Unterwegs in der Hallertau: zwei Frauen beim Spaziergang, im Hintergrund die Nandlstädter „Skyline“ mit dem Schlot der Hopfenhalle und dem Kirchturm, undatiert.
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Unterwegs in der Hallertau: zwei Frauen beim Spaziergang, im Hintergrund die Nandlstädter „Skyline“ mit dem Schlot der Hopfenhalle und dem Kirchturm, undatiert. Archivbild

Zwischen Bonbon-Manufaktur und Mordfall

Gemeindearchiv geplant: Nandlstädter Ortsgeschichte für künftige Generationen bewahren

Chronist Thomas Zeilhofer weiß nahezu alles, was jemals in Nandlstadt passiert ist. Damit diese Geschehnisse auch künftig bewahrt werden, setzt sich Vizebürgermeister Rainer Klier für ein Gemeindearchiv ein.

Nandlstadt – Viele ländliche Kommunen ähneln sich heutzutage immer mehr: dezentrale Supermärkte, die Verödung des Marktkerns und das große Wirtshauskultursterben. Aber es gab sie natürlich, die Zeit vor dem „Unser Dorf muss schöner werden“-Trend, mit florierendem Einzelhandel und kleinen Hinterhof-Unternehmen, die jeder Gemeinde einen individuellen Stempel aufgedrückt haben.

Der Nandlstädter Chronist Thomas Zeilhofer hat in seinem Journal „Es war einmal in Nandlstadt“ die Veränderungen des Markts ausgiebig beleuchtet. Unabhängig davon will der 2. Bürgermeister Rainer Klier tätig werden und ein Gemeindearchiv aufbauen, um der kommunalen Vergangenheit ein Gesicht zu geben.

Sogar ein Kino stand in Nandlstadt

Zeilhofer ist ein Nandlstädter Urgestein und weiß nahezu über alles, was dort jemals passiert ist, eine Geschichte zu erzählen. Ihm ist es eine Herzensangelegenheit, dass nichts verloren geht und auch die Jungen ein Gefühl dafür bekommen, was sich in der Marktgemeinde schon so alles zugetragen hat. Dabei flimmern seine Geschichten aus der „guten alten Zeit“ in den schönsten Nuancen und drängen aufgeschrieben zu werden.

Alleine Zeilhofers Liste jener Läden, die es jemals in Nandlstadt gegeben hat, umfasst mehrere Seiten: Vom Textil-Kaufhaus über den Gemüseladen bis zum Haushaltswaren-Geschäft war alles vertreten. Auch ein kleines Kino stand sogar einmal in Nandlstadt – und zwar an der Penkerstraße. Aber das ist natürlich noch lange nicht alles: Da gab es noch die Hutmacherin, eine Schnaps- und Likörfabrik, eine Bonbon-Manufaktur und eine Quelle-Filiale. Was sich ebenso für eine lebendige Hopfengemeinde gehörte: ein Bahnhof für das Hallertauer Bockerl, ein Polizeirevier und eine Menge Hopfen- und Viehhändler.

Lokomotiven wurden zum Reparieren durch den Markt gezogen

Aber auch an die Pferderennbahn auf dem Ziegelei-Gelände kann sich Zeilhofer noch lebhaft erinnern. Dass sich dabei einmal ein Pferd schwer verletzt hat, ist dem 82-Jährigen unvergessen geblieben, genauso wie die Nachkriegsjahre, als die Alliierten beim Wirt sämtliche Waffen und Fotoapparate einkassiert haben. Auch das ist für Zeilhofer noch präsent: kleine Lokomotiven, die zum Reparieren durch den Markt gezogen wurden.

Einiges kann aufgrund fehlender Informationen nur lose rekonstruiert werden – beispielsweise die Arbeiten der ortsansässigen Fotografen Van der Hoppe und Franz Greiner. Auch unbekannt ist, was aus dem Kunstmaler Arno Lemke, der Erinnerung wohnhaft an der Maistraße, geworden sein mag, und ob es sich dabei um den einigermaßen bekannten Künstler handelt. Ganz sicher hingegen ist, was es inzwischen laut Zeilhofer in Nandlstadt nicht mehr gibt: diverse Faschingsbälle, den Maibaum und zahlreiche Wirtshäuser sowie die Minigolf-Anlage am Waldbad.

Ein Mordfall weckte überregionales Interesse

Natürlich hat es in Nandlstadt auch nach dem Krieg dunkle Zeiten gegeben, von denen kaum noch jemand weiß. 1976, während des Hopfenfests kam es im Markt zu einem schrecklichen Ereignis, das noch lange nachhallen sollte. In einem Waldstück strangulierte ein junger Nandlstädter eine Frau aus dem Ort mit ihrer eigenen Strumpfhose. Der Fall erweckte großes überregionales Interesse, sogar in der damaligen Ausgabe der „Bild“-Zeitung, wie sich Zeilhofer erinnert. Für einige Zeit standen vor allem die Schausteller des Jahrmarkts unter Tatverdacht, denn keiner hatte glauben wollen, dass ein Nandlstädter letztendlich wegen Mordes abgeführt werden sollte. „Der hat ja auch den Mörder mitgesucht“, weiß Zeilhofer noch über den Täter zu berichten. Auch schon zuvor, so der Chronist, gab es nach einem Wirtshausstreit ein Todesopfer – scheinbar war es nach einer Auseinandersetzung zu einer tödlichen Handgreiflichkeit mit einer abgebrochenen Flasche gekommen.

Archivarbeit „mit Hirn“ anpacken

Schon länger ist auch Vizebürgermeister Rainer Klier von der Geschichte des Markts fasziniert – und auch er möchte die Vergangenheit lebendig er- und vor allem festhalten für die kommenden Generationen. Deshalb hat Klier auch in der jüngsten Gemeinderatsitzung den Antrag auf Archivpflege gestellt. Bereits die Recherchearbeit zur 1200-Jahr-Feier des Markts habe viel Verschollenes zutage gebracht, erklärte Rainer Klier. Zahlreiche Dokumente zu Vorgängen, Vereinen, Traditionen, Bauten oder Personen würden allerdings sicherlich noch bei den Bürgern „schlummern“. Gemäß dem Bayerischen Archivgesetz bestehe auch die Pflicht zum Archivieren, sagte Klier. Allerdings sollte man das seiner Meinung nach „mit Hirn machen“ und nichts überstürzen. Und auch die Auswahl, was ins Archiv wandert, müsse gut durchdacht sein: „Da geht nicht alles rein, was wir meinen. Es muss schon historisch relevant sein“. Zuständig soll dafür dann ein ehrenamtlicher Archivar sein, der vom Kreis-Archivar ausgebildet wird. Zum Start des Projekts stimmte der Rat einer Fördersumme von 2000 Euro zu.

Richard Lorenz

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Der Verein Erlebnis Naturgarten bei Nandlstadt möchte eine besondere Ferienbetreuung für Kinder anbieten. Dafür benötigt er Hilfe von der Gemeinde - die gerne gegeben wird.

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