Für alle sichtbar hängt seit Sonntag eine Pride-Fahne am Moosburger Hirschwirt. Gehisst wurde sie unter anderem von (v. l.) Stefan John (Linke), Julian Grübl (Fresh), Verena Kuch (Grüne), Julia Neumayr, Benedict Gruber und Thomas Wittmann (alle Fresh).
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Für alle sichtbar hängt seit Sonntag eine Pride-Fahne am Moosburger Hirschwirt. Gehisst wurde sie unter anderem von (v. l.) Stefan John (Linke), Julian Grübl (Fresh), Verena Kuch (Grüne), Julia Neumayr, Benedict Gruber und Thomas Wittmann (alle Fresh).

Zeichen für Vielfalt

Warum in Moosburg die Pride-Fahne beim Wirt weht - und nicht vorm Rathaus

  • Armin Forster
    vonArmin Forster
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Um ein Zeichen für Toleranz und gegen Diskriminierung queerer Menschen zu setzen, haben junge Politiker eine Pride-Fahne im Zentrum Moosburgs gehisst. Es ist auch ein Symbolakt Richtung Rathaus.

Moosburg – Menschen mit unterschiedlichen Identitäten oder sexuellen Orientierungen sind in unserer Gesellschaft noch immer Diskriminierung, Ausgrenzung oder gar Gewalt ausgesetzt. Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen und um für Vielfalt, Toleranz sowie Gleichstellung zu werben, wurde im Juni der internationale Pride Month (Erklärungen siehe Lexikon-Absatz unten) begangen. Städte wie München haben außerdem mit einer Pride Week ein Zeichen gesetzt und das von 4. bis 12. Juli mit zahlreichen Regenbogen-Fahnen im öffentlichen Raum auch für alle sichtbar gemacht. Unter anderem wehten die bunten Flaggen an der Rathausfassade, dazu erstrahlten prominente Gebäude wie die Allianz Arena in den Farben des Regenbogens.

Auch am Münchner Rathaus wehten vergangene Woche Regenbogen-Flaggen. Eine entsprechende Anfrage an die Stadt Moosburg versandete bislang.

Weil es freilich nicht nur in München queere Menschen gibt, sondern auch in Moosburg, hatte in der jüngsten Stadtratssitzung Thomas Wittmann (Fresh) bei Bürgermeister Josef Dollinger angefragt, ob nicht die Dreirosenstadt dem guten Beispiel folgen wolle und das Rathaus entsprechend beflaggen könne. Johannes Becher (Grüne) unterstützte das Ansinnen und kommentierte in Richtung Dollinger und Verwaltung, das Kaufen von ein paar Fahnen sei ein derart geringfügiger finanzieller Aufwand, da brauche es doch wohl keinen extra Antrag. Vom Ortschef jedoch gab es in dieser Sache kein eindeutiges Signal: Dollinger, der vom Wortbeitrag überfahren wirkte, antwortete lediglich, man werde die Sache „prüfen“.

Überparteiliche Aktion soll Zeichen setzen

Dass in den Tagen danach nichts geschah, führte die Fresh-Mitglieder zur Erkenntnis, dass von städtischer Seite wohl nichts mehr zu erwarten sei, und man deshalb selbst aktiv werden müsse. Am Sonntagnachmittag versammelte sich daher eine Abordnung vor dem Moosburger Hirschwirt, um das Gasthaus mit einem eigens genähten, vier Meter langen Regenbogen-Banner zu beflaggen. Die Kultkneipe am Gries ist nicht nur das Stammlokal von Fresh, sondern auch weithin für seine liberale und bunte Szene bekannt – für Wirtin Ingrid Huch-Hallwachs war die Unterstützung daher Ehrensache.

Die Aktion war jedoch keineswegs eine Ein-Parteien-Nummer: Während Grünen-Stadträtin Verena Kuch mit einigen Fresh-Leuten die Leiter festhielt, kletterte Linke-Stadtrat Stefan John die Sprossen empor und befestigte die Flagge unter dem Giebel hoch über dem Hirschen-Eingang. „Fresh hat uns eingeladen, dem Ganzen beizuwohnen“, zeigte sich Kuch dankbar. „Von Herrn Dollinger kam gar nichts, wir aber möchten zeigen, wie wichtig das Thema ist.“ Sie hoffe, die Stadt nehme die Idee noch auf. Nachdem Stefan John wieder festen Boden unter den Füßen hatte, lobte auch er die „gute Aktion“: „Große Städte veranstalten einen Christopher Street Day, wir wollen wenigstens auf diese Weise ein Zeichen setzen und eine Vorbildfunktion einnehmen.“

„Man wird auch in Moosburg blöd angemacht“

Benedict Gruber, Student aus Moosburg und Fresh-Mitbegründer, hatte bei der Aktion die Federführung und blickte am Sonntag mit freudigen Augen auf das im Wind flatternde Pride-Banner. „Durch die Flagge erreichen wir jeden in der Stadt. Es ist eine Erinnerung für die Leute, dass es auch hier queere Menschen gibt.“ Denn in der Kleinstadt an der Isar gebe es ebenfalls Probleme mit Homophobie, Transphobie oder sonstiger Intoleranz. 

„Man wird auch in Moosburg schon mal blöd angemacht“, berichtet der bekennend Bisexuelle. „Das führt etwa dazu, dass man sich nicht traut, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Und dadurch denken manche vielleicht, dass es so etwas hier gar nicht gibt.“ Viele queere Menschen würden aus Gründen wie diesen in eine Großstadt ziehen, um sich befreiter ausleben zu können. Gruber ist überzeugt: „Das muss doch nicht sein.“

Kleines Begriffe-Lexikon zum Thema

Zahlreiche Fremdwörter und Abkürzungen finden rund um das Thema sexuelle Diversität Anwendung. Ein Überblick:

  • Pride Month/Week: Der Begriff Pride (englisch: Stolz) stammt aus der Lesben- und Schwulenbewegung und beschreibt den selbstbewussten bzw. selbstachtenden und damit stolzen Umgang mit der eigenen sexuellen Identität. Month/Week ist Englisch für Monat/Woche.
  • Queer bezeichnet als englisches Adjektiv Dinge, Handlungen oder Personen, die durch oder als Ausdruck einer sexuellen oder geschlechtlichen Identität von der gesellschaftlichen Heteronormativität abweichen. Queer wird heute sowohl für die gesamte Bewegung als auch für die einzelnen ihr angehörenden Personen verwendet.
  • Homo-/Transphobie bezeichnet eine soziale Abneigung oder Feindseligkeit gegenüber lesbischen und schwulen beziehungsweise transsexuellen Menschen.
  • LGBTI ist eine Abkürzung, die in Zusammenhang mit Diversität verwendet wird. Sie steht für die englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender und Intersexual. Zu Deutsch: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell.

Lesen Sie auch: In Moosburg durften Grundbesitzer ihre Bäume nur mit Genehmigung fällen - bis die Baumschutzverordnung gekippt wurde. Nun fordert die Fresh-Fraktion die Wiederaufnahme der Regel.

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