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Zusammenhalt bis zum Schluss: Leiter Bernhard Campe und zwei seiner Mitarbeiterinnen, Eva Palmisano (M.) und Silvia Kreuzer, haben viel Herzblut in das „NoWasWert“ gesteckt. Doch am 31. Januar endet der Mietvertrag für Moosburgs soziales Kaufhaus.

Neue Pläne in Moosburg

Nach sicherem Aus für "NoWasWert": Kommt ein neues soziales Kaufhaus nach Moosburg?

Moosburg - Dass Moosburgs soziales Gebrauchtwarenkaufhaus „NoWasWert“ schließen muss, ist ein herber Schlag für die Beteiligten. Zumindest für die Kunden gibt es aber neue Hoffnung.

„Wir sind sehr traurig“, sagt Bernhard Campe mit brüchiger Stimme. Während er in seinem kleinen Büro den Blick über Zeitungsartikel aus besseren Zeiten schweifen lässt, ringt er um Fassung. In wenigen Tagen muss er seinen Arbeitsplatz räumen, das Geschäft schließen. Eigentlich, so erzählt der 54-Jährige, waren er und sein Team von „NoWasWert“ mit dem Laden gerade auf der Erfolgsspur. 

Fristete das soziale Gebrauchtwarenkaufhaus nach der Eröffnung 2011 noch ein relativ unbemerktes Dasein in den versteckten Räumen am „Gries“, kauften zuletzt immer mehr Kunden ein. „Der Laden läuft gut, und unsere Sachkosten und die Miete sind gedeckt“, sagt Campe. Nur bei den Personalkosten sei man halt auf Zuschüsse angewiesen.

Die Personalkosten für die drei Festangestellten – darunter fällt auch die sozialpädagogische Betreuung (Details siehe unten) – sind das große Problem von „NoWasWert“. Gleichzeitig werden die Zuschüsse für zugewiesene Langzeitarbeitslose, sogenannte Ein-Euro-Jobber, von der Arbeitsagentur immer weiter reduziert. Wegen diesen Aufwendungen – und jenen des Freisinger „Rentabel“-Kaufhauses – bleibt die Betreibergemeinschaft aus Caritas und BRK pro Jahr auf einem sechsstelligen Defizit sitzen. „Die Regierung hat seit einer Reform im Jahr 2012 die Zuschüsse sukzessive zurückgefahren“, sagt Campe, ein diplomierter Sozialpädagoge. „Seither werden vom Bund immer weniger Mittel zur Unterstützung von Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Erkrankung oder Behinderung zur Verfügung gestellt.“ Warum? „Keine Ahnung“, sagt Campe. Mit ironischen Grinsen schiebt er nach: „Geld sparen.“

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Interview mit einer Betroffenen

Doch das sei zu kurz gedacht. „Ich glaube nicht, dass es die Menschen, denen wir Halt geben, auf einmal nicht mehr gibt.“ Diesen gewissen Prozentsatz werde es auch weiter geben, trotz sinkender Arbeitslosenquoten. „Das reicht von Leuten, die nicht einmal einen Besen richtig herum halten können, bis hin zu hochgebildeten und hochqualifizierten Menschen, die wegen Sucht oder Erkrankung aus dem normalen Arbeitsleben herausgefallen sind.“

Campe beschreibt typische Fälle, wie er sie immer wieder erlebt hat: „Uns wurden Leute geschickt, die sich beim Ankommen erst einmal gefragt haben: Uh, was ist das denn für ein Laden?“ Doch die meisten seien dann doch gern geblieben. „Weil sie gemerkt haben, dass sie hier auf Menschen treffen, die in der gleichen Situation wie sie selbst stecken“, sagt Campe. „Und sie haben festgestellt: Das tut ihnen ganz gut. Sie hatten plötzlich wieder das Gefühl, gebraucht zu werden. Manchmal konnten wir die Teilnehmer wieder für den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten.“ Andere, die nach dem Ende ihrer Maßnahme wieder gehen mussten, hätten vor den alten Problemen gestanden: Alkoholmissbrauch, Depression und sich unnütz fühlen.

