Karolina Altschäffl aus Moosburg
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Erfolgserlebnisse und Frustmomente: Karolina Altschäffl, bis vor Kurzem Leiterin der Moosburger Nachbarschaftshilfe, hat in ihrem Ehrenamt viel erlebt.

Interview mit Karolina Altschäffl

Zwischen Freude und Frust: Moosburgs langjährige Leiterin der Nachbarschaftshilfe blickt zurück

  • Armin Forster
    vonArmin Forster
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In 15 Jahren Nachbarschaftshilfe Moosburg, davon sieben Jahre als Leiterin, hat Karolina Altschäffl viel auf die Beine gestellt - und auch viel mitgemacht.

Moosburg – Altersarmut, eine schwere Krankheit oder andere Schicksalsschläge: Die Gründe, weshalb Menschen durch das soziale Auffangnetz der Institutionen fallen und deshalb auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen sind, können vielfältig sein. In Moosburg übernimmt seit vielen Jahren die Nachbarschaftshilfe die Rolle des unbürokratischen Unterstützers. Bis die Organisation vor Kurzem völlig neu strukturiert wurde, wurde sie mit viel Engagement von Karolina Altschäffl geleitet. Im Interview blickt die 61-Jährige zurück auf bewegende Momente, gemischte Gefühle – und sie erklärt den Grund für ihren Abschied aus der Nachbarschaftshilfe.

Freisinger Tagblatt: Frau Altschäffl, Ihnen wurde im Kastulusmünster mit Blumen und Präsenten für die langjährige Leitung der Nachbarschaftshilfe gedankt. Was bedeutet Ihnen diese Würdigung?

Karolina Altschäffl: Ach, ich wollte eigentlich kein großes Aufsehen. Aber Frau Fleischmann (Annemarie, Pastoralreferentin; Anm. d. Red.) hatte darauf bestanden. Dann wurde das Ganze auch noch bei Facebook veröffentlicht.

Dank im Kastulusmünster: Anfang März wurde Karolina Altschäffl (M.) von Moosburgs Stadtpfarrer Reinhold Föckersperger und Pastoralreferentin Annemarie Fleischmann für die langjährige Leitung der Nachbarschaftshilfe gewürdigt.

Ihre Bescheidenheit in allen Ehren: Nach 15 Jahren in diesem Dienst, davon sieben Jahre als Verantwortliche, da ist etwas Aufmerksamkeit doch legitim. Wie kamen Sie 2006 überhaupt zur Nachbarschaftshilfe Moosburg?

Damals war ich im Pfarrgemeinderat aktiv und wurde von Marta Thums angesprochen...

...Ihrer Vorgängerin.

Genau. Sie fragte mich: „Möchtest Du nicht mitmachen?“ Ich war dann zunächst eher im Hintergrund tätig, wurde aber bereits auf ihre Nachfolge vorbereitet. Marta Thums wollte das Amt eigentlich bis 80 weiterführen – nach ihrem überraschenden Tod lief dann doch alles schneller ab.

Fühlten Sie sich überhaupt schon bereit?

Ja. Aber was letztlich auf einen zukommt, weiß man immer erst, wenn man so ein Amt innehat. Gerade bei der Nachbarschaftshilfe gibt es viele spontane Sachen. Man muss einfach auf die Anliegen der Leute reagieren. Am Anfang war das nicht einfach.

Sie haben viel erlebt. An welchen Fall denken Sie besonders gerne zurück?

Ein älteres Ehepaar hatte jemanden gesucht, der zwei bis drei Mal pro Woche für sie kocht. Ich wusste aber zunächst niemand, der das macht: Für andere kochen ist eine eher unbeliebte Aufgabe. Irgendwann hab’ ich aber eine Bekannte bei der Moosburger Tafel gefragt, eine gelernte Köchin. Sie sagte prompt: Ich mach’ das! Wir sind also gemeinsam hingegangen, ich habe alle einander vorgestellt – und das lief so super, dass sie ab da regelmäßig für sie gekocht und auch mit ihnen gegessen hat. Ein echtes Erfolgserlebnis.

Welcher Fall hat Sie besonders mitgenommen?

