Der Name des Autors ist ein Pseudonym, Orlando C. Lewis wird so von einer früheren Romanfigur zur Person.
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Der Name des Autors ist ein Pseudonym, Orlando C. Lewis wird so von einer früheren Romanfigur zur Person.

Buchkritik

„Five O‘Clock Turkey in Nandlstadt“: Ungewöhnlich starke Sprache fernab des literarischen Mainstreams

Mit dem Familienroman „Five O‘Clock Turkey in Nandlstadt“ präsentiert Autor Orlando C. Lewis ein geheimnisvolles Debüt mit Hallertau-Bezug. Eine Buchkritik.

Nandlstadt – Es ist eine Familiengeschichte und sie spielt in Nandlstadt – eigentlich. Denn in Wahrheit ist vieles anders und noch mehr verborgen: Der Autor Orlando C. Lewis legt mit seinem Roman „Five O´Clock Turkey in Nandlstadt“ ein erstaunliches und gleichermaßen geheimnisvolles Debüt vor.

Bereits die Kontaktaufnahme mit dem Autor für ein Interview gestaltete sich schwierig, denn wie sich herausstellen sollte, ist Orlando C. Lewis ein Pseudonym – oder besser gesagt der Name einer seiner Figuren aus einem früheren, unveröffentlichten Roman. Mit diesem Roman, so der Autor, ist Orlando jetzt lebendig geworden. Trotzdem können einige Eckdaten von Lewis „gelüftet“ werden: gebürtiger Bayer mit dem Hang zur hohen Prosa im Lebensalter um die 60 Jahre, der früher sehr viel beruflich unterwegs gewesen ist, unter anderem eben auch in der Hallertau. In Nandlstadt selbst habe er nie gewohnt, aber er kenne die Gemeinde und Umgebung gut genug, um darüber zu schreiben. Obwohl die Handlung des Romans in Nandlstadt angelegt ist, haben sich die darauf beruhenden wahren Begebenheiten wohl in der Nähe der Gemeinde zugetragen.

Die Illusion der Geschichte wird zur Wahrhaftigkeit

Die Story selbst: eine Familienepisode zu Thanksgiving, im groben Verlauf um die Nandlstädter Nanny Brooke aus Brooklyn – mit Erinnerungssequenzen und philosophischen Betrachtungsweisen, die sich um einen Truthahn drehen und letztendlich auch um das Menschsein im Allgemeinen. Zwar ist die Geschichte stringent erzählt, dennoch mutet sie traumwandlerisch an – vor allem durch eine ungewöhnlich starke Sprache des Erzählenden. Gerade diese Tonlage erinnert prägnant an die großen Romane der amerikanischen Subkultur wie „Forellenfischen in Amerika“ von Richard Brautigan – wenngleich Lewis sich wohl eher bei Arno Schmidt verortet. Auch hier hinkt der Vergleich keineswegs: Die Illusion der Geschichte wird zur Wahrhaftigkeit aufgrund der hohen Sprache. „Five O´Clock Turkey in Nandlstadt“ ist kein ganz einfacher, aber gerade deshalb ein ganz wundervoller Roman, fernab des literarischen Mainstreams.

Infos zum Buch

Orlando C. Lewis, „Five O´Clock Turkey in Nandlstadt“, J. S. Klotz Verlagshaus, 15 Euro, ISBN-13: 978-3948424176.

Lewis schreibt ohne Exposé, schreibt aus dem Bauch und dem Herzen heraus, sucht Wörter und findet Sätze, die in einer warmen Melodik überzeugen. „Kunst ist wichtig“, bestätigte der Autor, sein Drang zu schreiben groß. Es ist kein bayerischer Roman trotz der lokalen Bezüge wie dem Baumgartner Berg oder Eckpunkte in Nandlstadt – vielmehr ist der Roman ein literarisches Wagnis und Erlebnis gleichermaßen. Eine Geschichte für „über den Tellerrand schauen“, so Lewis. Demnächst sollen weitere Romane von ihm erscheinen, die dann allerdings nicht mehr in der Hallertau spielen, aber dennoch via Themen-Zyklus als Gesamtwerk betrachtet werden können. Nandlstadt selbst hat Lewis vor 20 Jahren zum letzten Mal besucht.

Richard Lorenz

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