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Leidenschaftlicher Musiker: Rainer Klier hofft, dass er bald wieder öffentlich musizieren darf. 

Rainer Klier: „Wir sind auf Entzug“

„Von der Regierung muss mehr kommen“: Musiker fordert klare Ansage für Kulturschaffende

  • Andrea Hermann
    vonAndrea Hermann
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Rainer Klier ist überzeugt: „Eine Gesellschaft ohne Kultur ist nicht überlebensfähig.“ Der Chef der Holledauer Hopfareisser fordert von der Politik eine klare Ansage für die Kulturszene.

Nandlstadt – „Eine Gesellschaft ohne Kultur ist nicht überlebensfähig“, sagt Rainer Klier. Der 32-jährige Nandlstädter ist nicht nur leidenschaftlicher Musiker und Chef der Holledauer Hopfareisser, sondern auch Kulturreferent des Marktes Nandlstadt. Er fordert von der Politik eine klare Ansage, wie es mit den Kulturschaffenden weitergeht. Im FT-Interview spricht er über die Situation der Musiker in der Corona-Zeit und die geplanten Lockerungen, die Ministerpräsident Markus Söder am Dienstag bekannt gegeben hat.

Herr Klier, wie ist es den Musikern in den vergangenen Wochen ergangen?

Uns ist es nicht gut gegangen – wir waren und sind auf Entzug. Wir machen ja alle Musik aus Leidenschaft, und deshalb hat uns das Spielen schon gefehlt. Wir, die Hopfareisser, haben uns streng an die Regeln gehalten. Und erst wenn es heißt, dass wir wieder spielen dürfen, legen wir wieder los.

„Wir sind guten Mutes, dass es bald wieder losgeht“

Wie lange ist der letzte Auftritt her?

Die letzten Auftritte waren am 5. März im Hofbrauhaus und am 7. März in Pfaffenhofen – danach haben wir weder geprobt noch gespielt. Das Einzige, was wir machen: Einmal in der Woche skypen wir und tauschen uns aus. In der Corona-Zeit ist ein Mitglied von uns 30 Jahre alt geworden – dem haben wir ein Video zusammengestellt, damit er ein Ständchen bekommt. Nun hoffen wir, dass wir bald wieder proben dürfen.

Wie könnten Proben künftig aussehen?

Die werden zunächst nur in kleinen Gruppen – vier bis fünf Leute – möglich sein, die im Abstand sitzen und durch Plexiglasscheiben getrennt sind. Obwohl es mittlerweile Studien gibt, die nachgewiesen haben, dass die Aerosole beim Blasmusispielen gar nicht so stark austreten. Deshalb sind wir guten Mutes, dass es bald wieder losgeht.

Und wo könnten die Proben stattfinden?

Wir müssen schauen, dass wir Räumlichkeiten finden, in denen wir den Abstand einhalten können. Da gibt’s schon Möglichkeiten – bei mir zum Beispiel gibt es zu Hause einen großen Raum, wo das funktionieren würde. Wir würden die Regeln einhalten. Ich bin der Meinung, dass das in diesen kleinen Musikgruppen sogar besser funktioniert, als wenn 22 Fußballspieler auf dem Fußballfeld sind.

„Man darf die kulturelle Vielfalt nicht komplett aufgeben“

Ärgert es Sie, dass die Fußballer schon eher loslegen durften?

Das ist schon eine Sache, die uns Musiker allgemein aufregt, dass man da so Unterschiede macht. Beim Sport können die Regeln eingehalten werden, und bei der Musik soll es nicht funktionieren – vieles ist nicht ganz verständlich. Bei den Musikern würde es meiner Meinung nach besser funktionieren. Man darf die kulturelle Vielfalt nicht komplett aufgeben. Schließlich steht in der Bayerischen Verfassung: „Bayern ist ein Kulturstaat“. Deshalb muss von der Regierung jetzt mehr kommen – auch wenn im Kulturbereich nicht die Lobby da ist wie im Sport. Und es sind alle gewillt, dass sie Regeln einhalten. Jetzt muss eine klare Ansage her, damit man wieder planen kann.

Glauben Sie, dass heuer noch was geht?

Persönlich glaube ich, dass Bierzelt-mäßig heuer nix mehr geht. Vielleicht gibt’s im Herbst kleinere Veranstaltungen, wo man zu viert oder fünft spielen kann – vor maximal 100 Leuten. Aber mehr sicher nicht.

