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„Grausame Gefahren“: Großes Wald-Aufräumen nach Unwetter in Oberbayern - Appelle von Experten

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Von: Armin Forster

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Von Unwetter zerstörter Wald
Verwüstet: So sieht es derzeit in zahlreichen Wäldern im nördlichen Landkreis aus. © Armin Forster

Das Unwetter im Kreis Freising vor drei Wochen hat in Wäldern schlimme Schäden angerichtet. Unter Hochdruck wird aufgeräumt, denn es drohen die nächsten Probleme.

Gründl – Fünf Minuten haben gereicht, um Landstriche zu verwüsten und Lebenswerke zu zerstören: Das Gewitter, das am 20. Juni spätnachmittags mit Sturmböen und Hagel über dem nördlichen Landkreis Freising gewütet hat, wird die Menschen der Region noch Jahrzehnte beschäftigen. Das wurde jetzt, drei Wochen danach, bei einem Ortstermin in Gründl (Markt Nandlstadt) deutlich. Denn das Unwetter, das Menschenleben gekostet und massive Schäden an Privat- wie Firmeneigentum angerichtet hat, traf auch Land- und Forstwirte in teils existenziellem Maße.

Schweres Unwetter bei Freising: Landstriche verwüstet

Zu dem Pressegespräch am Montag haben der Bayerische Bauernverband (BBV) und die Waldbesitzervereinigung (WBV) Freising auf den Sixt-Hof in Gründl eingeladen. Auch die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) sowie die Bayerische Forstverwaltung sind mit von der Partie. Alle wollen eindringliche Botschaften loswerden.

Wald-Verantwortliche begutachten Arbeiten nach Sturmschäden
Schadensbeschau: Waldbesitzer und regionale Verantwortliche aus der Branche machen sich ein Bild von den Forstarbeiten nach den jüngsten Unwetterschäden. In einem Waldstück nahe Unterappersdorf sind die Folgen besonders dramatisch. © Armin Forster

Landwirt Lorenz Sixt macht bei der Begrüßung vorsorglich klar, dass er nur stellvertretend für diverse Betriebe in der Region stehe, von denen es viele auch deutlich schlimmer erwischt habe. Weil sich seine Flächen am nördlichen Rand des Unwetters befunden hätten, seien bei ihm „nur“ 0,4 Hektar Waldfläche betroffen. „Bei manchen Waldbauern waren es 100 Prozent und viele Hektar“, sagt der 52-Jährige mit ernster Mine.

Heftiges Gewitter im Landkreis Freising: Mancher Waldbauer hat 100 Prozent verloren

Weshalb gerade Waldschäden so folgenreich seien, erklärt er so: „Der Hagel hat von unseren Ackerkulturen 20 Prozent übrig gelassen, der Hopfen wurde komplett zerstört.“ Beides lasse sich mithilfe der Versicherung einigermaßen verkraften, im kommenden Jahr wieder anpflanzen und ernten. „Aber beim Wald dauert das 50 bis 100 Jahre.“ Dabei sei es mit dem Anpflanzen ja nicht getan, was von Laien gerne vergessen werde: Die Pflege dauere Jahrzehnte, sei aufwendig und bringe erst Folgegenerationen Ertrag.

Mit dem Abziehen des Gewitters ist die Katastrophe allerdings noch lange nicht zu Ende: Es drohen umfassende Folgeschäden. Denn bleibt Schadholz – in der Region immerhin mehrere 10.000 Kubikmeter – zu lange im Wald liegen, ist das eine Einladung für Borkenkäfer. Unter idealen Bedingungen dauert der Zyklus einer Käfergeneration nur etwa sechs bis sieben Wochen. Von dem Schädling eingenommen, gehen dann weitere Bäume zugrunde und fallen so dem nächsten Sturm noch schneller zum Opfer.

Nach Gewitter: Umfassende Folgeschäden drohen - Völlig neue Dimensionen

Um das Ausmaß der Unwetterfolgen zu erahnen, lädt die Runde zu einer Ausfahrt in ein wenige Minuten entferntes Waldstück bei Unterappersdorf ein. Schon auf dem Weg blickt man immer wieder auf Flächen links und rechts der Straße, die bis vor wenigen Wochen dicht bewaldet waren. Nun ragen noch vereinzelte, umgeknickte und gesplitterte Stämme aus dem Boden, dahinter drohen weitere schiefstehende Bäume, jederzeit umzustürzen.

