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Drei Freunde, ein Abenteuer: (v. l.) Thomas Richter, Roland Zimmert und Thomas Kutschera in Rambouillet – dem Vorort von Paris, in dem Start und Ziel des Amateur-Radmarathons lagen.

Brevet Paris-Brest-Paris

1200 Kilometer, nur sechs Stunden Schlaf: Trio absolviert spektakuläres Rad-Abenteuer

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Drei Spezln Anfang 50 sind einen 1200 Kilometer langen Amateur-Marathon quer durch Frankreich geradelt – in 76 Stunden, mit nur sechs Stunden Schlaf. Wie schafft man das?

Landkreis – „Hallo, ich habe mit meinen Freunden ein tolles Fahrrad-Abenteuer erlebt“, lautet der erste Satz der E-Mail, die der Nandlstädter Roland Zimmert an unsere Zeitung sendet. Die Geschichte, die er in den Zeilen darunter grob umreißt und später im Gespräch ausführlich erzählt, ist in der Tat spektakulär.

Zimmert, 53, sowie seine gleich alten Bekannten Thomas Richter und Thomas Kutschera haben im August am Brevet Paris-Brest-Paris teilgenommen. Die beeindruckenden Eckdaten dieses Amateur-Radmarathons: 1200 Kilometer Strecke, 11.000 Höhenmeter, 6000 Teilnehmer aus der ganzen Welt. Ein einmaliges Erlebnis, bei dem sich unmenschliche Strapazen in einen Glücksrausch verwandelt haben.

Freisinger Tagblatt: Herr Zimmert, wie sind Sie in dieses Abenteuer geraten?

Roland Zimmert: Alles begann im Bierzelt auf der Wiesn vor zwei Jahren. Da hat mir mein Spezl Thomas Richter von einem Radrennen quer durch Frankreich erzählt, an dem er teilnehmen wollte. „Schau’s dir halt mal an“, hat er gesagt, und mir eine DVD in die Hand gedrückt.

Was war auf der DVD?

In dem Film haben zwei Randonneure, so nennen sich französische Langstrecken-Radfahrer, von ihren tollen Erlebnissen bei einer Tour erzählt, die nur alle vier Jahre stattfindet. Quasi die kleine Amateur-Olympiade für Rennradfahrer. Meine Freunde und ich waren sofort infiziert. Also haben wir uns über die Einzelheiten erkundigt.

Und gleich angemeldet?

Um sich qualifizieren zu können, muss man in zwei Jahren hintereinander Langstreckenfahrten, sogenannte Brevets, absolvieren. Also sind wir bei Wind und Wetter quer durch Bayern geradelt: jeweils 200, 300, 400 und 600 Kilometer am Stück. Nachdem wir das geschafft hatten, ging es auf nach Frankreich.

Sie starteten an einem Abend vor den Toren von Paris, mit tausenden Radlern aus der ganzen Welt.

Ja, aber gleich am Anfang gab es ein Problem: Bis zwei Stunden vor Beginn herrschte Dauerregen. Wäre das so weiter gegangen, hätten wir spätestens nach 400 Kilometer erschöpft aufgeben müssen, denn die Nässe und Kälte zieht alle Energie aus dem Körper. Doch dann war der Regen vorbei – und wir setzten uns in Bewegung. Die ersten 100 Kilometer fuhren wir mit Teilnehmern aus Indien, England, Irland, Dänemark, USA, Belgien, Frankreich und Italien. Jeder mit unterschiedlichen Rädern und Erwartungen. Aber alle mit einer gemeinsamen Leidenschaft, dem Radfahren.


Wie müssen wir uns die Strecke vorstellen?

Es ging über endlose Hügelketten quer durch die Normandie und dann durch die Bretagne. Da wir in der Hallertau trainiert hatten, wo das Gelände nahezu identisch ist, hatten wir einen kleinen Wettbewerbsvorteil. Die Temperaturen reichten von 6 bis 26 Grad, an der Küste kämpften wir mit sehr viel Gegenwind. Während man unterwegs ist, hat man genügend Zeit, sich mit Fahrern aus der ganzen Welt anzufreunden und Erfahrungen auszutauschen. Man fühlt sich als große Familie.

Gab es auch Publikum?

In jeder Ortschaft und vor jedem Haus standen Franzosen bis tief in die Nacht und jubelten uns zu: „Allez, allez!“ oder „Bon voyage!“. Die Leute haben privat für uns Kreuzungen gesperrt, und die Autofahrer haben das nicht nur toleriert, sondern sind ausgestiegen und haben geklatscht. 

Es gab eine Smartphone-App, in der jeder einzelne Fahrer mittels Transponder verfolgt werden konnte, und so wussten die Leute oft schon, wer gleich durch ihren Ort fährt. Die haben uns dann manchmal mit Namen angefeuert. In größeren Ortschaften herrschte richtige Volksfeststimmung.

Ältere Dame lässt Radler erst nach Hausbesuch mit Kaffee weiterfahren

Wie lief die Verpflegung unterwegs ab?

Ungefähr alle 100 Kilometer gab es eine Versorgungsstation: Dort wurde kurz angehalten, die Stempelkarte abgezeichnet, gegessen und getrunken, dann ging’s wieder weiter. Jede Kontrollstelle hat ungefähr eine Stunde gedauert, wegen der Massen an Radlern. Man musste erst einen Parkplatz finden, auf die Toilette gehen und so weiter. Oft haben aber auch die Zuschauer irgendwo an der Strecke einfach Tische mit Wasser, Wein, Kuchen, Käse und belegten Broten für die Randonneure bereitgestellt. Den Wein konnten wir natürlich nicht trinken (lacht).

