+
Nach 38 Jahren und fünf Monaten heißt es Abschied nehmen von Jungheinrich: Ab 1. Januar geht Bernd Tüshaus in Vorruhestand. Heute war der letzte Arbeitstag des Moosburger Werksleiters.

Moosburger Unternehmer geht in Vorruhestand

Werksleiter im Interview: Bei Jungheinrich endet heute die Ära Bernd Tüshaus

  • schließen

Moosburg - Heute geht Bernd Tüshaus, Moosburgs langjähriger Jungheinrich-Chef, in Vorruhestand. Uns gab er sein letztes Interview im Dienst. Ein Gespräch über Projekte, Krisen und Wehmut.

Eigentlich, so sagt Bernd Tüshaus, wollte er nur ein Jahr in Moosburg bleiben. Es wurden 38. Und auch nachdem der 63-Jährige heute von seinem Posten als Werksleiter des Jungheinrich-Standorts Moosburg in den Vorruhestand wechselt, bleibt sein Lebensmittelpunkt in der Dreirosenstadt. Das FT sprach mit Tüshaus über große Projekte, Krisenbewältigung und Wehmut zum Abschied.

-Freisinger Tagblatt: Herr Tüshaus, ist Ihr Werk nach 38 Jahren bei Jungheinrich vollbracht?

Bernd Tüshaus: Ich habe hier vieles realisieren dürfen und einiges vorangebracht. Aufhören darf man nicht, es muss immer weitergehen. Stillstand bedeutet Rückschritt.

-An Heiligabend sind Sie bereits im Vorruhestand. Haben Sie das schon verinnerlicht?

Also, als Rentner sehe ich mich noch nicht. Ich hatte ja genug Zeit, mich auf den Abschied vorzubereiten – in den letzten Tagen ist dann doch ein bisschen Wehmut aufgekommen. Nach 38 Jahren und fünf Monaten hab’ ich natürlich das Unternehmen und die Mitarbeiter kennen und schätzen gelernt. Nun ist aber der Punkt da, wo ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

-Gäbe es denn keine Option, als Berater oder tageweise weiterzuarbeiten?

Das habe ich von Kollegen, auch aus anderen Firmen, gelernt: Man muss aufhören, wenn man aufhört. Mal hier drei Tage, mal dort ein Projekt – das will ich nicht. Entweder gebe ich alles oder nichts.

„Wenn die Generation davor gut gearbeitet hat, kann die nächste darauf aufbauen“

-Alle zwei Jahre haben Sie Ehemalige in die Firma eingeladen und durch die Produktion geführt. Freuen Sie sich schon auf den Moment, wenn Sie Ihr Nachfolger zum Rentnertreffen einlädt?

(lacht) Ja! Das ist ja eine tolle Veranstaltung: Man trifft die Kollegen von früher, plaudert über alte Zeiten und kann sich anschauen, wie die Dinge weiterentwickelt wurden. Zu meiner Zeit ist das mit viel Lob und großem Staunen von den meisten kommentiert worden. Dabei ist das auch deren Verdienst: Wenn die Generation davor gut gearbeitet hat, kann die nächste darauf aufbauen.

-Wie wird Ihr Alltag nach den Weihnachtsferien aussehen?

Sein Werk: Der Bau der zweiten Moosburger Produktionsstätte im Gewerbegebiet Degernpoint wurde unter Tüshaus’ Verantwortung geplant und vollendet. Jungheinrich ist der größte Arbeitgeber in der Stadt.

Ich kann endlich Dinge angehen, die liegengeblieben sind, weil ich immer nur an Wochenenden Zeit hatte. Am Haus und im Garten gehört einiges gemacht, und ich kann mich gemeinsam mit meiner Frau intensiver meinen Hobbys widmen. Zum Beispiel habe ich vor vier Jahren mit dem Golfspielen angefangen, da werde ich weiter an meinem Handicap arbeiten. Beim Bergwandern wird es natürlich traumhaft sein, an Tagen loszugehen, an denen nicht alle auf den Beinen sind. Und wir reisen sehr gerne. Da gibt es für uns noch viele interessante Ziele.

-Viele in der Belegschaft rechnen Ihnen noch heute hoch an, dass Sie sie heil durch die Wirtschaftskrise gelotst haben. Die hatte nicht nur Kurzarbeit nötig gemacht, sondern auch die Pläne für den Bau des zweiten Werks in Degernpoint durchkreuzt. Hand auf’s Herz: Gab es einen Moment, an dem Sie gedacht haben: „Das packen wir nicht“?

