Ein Bagger „bearbeitet“ den alten Pfarrhof
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Anfang der 1930er Jahre ist der Neufahrner Pfarrhof errichtet worden. Dieser Tage wird das Gebäude abgerissen.

Traditionsgebäude wird durch Wohnanlage ersetzt

Jetzt sind die Bagger da: Abschied vom alten Neufahrner Pfarrhof

  • Andreas Beschorner
    vonAndreas Beschorner
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Ein Stück Neufahrner Ortsgeschichte fällt seit Mittwoch dem Abrissbagger zum Opfer: der alte Pfarrhof, der 1931/32 erbaut worden ist. Jetzt soll dort eine Wohnanlage entstehen.

Neufahrn – Ernest Lang ist der Historie des Gebäudes gefolgt, weiß von Geschichten aus der Geschichte zu berichten. 1921 war Neufahrn zur selbstständigen Pfarrei geworden, der erste Pfarrer, Joseph Seidenberger, lebte noch im Benefiziatenhaus. 1926 kam Jungmann nach Neufahrn, baute den neuen Pfarrhof. Vom Pfarrhof aus hatte der Pfarrer ein Wegerecht durch den Schulgarten zur Kirche. Als eine der ersten Schikanen der NS-Machthaber in Neufahrn sei gleich 1933 dem Pfarrer das Wegerecht verweigert worden. Grund: Der NS-Hauptlehrer hatte eine Wertminderung seines Gartens geltend gemacht, weil der Pfarrer hier täglich durchging.

Allerdings habe die Regierung von Oberbayern dem Pfarrer das notariell verbriefte Wegerecht bestätigt. 1939 wurde der streitbare Pfarrer dann von der Gestapo im Pfarrhof verhaftet und ohne Gerichtsverhandlung für neun Monate eingesperrt.

Sogar ein Trickfilmstudio hatte hier seine Heimat

Nach seiner Inhaftierung (bis April 1940) lebte Jungmann bis zu seinem Tod 1953 im Pfarrhaus. Auch sein Nachfolger, Pfarrer Franz Götzberger, wohnte im Pfarrhof. Als 1962/63 die neue Franziskuskirche in der Bahnhofstraße mit Pfarrhof gebaut wurde, erwarb, so das nächste Kapitel in der Historie des Hauses, der Kameramann Helmut Ammon das Gebäude mit dem 3000 Quadratmeter großen Garten. Er richtete, so schildert es Ernest Lang, hier ein Trickfilmstudio ein und hatte Platz für seine reiche Sammlung wertvoller historischer Filmkameras. Als Ammon vor sieben Jahren kinderlos verstarb, habe er Haus und Grundstück einem befreundeten jungen Paar vermacht, das er kurz davor kennengelernt hatte. Die neuen Besitzer verkauften wenige Jahre später nicht nur die wertvolle Kamerasammlung Ammons, sondern später das Anwesen an einen Investor, so der Anfang des vorerst letzten Kapitels des Anwesens.

Die rund 100 Bäume und Sträucher wurden dieser Tage gefällt, das Haus wird seit Mittwoch abgerissen. Auf dem Grundstück werden drei große Wohnblocks mit 28 Wohneinheiten entstehen. Eine Ersatzbepflanzung ist nicht vorgesehen. Gemeinderäte wie Beate Frommhold-Buhl (SPD) oder auch Manfred Holzer (FW) beklagen, dass Abriss und Neubau der Wohnanlage ohne Diskussion im Gemeinderat sowohl vom gemeindlichen Bauamt als auch vom Landratsamt genehmigt worden seien. Frommhold-Buhl spricht von einem „Trauerspiel“, wie das gelaufen sei, Holzer hätte sich einen „Dialogprozess“ und „mehr Fingerspitzengefühl“ gewünscht.

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