+
Eurosport-Delegation zu Gast beim IOC: Peter Wunner (VP Marketing & Communications), Jochen Gundel (Project Manager Olympics), Susanne Aigner-Drews (Geschäftsführerin Discovery Networks Germany), Werner Starz (Director Product Development Eurosport), Fabian Hambüchen (Olympiasieger und Eurosport-Reporter), Thomas Bach (IOC-Präsident), Gernot Bauer (Head of Sports bei Eurosport) und Matthias Bielek (Eurosport-Kommentator Skispringen, v. l.).

Im Gespräch mit Eurosport-Olympia-Chef Jochen Gundel

Olympische Winterspiele in Pyeongchang: Ein Nandlstädter hat die Fernsehfäden in der Hand

  • schließen

Die Augen der sportbegeisterten Welt richten sich am 9. Februar für 17 Tage auf Pyeongchang. Dann werden die Olympischen Winterspiele in Südkorea eröffnet. Der Mann, der vor Ort dafür zuständig ist, dass die Deutschen Olympia im Fernsehen mitverfolgen können, ist Jochen Gundel aus Nandlstadt.

Nandlstadt/Pyeongchang - Das FT hat sich mit dem Delegationsleiter der 71-köpfigen Fernsehmannschaft von Eurosport Deutschland über seinen Job, 8700 Kilometer fern der Heimat, unterhalten. Der 39-Jährige vergleicht die zweijährige Vorbereitungszeit auf die Olympischen Spiele mit einer Schwangerschaft. Nun freut er sich auf den bevorstehenden Geburtstermin – und auf die enge Zusammenarbeit mit Sportlegenden wie Martin Schmitt und Fabian Hambüchen, die er in sein Expertenteam geholt hat. Ein Gespräch mit dem wichtigsten Mann im Olympia-TV-Hintergrund:

Pyeongchang hat ziemlich knapp das Rennen gemacht. Wäre Ihnen Olympia in München lieber gewesen?

Olympia in München wäre natürlich eine ganz besondere Sache gewesen. Die Spiele vor der Haustür, das erlebt man de facto nur einmal. Ich habe für das Veto der Bürger allerdings ebenso Verständnis. Olympia soll übersichtlich bleiben, das Wachstum, die Größe gesund bleiben. Daran arbeitet der IOC-Präsident mit seiner Agenda 2020. Ich bin mir sicher, dass Olympia bald wieder in Deutschland stattfinden kann. Die Koreaner allerdings haben sich 2018 zum dritten Mal beworben. Eine dritte Niederlage im Bewerbungsprozess wäre auch ein totaler Gesichtsverlust gewesen – das Schlimmste, was man einem Koreaner antun kann. Ich verbinde mit Korea meine ersten Olympia-Erinnerungen: Seoul 1988, als ich heimlich morgens um 5 Uhr aufgestanden bin, um Carl Lewis, Matt Biondi und Co. zu verfolgen. Also: Go Korea!


8700 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt: Empfinden Sie das als positiven oder negativen Nebeneffekt dieses Jobs?

Das ist geteilt. Es sind meine vierten Olympischen Spiele. Turin, Sotschi, Rio, jetzt Pyeongchang, Ich bin natürlich neugierig auf eine neue Kultur, ein neues Land. Und die Olympische Fernsehfamilie ist relativ klein – ich sehe meine Kollegen wieder, die ich zuletzt in Rio sah: aus Australien, Kanada, USA, Griechenland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und und und. Quasi ein Familientreffen alle zwei Jahre. Das sind die tollen Seiten des Jobs – zu Hause bleibt allerdings meine Familie zurück. Meine Frau und unsere zwei Kinder. Vier Wochen ohne Schwimmbadbesuche und Bildermalen werden wie immer hart – aber zum Glück gibt es mittlerweile Videotelefonie übers Internet. Meine Frau macht das spitze – ohne ihre Unterstützung wäre das überhaupt nicht möglich.