Wie trifft Ihre Gruppe, die Hopfareisser, die Corona-Krise finanziell?

Bei uns ist der finanzielle Aspekt nicht ganz so schlimm, weil wir alle hauptberuflich irgendwo angestellt oder selbstständig sind. Aber den Berufsmusikern fällt natürlich was weg: Die haben Mitte März Berufsverbot bekommen und somit auch nichts mehr verdient. Da trifft es bestimmt viele hart. Aber man kann sich als Künstler nicht einfach hinstellen und sagen, es passiert nichts, sondern man muss auch kreativ werden. Zum Beispiel hat die Volksmusikakademie Feierabendkonzerte angeboten, wo sich Musikgruppen live auf Facebook und Youtube präsentiert haben, und die Leute, die das angeschaut haben, konnten für die Musiker spenden. Es gibt schon Möglichkeiten, dass man nicht komplett leer ausgeht. Aber es ist schwierig.

„Ein wichtiger Schritt nach vorne“

Fühlt sich Ihre Branche gerade von der Öffentlichkeit etwas vergessen? Man hört in den Medien sehr wenig von den Musikern und Künstlern. . . 

Für den Stellenwert, den die Kultur für die Marke Bayern und die Bayerische Verfassung hat, ist aus meiner Sicht zu wenig passiert. Da muss man jetzt an vielen Stellen nachjustieren. Die Frage ist, ob das immer in Form von Zuschüssen ist, oder auch andere Maßnahmen möglich sind. Aber man sollte zumindest schauen, dass man ein besseres Paket aufstellt und die ganze Branche stützt und das nicht alles einfach so hinnimmt. Das Ganze geht ja noch weiter: Es betrifft auch die Veranstalter, Festwirte und Schausteller. Die Schausteller sind ja momentan die Ärmsten. Es wurde in den letzten zwei Wochen zwar schon geschaut, dass in diesem Bereich mehr passiert, aber es muss in der Öffentlichkeit ein stärkeres Zeichen kommen. Schließlich ist die Kulturbranche für Bayern sehr wichtig.

Am Dienstag gab’s für Künstler und Musiker die ersten Lockerungen – Kunstminister Bernd Sibler sprach von einem „guten Tag für Kunst und Kultur“. Sehen Sie das auch so?

Ich finde es gut, dass es ab 15. Juni kulturell wieder losgehen kann und Veranstaltungen mit bis zu 50 Leuten im Innenbereich und maximal 100 Besuchern im Freien erlaubt sind. Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne. Doch meiner Meinung nach ist das Konzept noch nicht ganz ausgereift – zum Beispiel gibt es noch keine Vorgaben, wie es beispielsweise mit den Proben aussehen kann. Das ist alles noch sehr schwammig.

„Ich hätte mir mehr erwartet“

Hätten Sie sich von der Pressekonferenz am Dienstag von Ministerpräsident Markus Söder und seinem Team mehr erwartet?

Ganz ehrlich: Ich hätte mir schon mehr erwartet – zum Beispiel, wie’s mit den Musik- und Traditionsvereinen weitergeht.

Sie sind ja auch Kulturreferent des Marktes Nandlstadt: Wie steht’s da um die Kreativität?

Ich bin am überlegen, ob – wenn die Beschränkungen noch länger andauern – man nicht kleinere Live-Events digital macht, ob das jetzt ein Leseabend oder ein kleines Konzert ist. Da bin ich schon am Austarieren, ob das ginge. Denn meine Meinung ist: Eine Gesellschaft ohne Kultur ist nicht überlebensfähig.

Und was wird heuer noch live möglich sein?

Das ist schwierig. Ich bin der Meinung, dass wir in Nandlstadt nicht alles absagen, sondern nach Alternativen suchen sollten. Wir sollten alles prüfen, um in irgendeiner Form kulturelle Sachen ermöglichen zu können – natürlich unter Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften. Wir werden nicht einfach zuschauen und nichts tun, sondern Angebote schaffen – sofern nicht wieder ein Rückschlag kommt.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Das Jahr 2020 war/ist. . . 

. . . ein kulturell armes Jahr. Aber es ist auch ein Jahr, das neue Möglichkeiten eröffnet. Prinzipiell ist es ein kreatives Jahr, weil man sich viel Neues einfallen lässt.

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