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Schlag auf den Kopf: „Opfer“ verstrickt sich sogar bei Waffe in Widersprüchen

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Von: Manuel Eser

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Nicht der Angeklagte, sondern das Opfer ärgerten das Gericht in Freising: „Wie oft sind Sie eigentlich betrunken?“ © picture alliance / dpa / Armin Weigel

Mit einer Schädelprellung und einer langen Schnittwunde am Kopf landete ein Rumäne aus Neufahrn in der Klinik. Der angebliche Täter stand jetzt vor Gericht.

Landkreis Süd – Ein Weinglas und eine Sektflasche soll ein Rumäne (45) einem Landsmann (34) über den Kopf geschlagen haben. Der 34-Jährige landete mit einer Schädelprellung und einer langen Schnittwunde an der Stirn im Klinikum Freising, der 45-Jährige wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Freising. In der Verhandlung stellte sich heraus, dass das angebliche Opfer auf alle Fälle zu tief ins Weinglas geschaut hat.

Der Vorfall soll sich am 21. September 2018 in einem Hotel im südlichen Landkreis abgespielt haben. Die beiden Kontrahenten wohnten damals Tür an Tür. Laut des Angeklagten, der die Tat bestritt, sei der Landsmann nachts gegen 22 Uhr angetrunken in sein Zimmer gekommen. Der 34-Jährige habe im Beisein zweier Zeugen Geld verlangt, weil er den 45-Jährigen einen Monat zuvor nach Deutschland gebracht und ihm Arbeit verschafft habe. „Ich habe ihm dann 100 Euro gegeben“, übersetzte eine Simultandolmetscherin für den Angeklagten. Der sei daraufhin abgezogen. Zu einer körperlichen Auseinandersetzung sei es nicht gekommen. Der Angeklagte mutmaßte, dass er sich die Verletzung bei einem Sturz auf der Treppe zugezogen oder möglicher Weise sogar selbst zugefügt habe, um noch mehr Geld herauszuschlagen.

Ermittler kämpft mit sprachlichen Barrieren

Die Polizei tat sich schwer bei den Ermittlungen, wie der mit dem Fall betraute Beamte vor Gericht aussagte. Nachdem der 34-Jährige gegen 23.15 Uhr auf der Wache aufgeschlagen sei, habe er sich sofort auf den Weg zum Hotel gemacht und dort bei der Vernehmung vor allem mit sprachlichen Barrieren zu kämpfen gehabt. „Eine Verständigung war quasi nicht möglich“ Fakt ist: Verdächtige Spuren einer Kampfhandlung gab es nicht – keine Blutflecken, keine Glassplitter. „Nichts, was auf ein Gerangel hingewiesen hätte“, sagte der Polizist aus. Während beim angeblichen Opfer 1,6 Promille gemessen worden seien, habe der Angeklagte keinerlei Ausfallerscheinungen gezeigt.

Das angebliche Opfer disqualifizierte sich mit seiner Aussage dann selbst. Gleich mehrfach verstrickte er sich in Widersprüche. Einmal soll die Tat bereits um 20 Uhr stattgefunden haben, dann wieder erst um 23 Uhr, nachdem er zwischendurch die Hotelbar aufgesucht habe. Einmal habe es keine Zeugen gegeben, dann wieder doch. Vor allem die Tatwaffe wurde ihm zum Verhängnis. Denn plötzlich teilte der Rumäne mit, er sei gar nicht mit einer Flasche angegriffen worden, sondern lediglich mit einem Glas – allerdings nicht mit einem Weingefäß, sondern mit einem Cola-Glas, das Kunden bei McDonalds geschenkt bekommen.

Und wieder war das „Opfer“ betrunken

Dabei hatte die Polizei dem Mann einige Wochen nach der Tat extra nochmals aufgesucht, ihm eine aus dem Hotelzimmer sichergestellte Flasche gezeigt und gefragt, ob es sich dabei um die Tatwaffe handle. Der Mann hatte das bestätigt – und soll auch an diesem Abend unter Alkoholeinfluss gewesen sein. „Wie oft sind Sie eigentlich betrunken?“, fragte Richterin Tanja Weihönig, die den Glauben an den Zeugen schon verloren hatte.

Die Staatsanwaltschaft beharrte dennoch darauf, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr zu verurteilen und die zur Bewährung auszusetzen. Die Begründung: Der Tatvorwurf der schweren Körperverletzung habe sich bestätigt – auch wenn sich der 34-Jährige in Widersprüche verwickelt habe. Es sei nicht davon auszugehen, dass sich der Mann die Platzwunde selbst zugefügt habe.

„Sportliche“ Forderung der Staatsanwaltschaft

Die Verteidigung bezeichnete diese Forderung angesichts der Beweislage als „sportlich“. Sein Fazit: „Er hat die 100 Euro von meinem Mandanten genommen und sie dann in der Bar durchgebracht. Und das hat dazu geführt, dass er nicht mehr weiß, was vorgefallen ist und hier unterschiedliche Versionen präsentiert.“ Daher komme nur ein Freispruch in Frage. Dem kam die Richterin nach. „Auf die Aussagen des Geschädigten, die von erheblichen Erinnerungslücken und Abweichungen geprägt sind, kann ich keine Verurteilung stützen.“ Daher gelte: Im Zweifel für den Angeklagten.

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