Kommt die Familie nicht nach? Es sind ja Faschingsferien . . .

Nein, die bleibt in Nandlstadt. Wir werden aber jeden Tag skypen.

Was genau ist Ihre Aufgabe? Wie wird ein Arbeitstag vor Ort in etwa aussehen?

Ich bin Delegationsleiter der 71-köpfigen Fernsehmannschaft von Eurosport Deutschland: Moderatoren, Reporter, Kamerateams und unsere Top-Experten wie Martin Schmitt, Sven Hannawald, Michael Greis, Andre Lange und Fabian Hambüchen gehören zum Team. Mein Arbeitstag wird täglich rund 15 bis 16 Stunden umfassen, von morgens 6.30 Uhr koreanischer Zeit bis spätabends. Wir senden jeden Tag live aus dem Deutschen Haus von 23.30 bis 00.30 koreanischer Zeit (15.30 Uhr bis 16.30 Uhr in Deutschland). Damit wird unser Tag regelmäßig ausklingen.


Discovery hat die Rechte vom IOC für 1,3 Milliarden Euro erworben. Was heißt das für den sportbegeisterten Fernseh-Zuschauer in Deutschland?

Unsere Produktionsidee gründet sich darauf, dass das Digitale dem klassischen Fernsehen nach und nach den Rang abläuft. Digital first, wenn man so möchte. Konsequenterweise sind wir so rangegangen: Der Eurosport Player (App) bietet die ultimative Olympia-Erfahrung. Dort sieht der Fan alles live: Ab morgens 1 Uhr alle vier Curling-Bahnen live, weiter über Trainingssessions im Alpinsport bis hin zu – selbstverständlich – allen Medaillenentscheidungen. Und das alles, bis auf wenige Ausnahmen, auf Deutsch kommentiert von unseren gestandenen Kommentatoren und Experten. Natürlich auch alles on demand, also auf Abruf. Im zweiten Schritt haben wir aus diesem prallvollen Olympia-Pott die Sahnestücke gepickt und die linearen Sender Eurosport 1 und TLC bestückt. Dort sieht der Fan alles das, was aus deutscher Sicht wichtig sein wird. Der Einsatz von zwei Sendern lohnt sich besonders ab dem Morgen – so sind wir in der Lage, beispielsweise sowohl den Männersprint im Biathlon als auch Felix Lochs hoffentlich goldenen Lauf im Rodeln live im TV zu zeigen. Oder die Eishockey-Jungs, wenn sie auf TLC gegen Norwegen ums Viertelfinale spielen, während auf Eurosport Marcel Hirscher und vielleicht auch Fritz Dopfer im Riesenslalom angreifen. Wir sind überall – und der Fan kann frei wählen.

Aber wo ist der rote Faden?

Berechtigte Frage – aber keine Angst: Auch hier planen wir etwas Neues, Innovatives abseits der klassischen Programmhinweise. Lassen Sie sich überraschen. Am Abend bekommt der Fan nur auf Eurosport Olympia. Um 20.15 Uhr wagen wir ein neues Experiment: eine Olympia-Sport-Entertainment-Show. Zwei Stunden live zur besten Sendezeit, moderiert von Marco Schreyl und Julia Kleine mit hochkarätigen Gästen.

Aber man hat sich mit ARD und ZDF für die nähere Zukunft geeinigt. Wie?

ARD und ZDF haben von uns so genannte Sublizenzen erworben. Das heißt, auch die Öffentlich-Rechtlichen dürfen von Olympia Livebilder zeigen. Einige Sportarten verbleiben aber exklusiv live bei uns, zum Beispiel Freestyle, Snowboard, Eiskunstlauf oder das Eishockey-Turnier. Trotz dieser Wachablösung funktioniert die Zusammenarbeit mit ARD und ZDF bisher sehr gut. Die Kollegen haben uns, denke ich, als neues „Home of the Olympics“ akzeptiert.