Da gab es mehrere. Ich hatte zum Beispiel eine MS-Patientin betreut, die hat im dritten Stock gewohnt und konnte eigentlich nicht mehr richtig gehen. Ich hab’ immer versucht, mithilfe des AOK-Sozialdiensts den Papierkram für eine Pflege in die Wege zu leiten. Als die Frau dann von einer Reha heimgekommen ist, stand der Caritas-Pflegedienst schon parat – ist aber nicht mehr zum Zug gekommen: Die Pflegestufe der Frau war wieder aberkannt worden. Bei solchen Sachen sagt man sich schon: Das kann doch nicht sein! Mit der Unterstützung von offizieller Seite ist es manchmal sehr kompliziert.

Was empfanden Sie als die größte Herausforderung?

Letztendlich den Mangel an Helferinnen.

Moment, „Helferinnen“? Waren das bloß Frauen?

Ich hab’ auch schon mal vereinzelt Männer im Team gehabt. Einen Herrn zum Beispiel, auf den ich für Fahrdienste zurückgreifen konnte. Das hatte sich zwischenzeitlich etwas verselbstständigt: Der war so heiß begehrt und durch Mundpropaganda bekannt, dass ihn die Damen selbst angerufen haben (lacht). Aber sonst waren vor allem Frauen aktiv. Anfangs bestand das Team aus 15 Personen. Ich möchte an dieser Stelle einmal allen meinen Helfern danken, die mich so lange unterstützt haben. Natürlich sind die nach und nach in ein Alter gekommen, wo die Hilfe nicht mehr ging. Das war dann schwierig, weil der Bedarf größer war als das, was die Nachbarschaftshilfe leisten konnte.

Hat Sie das belastet?

Es ist schon frustrierend, wenn man gerne möchte, aber nicht kann.

Was haben Sie dann unternommen?

Ich habe Johannes Becher kontaktiert. Ich dachte mir: Er ist in der Politik und hat Tante Emma mitinitiiert. Vielleicht lässt sich ja die Nachbarschaftshilfe da miteinbinden.

Wie hat er reagiert?

Er war recht zugänglich und engagiert – aber die richtig zündende Idee war zunächst einmal nicht da.

Das hat sich während der Pandemie geändert: Aus einer Aktion zur Unterstützung von älteren Mitmenschen und anderen Risikogruppen ist unter Johannes Bechers und Annemarie Fleischmanns Regie eine Neuaufstellung der Nachbarschaftshilfe gelungen.

Ja, dank Corona ist das richtig ins Rollen gekommen. Jetzt sind viel mehr Menschen im Boot, auch Jüngere engagieren sich. Die Koordination läuft übers Internet, alles ist auf viele Schultern verteilt.

Breiter aufgestellt: Das leistet Moosburgs neue Nachbarschaftshilfe

Etwa 80 Mitglieder hat das neue Moosburger Netzwerk „Nachbarn helfen Nachbarn“. Hier erklären wir, welche Hilfe dort geleistet wird - und wie man selbst mithelfen kann.

Sind Sie auch Teil dieses neuen Helfer-Pools?

Nein, ich bin komplett raus. Dadurch, dass wir jetzt Enkelkinder haben, will ich mich aus dem Ganzen mehr zurückziehen. Auch im Pfarrgemeinderat hab ich mich nach zwölf Jahren nicht mehr aufstellen lassen. Einfach, damit ich jetzt ein bisschen freier bin. Aber klar: Sollte meine Hilfe gebraucht werden, bin ich da. Bei der Moosburger Tafel mache ich auch weiter mit. Und schließlich arbeite ich nebenher noch ein bisschen auf einem Bio-Hof.

Was tun Sie dort?

Alles Mögliche rund um Kartoffeln: roden, sortieren, für eine Großküche schälen – ein bisschen in der Natur zu sein und körperlich zu arbeiten, das macht mir einfach Spaß.

Sie haben ehrenamtlich viel bei den Frauen der Moosburger Pfarrei organisiert, haben Caritas-Sammlungen geplant und noch einiges mehr. Woher kommt Ihr Helfersyndrom?

Sicher von meinen Eltern, die sind auch immer für andere da gewesen. Die waren als Mesner Ansprechpartner für alles. Ich bin in Seebach bei Deggendorf aufgewachsen, und in einem Dorf war das eben so.

Letzte Frage: Wie würden Sie andere für ein Ehrenamt überzeugen?

Es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn man wirklich etwas erreicht hat und helfen konnte oder Hilfe in die Wege geleitet hat. Das gibt einem viel Positives zurück.

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