Nach dem 31. Januar ist „NoWasWert“ nun für alle Geschichte: Dann endet der Mietvertrag, derzeit läuft der Räumungsverkauf. 50 Prozent gibt es auf die Ware, noch bis zum 22. Januar. Guterhaltene Kleidung, Spielzeug, Möbel, Bücher, Schuhe, Geschirr – das Sortiment auf den zwei Etagen ist breit. Alles, was danach noch übrig bleibt, wird ins Freisinger „Rentabel“-Kaufhaus geschafft. Auch das ist von der Schließung bedroht, verfügt aber noch über einen Mietvertrag bis Oktober.

Albert Söhl, Kreischef des BRK, setzt nun alle Hoffnungen in das Freisinger Kaufhaus. „Wichtig ist, dass wir ,Rentabel‘ retten und das landkreisweite Beschäftigungsprojekt dort fortführen. Das soll Moosburg nicht abwerten, aber die Kosten dort sind einfach zu hoch. Das Defizit von 150 000 Euro ist für Caritas und BRK nicht mehr zu stemmen.“ Sobald die Bemühungen für Freising abgeschlossen seien, wolle er sich um einen Ersatz für „NoWasWert“ kümmern, sagt Söhl. Das Modell sei dann jedoch ein anderes: „Wir können ein soziales Kaufhaus nur als reines Ehrenamtsprojekt weiterführen.“ 

Objekte bereits im Hinterkopf

Außerdem wolle er sich um ein geeigneteres Objekt kümmern: „So ein Laden im Hinterhof und im Keller ist nicht das Gelbe vom Ei.“ Ein Schaufenster zur Straße brauche es unbedingt. „Die Akzeptanz ist zwar nicht schlecht, aber es könnte noch viel besser laufen“, meint er. Sobald man mit einer Planung in Moosburg beginnen könne und über eine neue Immobilie verfüge, würde es „sicher noch ein halbes Jahr Zeit kosten, bis wir an den Start gehen können“, sagt Söhl. Immerhin: Ein paar Objekte habe er bereits im Hinterkopf.

Die Belegschaft von „NoWasWert“ soll laut Campe nun in anderen Caritas-Einrichtungen unterkommen – wie auch er selbst. Doch für die täglich rund 35 Kunden wird eine große Lücke in Moosburg zurückbleiben. „Ein spürbarer Verlust“, meint Bernhard Campe. Die Kunden sehen das genauso. Sie haben spontan über 500 Unterschriften gegen die Schließung gesammelt.

Hintergrund: Was ist so besonders an "NoWasWert"?

Ein Laden, in dem Menschen und Möbel „NoWasWert“ sind – so lässt sich man das soziale Kaufhaus Auf dem Gries 9 in Moosburg betiteln. Hinter dem Gemeinschaftsprojekt von Caritas und BRK stecken mehrere Absichten: Zum einen werden dort gebrauchte Kleidung, Möbel und andere Haushaltsgegenstände als Spenden angenommen, um sie kostengünstig für Menschen mit kleinem Geldbeutel weiterzuverkaufen. Zum anderen dient das Kaufhaus als Beschäftigungsmaßnahme für Personen, die im normalen Arbeitsmarkt aus diversen Gründen nicht Fuß fassen können: weil sie beispielsweise an einer psychischen Erkrankung, Behinderung oder einer Suchterkrankung leiden. Oder weil sie aufgrund von Langzeitarbeitslosigkeit in schwierigen Verhältnissen leben und deshalb den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt allein nicht schaffen. 

„Hier begegnen wir dem Menschen als Menschen: Es geht nicht um Profit, sondern um Würde, Wertschätzung und Akzeptanz“, erklärte einst Monika Hanrieder, die die Einrichtung 2011 eröffnete. Die Teilnehmer – so heißen die Beschäftigten in diesem Modell – werden bei „NoWasWert“ auch sozialpädagogisch betreut. So konnten Menschen mit dieser Hilfe immer wieder für eine reguläre Arbeitsstätte fit gemacht werden.

Armin Forster

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