Welche Sportart interessiert Sie bei diesen Olympischen Spielen am meisten?

Ich bin und bleibe ein Eishockey-Fan, auch wenn die NHL diesmal seit Nagano zum ersten Mal nicht mehr dabei ist.

Auf welchen sportlichen Superstar freuen Sie sich besonders?

Da gibt es zwei: Einmal gehört Bode Miller seit kurzem zu unserem Eurosport-Team. Mit ihm vor Ort in Korea zu arbeiten, wird eine starke Erfahrung werden. Sportlich freue ich mich auf die Skispringer und drücke Richard Freitag nach dem Tournee-Pech umso mehr die Daumen.

Wie nahe kommen Sie den Sportlern?

Wir werden täglich Gäste in unseren Studios haben. Ich koordiniere zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund die Zuführung: Wer kommt wann wohin, und wen brauchen wir heute unbedingt als Gesprächspartner? Insofern: sehr nah. Zudem besteht unser internationales Eurosport-Expertenteam neben den vorhin genannten Namen noch aus weiteren Helden meiner Jugend wie Peter Forsberg, Kjetil Andre Aamodt oder Lasse Kjus. Mit ihnen werden wir tägliche Konferenzen haben oder bei einem Kaffee über Olympia sprechen.

Wo sind Sie untergebracht?

Zum Glück nur rund fünf Minuten zu Fuß vom International Broadcast Centre, dem IBC. Dort sitzen alle Fernsehstationen und senden von dort. Bei solch langen Tagen dürfen die Wege kurz sein. Es wird ein Appartementkomplex sein, in dem auch unsere wichtigsten Redakteure, Planer, Kommentatoren und Experten wohnen werden. Wir können uns also immer auf kurzem Wege besprechen.

Sind Sie selbst Wintersportler?

Ich habe Eishockey gespielt, aber eher auf Hobbylevel. Auf alpinen Skiern stand ich noch nie.

Wären Ihnen Sommerspiele lieber?

Pyeongchang wird kalt werden. Die Kollegen, die schon drüben sind, sprechen von bis zu minus 20 Grad. Da denke ich natürlich gerne an die Copacabana in Rio zurück. Ich mag aber die Winterspiele an sich mehr – sie sind kompakter, übersichtlicher und aus deutscher Sicht absolut medaillenträchtig.

Wie lange vor Beginn der Spiele reisen Sie an?

Ich fliege am 28. Januar, bin also rund elf Tage vor der Eröffnung vor Ort. Das Projekt steht, jetzt muss noch der Feinschliff drauf.

Erfüllt sich mit Pyeongchang ein Traum?

Olympia war schon immer mein Traum – den habe ich mir 2006 in Turin erfüllt. Nun als Teamchef für Eurosport in Korea sein zu dürfen, das ist nochmal ein großer Schritt mehr. Insofern: Ja!

Wie sehen die Vorbereitungen aus?

Die sind bis auf Kleinigkeiten abgeschlossen. Das hat nun rund zwei Jahre in Anspruch genommen. Irgendwie ein bisschen mit einer Schwangerschaft zu vergleichen. Jetzt ist Geburtstermin, und es sieht alles danach aus, dass das Kind gesund, aktiv, dynamisch und putzmunter sein wird.

Sie sind also für alle Events zuständig?

Wir zeigen alle Sportarten und decken vor Ort alles ab. Es gibt natürlich Schwerpunkte wie Skispringen und Biathlon oder Ski Alpin. Mein Job wird aber sein, die Balance täglich sicherzustellen – der Zuschauer daheim soll alle deutschen Medaillen live sehen können. Egal, ob das von der Schanze oder auf der Buckelpiste ist. Zu Hause in München arbeiten übrigens nochmal weit über 100 Menschen an diesem Projekt mit.

Bleibt Zeit, sich Pyeongchang anzusehen?

Wir waren bereits zweimal dort, die Zeit hatten wir bereits. Während Olympia, denke ich, nicht.

