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In Degernpoint kümmert sich das Jungheinrich-Eigengewächs Armin Holzner (r.) um die Lager- und Systemgeräte. Und im Moosburger Stammwerk treibt Hanno Froese (l.), vor kurzem noch Werksleiter bei Hilti, die Produktion von Staplern voran.

Armin Holzner und Hanno Froese

„Treiber im Konzern“: Moosburgs Jungheinrich-Chefs im großen Doppelinterview

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Moosburgs größter Arbeitgeber Jungheinrich fährt jetzt zweigleisig: Der Standort Degernpoint wurde als eigene Gesellschaft ausgegliedert. Im Doppelinterview schwören beide Chefs ihre Belegschaften auf den weiter rasanten Wachstumskurs ein – und offenbaren ihren Führungsstil.

Moosburg – Hinter den beiden Jungheinrich-Managern, die zum Interview in einem Konferenzraum des Stammwerks an der Steinbockstraße Platz genommen haben, hängen meterlange Fotodrucke: auf der einen Luftaufnahme die Fabrik in Degernpoint, auf der anderen das Stammwerk. Die Bilder sind getrennt – wie inzwischen auch die Firmierung der Werke. Weil sich die Produkte und damit die Interessen beider Standorte stark voneinander unterscheiden, entschied man sich zur juristischen Spaltung.

Hanno Froese und Armin Holzner haben nun die Aufgabe, als jeweilige Geschäftsleiter in einem Mix aus Eigenständigkeit und Miteinander die glänzenden Konzernzahlen fortzuschreiben. Gleichzeitig müssen sich beide persönlich beweisen: Froese als völliger Jungheinrich-Frischling, der möglichst schnell die DNA der Firma aufsaugen soll – und Holzner als einer, dem seine Vorstände nach vielen Stationen im Unternehmen einmal mehr riesige Verantwortung übertragen haben.

-Herr Holzner, Sie stammen aus Moosburg, arbeiten seit 20 Jahren bei Jungheinrich – und haben doch die meiste Zeit Ihrer Karriere in der Ferne verbracht.

Holzner: (lacht) Ja, das ist schon sensationell: Von England über Hamburg und China hat es mich zurück in meine Geburtsstadt geführt.

-Wie lautet Ihre Aufgabe hier?

Holzner: Ich bin in der Sparte „Logistiksysteme“ für die Technik verantwortlich. Darunter fallen das Werk für die Hochregalstapler beziehungsweise Schmalgangstapler und die Entwicklung der Regale und Lagereinrichtungen. Aber auch die autonomen Flurförderzeuge, die automatisierten Fahrzeuge. Also ein bisschen mehr noch als nur das Werk.

-Herr Froese, Sie stammen aus dem Schwarzwald, sind der Neue in Moosburg. Wie kommen Sie mit der Mundart zurecht?

Froese: Es gibt keinerlei Verständigungsprobleme, schließlich hab’ ich mehr als fünf Jahre in München gelebt – und in nicht ganz dialektfreien Räumen wie der Schweiz, Vorarlberg oder Schwaben gearbeitet (lacht). Ich fühle mich also wohl hier.

-Sie sind vor drei Monaten vom Werkzeughersteller Hilti zu Jungheinrich gewechselt. Wie hat man Sie aufgenommen?

Froese: Sehr gut, und zwar auf allen Ebenen. Es ist eine tolle Mannschaft. Ich bin selbst ein offener Mensch, der gerne auf andere zugeht – das wurde mir zurückgespielt. Ich komme mit dem Schlag hier gut zurecht: diese Bodenständigkeit, der Fleiß, der Stolz auf die Firma – alles Dinge, die mir selbst wichtig sind.

-Wie unterscheiden sich die Unternehmenskulturen von Hilti und Jungheinrich?

„Mit den Produkten aus Degernpoint sind wir in Europa deutlicher Marktführer“ - Armin Holzner

Froese: Eigentlich ähneln sie sich in vielen Punkten: Es sind beides Familienunternehmen mit Direktvertrieb und starkem Fokus auf die Kunden. Werteorientierung wird groß geschrieben.

-Wie würden Sie das Unternehmen beschreiben, Herr Holzner?