Den Moment hat’s nie gegeben. Als die Krise kam, haben wir das Projekt Degernpoint zwei, drei Mal verschoben – und die Zeit genutzt, um die Planung für das Werk voranzutreiben. Als wir 2012 alles wieder aus der Schublade herausholen konnten, war das Projekt perfekt vorbereitet, und wir haben es in nur 16 Monaten realisiert. Ich habe nie daran gezweifelt, für mich war das zweite Werk einfach ein Muss.

„Wichtig war mir in der Krise, dass wir alle Mitarbeiter im Werk halten konnten“

-Während der Kurzarbeit haben Sie im Stammwerk eine Weiterbildungsoffensive gestartet. Eine schlaue Vorgehensweise, wie sich später zeigte...

Wichtig war mir in dieser Zeit, dass wir ein Konzept hatten, mit dem wir alle Mitarbeiter weiter im Werk halten konnten.

-Sind Sie ein Optimist?

Mehr Realist. Dinge, die ich mir vornehme, verfolge ich konsequent.

-2007 wurden Sie Mitglied der Geschäftsführung am Standort Moosburg. Ende 2011 hat das Unternehmen dann mit dem Bau begonnen. Wie haben Sie die Kooperation mit der Stadt Moosburg erlebt? Wurden Ihnen sämtliche Wünsche erfüllt?

Gute Zusammenarbeit: Bürgermeisterin Anita Meinelt – hier beim Richtfest in Degernpoint – hatte für die Anliegen von Jungheinrich stets ein offenes Ohr.

Die Zusammenarbeit mit Bürgermeisterin Anita Meinelt, aber auch mit den Landräten Michael Schwaiger und Josef Hauner, war und ist hervorragend. Als größter Arbeitgeber Moosburgs wurden wir in Angelegenheiten, die für die Entwicklung unseres Standorts wichtig waren, immer unterstützt.

-Anfang 2014 wurde nach der Fertigstellung von Degernpoint mit der Neustrukturierung des Stammwerks begonnen – mit dem Ziel, Ende 2016 das Projekt fertigzustellen. Da wären wir nun. Wie sieht’s aus?

Während des Weihnachtsurlaubs werden die Umbauarbeiten wie geplant abgeschlossen. Dann muss man natürlich weiter dran arbeiten. Optimierungsbedarf wird es immer geben.

-Die Fluktuationsquote bei Jungheinrich in Moosburg liegt bei extrem niedrigen 0,5 Prozent. Was macht Ihre Mitarbeiter so zufrieden?

Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber wir sind eben ein attraktiver und guter Arbeitgeber. Wenn man sich unsere Firma ansieht, ist’s hier die letzten Jahre steil bergauf gegangen. Mit den Arbeitsplätzen, die wir unseren Mitarbeitern bieten, müssen wir uns in der Region nicht verstecken. Wir investieren viel in Ausbildung, aus der wir die jungen Leute später dann übernehmen. Es gibt viele kleine Bausteine, die dazu beitragen, dass die Mitarbeiter sich nachher mit uns identifizieren – und sogar ein bisschen stolz auf Jungheinrich sind.

-Von den 60.000 Quadratmetern, über die das Unternehmen in Degernpoint verfügt, wurden 21.000 bebaut. Wie geht es hier weiter?

Es ist wichtig, für die Entwicklung eines Werks Erweiterungsmöglichkeiten zu haben. Wann diese genutzt werden, wird mein Nachfolger zum richtigen Zeitpunkt entscheiden.

Industrie 4.0 ist jetzt gerade so ein Schlagwort, aber Jungheinrich beschäftigt das schon viel länger

-Die Produkte des Jungheinrich-Konzerns treiben die Automatisierung bei den Kunden voran. Stichwort Industrie 4.0: Wie sieht Ihrer Meinung nach die mittel- und langfristige Zukunft der Arbeitswelt aus?

Da wird es Entwicklungen geben, die die Arbeitswelt verändern und für die Zukunft viele Möglichkeiten bieten. Damit die Industrie unterstützt wird, noch einfacher mit höherer Qualität zu produzieren. 4.0 ist zwar jetzt gerade so ein Schlagwort, aber Jungheinrich beschäftigt sich mit diesem Thema eigentlich schon viel länger.

-Sie sind bei zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen in Moosburg anzutreffen und haben sich immer wieder für örtliche Vereine, Verbände und karitative Zwecke eingesetzt. Was schätzen Sie denn persönlich besonders an Ihrer Heimatstadt Moosburg?