Außerdem auffällig: Überall türmen sich inzwischen die bereits zusammengeschnittenen Baumstämme, bereit zur Abholung. „Solche Berge kennt man bei uns eigentlich nicht“, sagt Lorenz Sixt. Aber so ein blitzartiges und folgenreiches Unwetter habe es eben auch noch nicht gegeben. Sixts Frau Susanne spricht auf dem Beifahrersitz aus, was hier jedem klar ist: „Der Klimawandel ist jetzt voll bei uns angekommen.“

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Die Gruppe parkt an einem Feldweg und geht dann einen mit Ästen gesäumten Pfad entlang, hinein in ein Waldstück – beziehungsweise was davon übrig ist. Der Hang ist teils gerodet, teils noch wild von Schadholz übersät. Statt Vogelgezwitscher ist Maschinenlärm zu hören, gleich mehrere Harvester rollen umher: Lkw-große Holzerntemaschinen mit riesigen Reifen oder Ketten. Ihre Fahrer heben mit den Greifarmen ausgewachsene Bäume, als wären sie Mikadostäbchen und vollziehen dann in Sekunden gleich mehrere Schritte in einem Aufwasch: Entasten, Zersägen, Stapeln.

„Die sind derzeit bis 23 Uhr im Einsatz, es wird in zwei Schichten gearbeitet“, erklärt WBV-Vorsitzender Josef Denk. Allein seine Organisation hat derzeit zwölf Harvester im Einsatz. Es gelte nun, einen „Flächenbrand“ und einen „Rattenschwanz“ an Folgeproblemen durch nicht beseitigtes Schadholz zu verhindern. „Wir müssen jetzt schnell sein“, sagt Denk.

Harvester im Wald-Einsatz
Nur mit schwerem Gerät ist die Aufarbeitung zu schaffen: Ohne den großflächigen Harvester-Einsatz würde das Schadholz rasch zu einer Borkenkäfer-Plage führen. © Armin Forster

Was früher Jahre an Arbeit bedeutet hat, schaffen Harvester innerhalb von Tagen. Für die versammelten Wald-Verantwortlichen sind sie deshalb ein Segen. „Leider werden sie oft dargestellt, als wären das Killer des Waldes“, bedauert Landwirt Josef Sixt. Auch BBV-Kreisobmann Ralf Huber, der sich ein Lagebild verschafft, betont: „Die Harvester sind so wichtig. Wir dürfen sie nicht verteufeln.“

Nach schwerem Unwetter: Experte warnt vor grausamen Gefahren

Christian Satzl, Sicherheitsberater der SVLFG, ist aus berufsgenossenschaftlicher Sicht dankbar für die Maschinen: „Die Sturmschäden können nur mit starker Technik sicher beseitigt werden.“ Er erinnert daran, dass Waldbesitzer zur Aufarbeitung von Problemholz nur forstfachlich ausgebildetes Personal einsetzen dürften. Verwandte oder Bekannte seien zwar oft motiviert und hilfsbereit, „aber so gut wie nie geeignet“. Würden diese Personen bei der Arbeit verletzt, „steht der Waldbesitzer in der Verantwortung“, warnt Satzl.

Und die möglichen Gefahren seien „grausam“. Eingespanntes und gebrochenes Holz, hängengebliebe Äste und Kronenteile, kippende Wurzelteller oder ausschlagende Stämme – die Liste ist lang. Nicht zu unterschätzen seien auch die psychologischen Folgen der Unwetterschäden, wie Satzl sagt. „Wir von der SVLFG bieten eine Krisenhotline an, bei der man sich rund um die Uhr telefonisch melden kann.“ Die Nachfrage bei den Landwirten werde immer größer, „und zwar nicht nur nach solchen Ereignissen“.

Nach Unwetter bei Freising: Es gibt auch eine positive Nachricht

Eine gute Nachricht für die Forstwirte ist laut WBV-Chef Josef Denk, dass die Holzpreise „derzeit noch positiv sind“. Wenn freilich auch mit Einbußen zu rechnen sei wegen der durch die Sturmfolgen geminderten Qualität.

Waldbesitzer Lorenz Sixt will sich nicht entmutigen lassen, wie er sagt. „Wir haben schon eine Beratung zur Wiederaufforstung vereinbart.“ Für das Ziel, möglichst schnell die Lücken im Wald zu schließen und das mit Bäumen, die viele Jahrzehnte dem Klimawandel trotzen, braucht es Expertenwissen. Für Sixt steht nach früheren Unwettererfahrungen fest: „Es geht immer weiter. Wir müssen mit der Natur arbeiten.“

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