Holzner: Als sehr innovativ. Wir verwenden viele neue Technologien und setzen auf Qualität und Zuverlässigkeit. Dafür werden wir regelmäßig ausgezeichnet. Wenn ich mir die Produkte aus meinem Werk ansehe, sind wir – was die europäischen Zahlen angeht – deutlicher Marktführer. Das basiert natürlich auf dem Vertrauen unserer Kunden. Auf jeden Fall ist Jungheinrich ein Fast Mover. Wie zuletzt auf der Hauptversammlung bestätigt wurde, sind wir sehr gut unterwegs, was unsere hohen Ziele für 2020 betrifft.

-Der letzte Meilenstein lautete ja „Projekt 2018“. Haben Sie das denn schon abgehakt?

Holzner: Ja. Im Prinzip hat es mit dem Bau des Werks Degernpoint begonnen, um im Stammwerk mehr Fläche zu gewinnen.

Froese: Das Werk dort und die Neugründung haben uns im Stammwerk wieder Luft verschafft, uns nach vorne zu orientieren. Es war ein Freischlag – und hat es ermöglicht, während der laufenden, steigenden Produktion umzubauen, ohne dass ein Kunde etwas davon mitbekommen hat. Das ist eine tolle Leistung aller beteiligter Mitarbeiter. Und solche Leute brauchen wir. Schließlich befinden wir uns auf dem Wachstumspfad, es geht eher schneller voran, als wir uns das selbst mit den ambitionierten 2020-Zielen vorgenommen haben.

-Reichen dann die Kapazitäten, die frei wurden, bis 2020 aus? Oder liegt schon der nächste Plan in der Schublade, um etwa weitere Produktionsteile vom Stammwerk nach Degernpoint auszulagern?

Holzner: Nein, da handelt es sich wirklich um zwei unterschiedliche Arten von Fahrzeugen, da gibt es keine Synergien. Natürlich müssen wir uns in beiden Werken durch kontinuierliche Verbesserung immer wieder bemühen, die nötigen Kapazitäten zu ermöglichen.

Froese: Wir können uns auf jeden Fall nie zurücklehnen und sagen: Naja, in zwei, drei Jahren fangen wir mal an.

-Was ist denn schwieriger für einen Manager: Einen kriselnden Laden auf Vordermann zu bringen, oder einen erfolgreichen auf Kurs zu halten?

Froese: Ich hab’ beides gemacht. Es ist manchmal vielleicht einfacher, kurzfristig gesehen, in einer Krisensituation Veränderungen durchzusetzen. Aber letztendlich führt nur nachhaltiges Handeln zum Ziel. Und Arbeiten mit Begeisterung anstatt mit Angst macht deutlich mehr Spaß.

-Herr Holzner, wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Auf fahrerlosen Transportsystemen werden im Stammwerk Moosburg die Gabelstapler montiert – unter anderem von Werner Edenharder (l.) und Christain Röhrl. Die Umstellung auf die automatisierten Produktionsfahrzeuge war eine von vielen umfassenden Veränderungen im Zuge des „Projekts 2018“ bei Jungheinrich.

Holzner: Modern und offen, einhergehend mit einer Fehlerkultur. Mitarbeiter sollen die Möglichkeit haben, dass sie auch nicht-positive Dinge ansprechen, ohne Angst haben zu müssen, dass irgendwas passiert. Nur so kann man aus Fehlern lernen. Und wir müssen alle über den Tellerrand hinausgucken: Wie können wir etwas besser machen? Nicht sagen: Das haben wir schon immer so gemacht, das reicht nicht, um wettbewerbsfähig zu sein. Und das beginnt in den kleinsten Prozessen, beim Schweißen, bei der Maschinenbearbeitung. Man kann sich immer Gedanken machen: Wie verbessere ich meinen Rhythmus? Das ist ein Thema, das ich bei meinen Kollegen und Mitarbeitern vorantreibe und befürworte.

-Wenn die Werke so eigenständig arbeiten – tauschen Sie sich dann überhaupt regelmäßig aus?

Froese: Ja, und das ist etwas Schönes: Herr Holzner und ich pflegen eine sehr kollegiale Zusammenarbeit, wir stimmen uns eng ab. Natürlich gibt es weiter Verknüpfungen zwischen den Werken.

Holzner: Unser Ziel ist es nicht, von der Mentalität her unterschiedlich zu werden. Wir verfolgen unterschiedliche strategische Ziele, aber teilen die gleiche Philosophie.

-Im jüngsten Quartalsbericht des Konzerns war wieder von der x-ten Steigerung bei Aufträgen, Umsatzerlösen und Stückzahlen zu lesen. Welchen Anteil haben die Moosburger Werke daran?

Beide, unisono: Sehr großen.