Ich fühle mich in Moosburg wohl. Ich bin kein Großstadtmensch, sondern in der Nähe von Iserlohn in einem kleinen Ort aufgewachsen. Ich brauche in meiner Umgebung den Kontakt zu meinen Mitmenschen. Hier habe ich meinen Freundeskreis, meine Frau ist eine gebürtige Moosburgerin. Außerdem liegt der Ort für viele Freizeitaktivitäten sehr günstig.

Eigentlich wollte Tüshaus nur ein Jahr bleiben

-So viele Jahre im gleichen Unternehmen zu bleiben, das ist für einen Manager heute unüblich. Haben Sie es mal bereut, nicht doch die Firma gewechselt zu haben?

Stolz auf die Produktion: Immer wieder führte Tüshaus internationale Fachjournalisten durch das neue Werk – und präsentierte ihnen die modernen Anlagen.

Ich bin 1978 mit dem Vorsatz hierher gekommen, ein Jahr in Bayern zu bleiben. Aus dem einen Jahr sind dann aber 38 geworden, weil zum einen die Aufgaben bei Steinbock und dann auch bei Jungheinrich für mich immer sehr interessant und verantwortungsvoll waren. Zum anderen lernte ich damals bei Steinbock meine Frau kennen. Zurückblickend bin ich zufrieden und auch ein bisschen stolz auf das, was ich hier mit einer tollen Mannschaft, die mir immer sehr am Herzen lag, am Standort Moosburg gestalten durfte.

Steiler Aufstieg: Die Karriere des Bernd Tüshaus

Bernd Tüshaus wurde 1953 in Iserlohn (Nordrhein-Westfalen) geboren. Er studierte Maschinenbau an der Fachhochschule Hagen, bevor er am 1. August 1978 in die Firma Steinbock eintrat. Seine erste Aufgabe: Konstrukteur für die Abteilung Wehrtechnik. Dort stieg Tüshaus 1983 zum Projektleiter auf und war verantwortlich für die Konstruktion und Entwicklung von Sonderfahrzeugen sowie Transport- und Hebemitteln für die Luftwaffe zum Beladen von Flugzeugen. 

Ab 1993 leitete er als Prokurist den Bereich Konstruktion und Entwicklung bei Steinbock, 1996 wurde er mit der Leitung der Linie „Lager und System“ betraut – zu der Zeit, als der Betrieb von Jungheinrich übernommen wurde. 2007 wurde der damals 54-Jährige in die Geschäftsführung am Standort Moosburg berufen, wo er ab 2010 als alleiniger Geschäftsführer das Ruder übernahm. Zusätzlich fungierte er ab 2014 als Technischer Geschäftsführer der Jungheinrich Logistiksysteme GmbH. Am 1. Januar 2017 beginnt für Bernd Tüshaus offiziell der Ruhestand.

Der Nachfolger steht schon fest

Tüshaus’ Nachfolger steht bereits fest: Der Diplom-Wirtschaftsingenieur Hanno Froese ist ab 1. April neuer Geschäftsführer der Jungheinrich Moosburg AG & Co. KG. Froese leitet derzeit ein Werk bei dem Unternehmen Hilti.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Aus „erlaufenen“ 8684 werden bald 35000 Euro
Toll gelaufen sind rund 430 Kinder und Jugendliche – nämlich die Klassen eins bis acht der Grund- und Mittelschule an der Danziger Straße – für einen guten Zweck. Und …
Aus „erlaufenen“ 8684 werden bald 35000 Euro
Freising: Hamburgs Bürgermeister Scholz hält ein Plädoyer für die EU
Viel zu Europa, nichts zu Hamburg: Der Bürgermeister der Hansestadt, Olaf Scholz, war gestern in der Orangerie in Freising zu Gast. Er legte das Augenmerk in seiner Rede …
Freising: Hamburgs Bürgermeister Scholz hält ein Plädoyer für die EU
Der Steg im Süden wackelt noch
Im ersten Anlauf war das Projekt Isarsteg Süd vor vier Jahren gescheitert. Jetzt folgt der zweite Anlauf. Aber erneut gibt es hohe Hürden – und es regt sich Widerstand.
Der Steg im Süden wackelt noch
E-Auto inklusive: Revolutionäre Wohnanlage in Moosburg geplant
Mit Kita, viel Grün und Car-Sharing: In Moosburgs Norden soll ein unkonventionelles Wohnareal entstehen. Das Energie-Konzept der Siedlung zielt auf Autarkie ab - und kam …
E-Auto inklusive: Revolutionäre Wohnanlage in Moosburg geplant

Kommentare