalag VII A in Moosburg.
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Detaillierte Informationen über Kriegsgefangene liefern die Karteikarten, die sich in einem polnischen Archiv befanden.

Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen

Sensationsfund: Moosburger Historiker stoßen auf unzählige Stalag-Karteikarten über Gefangene

  • vonNico Bauer
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Das Leiden im Moosburger Gefangenenlager Stalag VII A hat mindestens 150 neue Gesichter bekommen: Ein Sensationsfund liefert Historikern viele neue Erkenntnisse.

Moosburg – Martin Pschorr bekam erst einen heißen Tipp und dann folgte der goldene Fund: Der langjährige Moosburger SPD-Stadtrat erforscht seit vielen Jahren die Geschichte des ehemaligen Gefangenenlagers Stalag VII A und landete nach einem Hinweis via Internet in einem polnischen Archiv. Dort sind rund 3000 Karteikarten von polnischen jüdischen Gefangenen hinterlegt. In den Dokumenten wurde mit deutscher Gründlichkeit auf bis zu zehn Seiten hinterlegt, wo Gefangene zur Zwangsarbeit eingeteilt waren und wie ihr Werdegang verlief. Beim ersten Durchsuchen der Dokumente fand Martin Pschorr 150 Gefangene aus dem Moosburger Lager, deren Weg über Zwischenstationen ins polnische Lager Lublin-Majdanek führt. Dort endeten die Leben wohl nach einer unfassbaren Exekution.

Stalag-Beauftragter Martin Pschorr stieß über einen Tipp auf die wertvollen Zeitdokumente.

Die 150 im Moosburger Stalag angelegten Karteikarten beinhalten spannende Informationen zur Zwangsarbeit. Das reicht vom damaligen Rüstungshersteller Steinbock über Echinger Einsatzgebiete bis hin zur Ortsbauernschaft von Jarzt. Das Leben der Gefangenen bekommt ein konkretes Gesicht. Martin Pschorr entnimmt den Akten auch konkrete Informationen über die geringe Bezahlung für Zwangsarbeit: „Gefangene aus Polen erhielten viel weniger Geld als Franzosen. Und die Gefangenen aus der Sowjetunion haben noch viel weniger bekommen.“

Die Gefangenen erlitten ein furchtbares Schicksal

Die wichtigste Erkenntnis der gefundenen Karteikarten sind die Wege der Gefangenen, die System hatten. Im Moosburger Lager wurden jüdische Polen zusammengefasst und in ein anderes Stalag gebracht. Dort erfolgte dann offiziell die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und meist ging die Reise weiter nach Lublin. Nach Aufzeichnungen wurden im dortigen Arbeitslager bei der Aktion „Erntefest“ am 3. und 4. April 1943 rund 43.000 Menschen erschossen. Auch der Großteil der Moosburg-Gefangenen dürfte dabei ums Leben gekommen sein. „Erst wurden die jüdischen Gefangenen konzentriert und dann wendete man die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft als Trick an“, sagt Stadtarchivar Willi Ellböck, der die Erkenntnisse gemeinsam mit Pschorr vorstellte. Damit sei das Nazi-Regime nicht mehr an internationales Recht für Kriegsgefangene gebunden gewesen – und die Flüchtlinge zu Freiwild geworden.

Martin Pschorr betonte mit Blick auf diese Funde, „dass wir erst ganz am Anfang stehen und noch viel Arbeit vor uns haben“. Er machte auch deutlich, dass nach der genauen Auswertung der Werdegänge von Moosburger Gefangenen eine Veröffentlichung in einer Broschüre, einem Buch oder einer Ausstellung vorgesehen seien. Und Pschorr verwies darauf, bei der ersten Durchsicht erst jene 150 gefunden zu haben, die in Moosburg ausgestellt worden seien und Stalag VII A auf der ersten Seite stehen hätten. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass bei anderen Karten Moosburg als Zwischenstation auf hinteren Seiten zu finden sei. Die Durchsicht des im Internet frei zugänglichen Materials aus einem polnischen Archiv dürfte nun Monate oder Jahre dauern.

Stadtarchivar Willi Ellböck drückte bei der Vorstellung seine große Freude über diesen Sensationsfund aus, der komplett neue Erkenntnisse zur Geschichte des Gefangenenlagers Stalag VII A in Moosburg liefere.

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