Froese: Wir können uns mit Fug und Recht als Treiber in vielen Bereichen bezeichnen. Herr Holzner kann ein hohes, zweistelliges Wachstum in Degernpoint vorweisen. Aber auch am Stammwerk haben wir uns über die letzten Jahre sehr gut entwickelt. Für dieses Jahr rechnen wir erneut mit einem signifikanten Wachstum, wieder deutlich zweistellig.

-Herr Holzner, Sie kennen auch die Perspektive aus der Zentrale in Hamburg. Welchen Stellenwert genießt dort Moosburg?

„In beiden Werken suchen wir Personal für 60 bis 100 Positionen.“ - Hanno Froese

Holzner: Wir sind sehr vernetzt im Verbund, und ein jedes Werk spielt eine bedeutende Rolle. Der Teamspirit ist das Wichtigste bei Jungheinrich. Wenn man sich vorstellt: Unser Unternehmen hat jetzt über 15.000 Mitarbeiter, 2012 waren es noch um die 10.000. Aus meiner Sicht hat sich in dieser Zeit am Zusammenhalt nichts geändert. Wir kennen uns, wir vernetzen uns und binden neue Mitarbeiter ein. Das ist schon einzigartig.

Froese: Unsere Standorte sind auf jeden Fall eine wichtige Säule und ein Kern – egal ob nun Degernpoint oder Moosburg.

-In Degernpoint gehören Jungheinrich noch rund 40.000 Quadratmeter freie Fläche. Wann rollen die nächsten Bagger?

Holzner: Wir haben viel in neue Anlagen und Prozesse investiert. Da gibt es noch deutliches Potenzial. Bevor das nicht ausgeschöpft ist, denke ich momentan noch nicht an eine bauliche Erweiterung der Produktion.

-Sie haben auch in neue Mitarbeiter investiert.

Holzner: Ja, wir beide. In Degernpoint arbeiten mittlerweile 420 Leute.

Hanno Froese (l.) und Armin Holzner vor Luftaufnahmen der beiden Moosburger Jungheinrich-Werke.

Froese: Am Stammwerk sind es fast 1000. Und wir stellen weiter ein: Derzeit suchen wir an beiden Standorten Personal für rund 60 bis 100 Positionen – vom Facharbeiter bis ins Management. Und das sollte sich auch in den nächsten Jahren so fortsetzen.

-Herr Froese, Sie wohnen etwas außerhalb, Richtung Hallertau. Wenn Sie mal durch die Straßen von Moosburg gehen, werden Sie da schon erkannt, als Chef von Moosburgs größtem Arbeitgeber?

Froese: (lacht) Ja. Es ist schon lustig, wenn man zum ersten Mal bei einem Frisör oder in eine Apotheke reinkommt – und da heißt es gleich: Hallo Herr Froese! Auf eine sehr freundliche Art.

-Herr Holzner, Sie sind in Ihrem Leben ganz schön herumgekommen. Wo hat es Ihnen denn bisher am besten gefallen?

Holzner: Alle Orte haben ihre Vor- und Nachteile. Aber ich muss schon sagen: Hamburg ist eine der tollsten Städte der ganzen Welt. London fand ich auch sehr interessant. Und natürlich die pulsierende Megacity Schanghai. Jetzt genieße ich das ruhige Flair hier in Bayern.

Die Personalien: Hanno Froese und Armin Holzner

Hanno Froese (42) stammt aus dem Schwarzwald, ist mit einer Professorin verheiratet und hat eine Tochter (4). Der Wirtschaftsingenieur studierte in Karlsruhe und den USA, bevor er für fünf Jahre zur Unternehmensberatung Bain & Company ging. Es folgten Stationen im Hilti-Konzern, zuletzt als Werksleiter. Gefragt nach dem Grund, weshalb er sich aus der Unternehmensberatung verabschiedet hatte, sagt Froese: „Ich wollte nicht nur anderen ins Ohr flüstern, wie man es besser machen könnte – sondern selbst Verantwortung übernehmen.“

Armin Holzner (46) ist gebürtiger Moosburger, verheiratet mit einer Anwältin und hat einen Sohn (13). Der Diplom-Maschinenbauer ist seit 20 Jahren bei Jungheinrich, arbeitete in England, Norddeutschland, der Konzernzentrale und als Werksleiter in China. Ab August 2016 war er Teil der Geschäftsleitung an der Seite von Bernd Tüshaus, Moosburgs ehemaligem Werksleiter. Holzner arbeitet in dritter Generation beim Staplerbauer in Moosburg.

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