Die politische Lage im Konflikt mit Nordkorea ist angespannt. Ist Angst Ihr Begleiter? Oder verdrängen Sie das?

Das sehe ich entspannt. Es werden meine vierten Olympischen Spiele, regelmäßig gibt es im Vorfeld denUnheilsbringer, der einen besser zu Hause bleiben lässt. In Rio war’s das Zika-Virus, in Sotschi der tschetschenische Terrorismus. Nichts ist während der Spiele passiert. Die Deeskalationspolitik der Nord- und Südkoreaner im Vorfeld der Spiele kommt auch nicht von ungefähr, da wird hinter den Kulissen schon lange mit dem IOC gearbeitet. Jetzt soll es ein gemeinsames Eishockey-Team oder sogar Bob-Team geben. Ich will das aber gar nicht kleinreden, selbstverständlich gibt es immer ein Risiko. Klar ist: Die Sicherheit unserer Crew vor Ort hat die oberste Priorität. Und auch da können Sie sicher sein, dass wir hinter den Kulissen seit vielen Monaten professionell und mit wachem Auge arbeiten, um diese Sicherheit bestmöglich garantieren zu können.

Haben Sie sich speziell für diesen Job beworben? Gegen wie viele haben Sie sich durchgesetzt?

Ich war schon immer Olympia-Fan, und für mich war klar, dass ich mich auf den ausgeschriebenen Job im März 2016 bewerben musste. Gegen wie viele Mitbewerber ich mich durchgesetzt habe – keine Ahnung.

Ihr Tipp: Wie viele Medaillen bringen die Deutschen nach Hause?

Ich denke positiv: Wir haben gute Chancen, die Medaillenwertung zu gewinnen.

Wie bereiten Sie Ihr Immunsystem auf die klirrende Kälte vor?

Mit viel Obst und warmer Kleidung.

Sind Sie nervös?

Nein, aber freudig aufgeregt.

Lebenslauf

Jochen Gundel ist 2016 von München nach Nandlstadt gezogen. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern. Seine Frau ist Grundschullehrerin. Gundel ist in Heldritt aufgewachsen, einem kleinen fränkischen Dorf mit 700 Einwohnern. Seine Karriere hat er beim Coburger Tageblatt begonnen. 1999 wechselte er zum Fernsehen. Er war fünf Jahre Planungs-CvD von Sky Sport News, hat als Filmemacher unter anderem für Galileo und Brisant gearbeitet. Seit zwei Jahren ist er Olympiachef bei Eurosport.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gemeinsam schmeckt der Kuchen besser: Evangelische Jugend feiert 20. Geburtstag
20 Jahre Evangelische Jugend im Dekanat Freising: Das wurde nun ausgiebig gefeiert – selbstbewusst und mit eigenem Profil, wie man es von den jungen Menschen aus den …
Gemeinsam schmeckt der Kuchen besser: Evangelische Jugend feiert 20. Geburtstag
Er hatte einen Schutzengel: Rollerfahrer (7) kollidiert mit Golf
Ein Siebenjähriger war auf der Lerchenfeldstraße in Freising mit seinem Cityroller unterwegs – und übersah einen Golf. Der Bub hatte Glück im Unglück. 
Er hatte einen Schutzengel: Rollerfahrer (7) kollidiert mit Golf
„Die Lebenden dürfen nicht schweigen!“
Die Beteiligung der Bürger am Vorabend des Volkstrauertages hielt sich – wie befürchtet – uch am frühen Samstagabend in Grenzen. OB Tobias Eschenbacher mahnte in seiner …
„Die Lebenden dürfen nicht schweigen!“
Unbequemer Heimat-Zirkus
Udo Lindenberg hat sein Panikorchester. Da kann Freising locker mithalten: Am Wochenende gab es sogar einen ganzen „panischen Heimatabend“. So zumindest hat der Verein …
Unbequemer Heimat-Zirkus

Kommentare