Das klingt nach einer einmaligen Atmosphäre.

Manchmal gab es auch ganz spezielle Begegnungen: Während einer kurzen Pause an der Strecke kam etwa eine ältere Dame aus einem Haus. Sie konnte kein Wort Deutsch, hat uns aber vor lauter Begeisterung erst wegfahren lassen, nachdem wir mit ihr drinnen einen Kaffee getrunken hatten. Sie war einfach so stolz, dass sie jemanden aus der Radler-Gruppe treffen und bewirten darf.

Wann haben Sie mal eine Schlafpause eingelegt?

Die ersten 610 Kilometer sind wir durchgefahren, ohne Schlaf. Nach 33 Stunden und 6000 Höhenmetern kamen wir um vier Uhr früh erschöpft in Brest an. Wir fuhren über eine Brücke und sahen die eindrucksvoll beleuchtete Hafenstadt vor uns liegen. In der Universität gab es Schlafsäle, da haben wir ein Bett zugewiesen bekommen. Nach drei Stunden sind wir wieder weitergefahren.

Nur drei Stunden Schlaf nach eineinhalb Tagen Radfahren?

Wir wollten einfach in kürzester Zeit ankommen. Durch das ganze Adrenalin im Körper hat diese Ruhepause ausgereicht, um sich wieder aufzubauen. Wir waren erleichtert und haben uns auf den Rückweg gefreut. Etwas später haben wir nochmal eine dreistündige Schlafpause eingelegt.


Puh, ganz schön hart.

Viele andere Fahrer haben es noch viel weiter an die Erschöpfungsgrenze getrieben: Die sind gar nicht erst in einen Schlafraum gegangen, sondern haben sich direkt an der Strecke irgendwo in den Straßengraben unter eine Rettungsdecke gelegt, um dann sofort wieder weiterzufahren. Uns war das zu kalt.

Zwischenfrage: Was arbeiten Sie eigentlich?

Ich bin Technischer Leiter der Käserei Hofmeister in Moosburg. Thomas Richter ist Chef der Münchner Firma Nobakht und hat sich auf Naturdärme für Metzgereien spezialisiert. Thomas Kutschera ist Prokurist bei PE Tec in Allershausen, die bieten Kunststoff-Rohrsysteme an.

Also sind Sie nicht von Berufs wegen sportlich topfit. Wie hält der Körper diese tagelangen Strapazen durch?

Durch den Adrenalinspiegel radelt man einfach so dahin und ist ständig beschäftigt: in die tolle Landschaft schauen, mit der Gruppe unterhalten, nachts extrem auf die Fahrbahn konzentrieren. Wir hatten auch Radlerhosen und Sattel, die speziell für lange Distanzen gepolstert sind. Und eine Salbe: Von der hab’ ich eine ganze Tube verbraucht.

„Der große Knackpunkt kam bei 1000 Kilometern“

Und dann kamen Sie Ihrem Ziel, Paris, wieder näher.

Der große Knackpunkt war ungefähr bei 1000 Kilometer: Da sind wir langsam an unsere Grenzen gekommen.

Wie haben Sie diese letzte Etappe überwunden?

Wir haben uns mit kleinen Pausen einfach in 50-Kilometer-Schritten weitergeschleppt, uns selbst eingeredet: Okay, das packen wir jetzt! Als Dreiergruppe konnten wir uns gegenseitig hochpushen. Einmal war der eine mental stärker, dann der andere. Überall sahen wir die Erschöpften am Straßenrand liegen.


Am Ende haben Sie es alle drei nach Paris geschafft. Als Wievielte von den 6000?

Bei diesem Brevet ging es gar nicht um Schnelligkeit, sondern um das Ankommen. Man hat zwar ein Zeitlimit von 90 Stunden, und das haben wir mit 76 Stunden, von denen wir 54 auf dem Rad saßen, auch geschafft. Aber am Ende bekommt jeder Ankommende die gleiche Medaille. Die genaue Auswertung, welcher Fahrer wie schnell unterwegs war, ist noch gar nicht online.

Der Weg war also das Ziel. Was bleibt Ihnen davon am stärksten in Erinnerung?

Dieses Abenteuer mit seinen besten Freunden zu bestehen und gleichzeitig ins Ziel zu kommen, ist ein tolles Gefühl und einzigartig. Wenn Sie da radeln, sind Sie frei von allem, wie in einer anderen Welt, einem Rausch. Man hat unglaublich viel Zeit, über alles nachzudenken.

Hätten Sie diese Tour auch ohne Freunde geschafft?

Ja, aber nicht mit diesem Spaß. Ich kann solche Momente mehr genießen, wenn ich sie teile. Außerdem muss man mit der Herausforderung nicht alleine fertig werden. Wenn es ein Problem gibt, hat immer einer eine Idee. Bei der langen Strecke fühlt man sich in der Gruppe einfach sicherer. Gottseidank hatten wir weder Unfälle noch Pannen.

Nach all dem Glücksrausch sind Sie also in vier Jahren wieder dabei?

Wir haben viele Leute getroffen, die immer wieder mitfahren. Für mich war das aber eine einmalige Sache. Ich muss das so stehen lassen.

Lesen Sie auch: Richard Lorenz sieht sich in der Tradition der amerikanischen Erzählliteratur. Der Autor aus Nandlstadt schreibt keine leichte Kost und keine Mainstream-Werke. Bald veröffentlicht er seinen dritten Roman.

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