Ein Klavier stimmen heißt eigentlich ein Klavier zu verstimmen: Genau das ist der Job von Walter Thumann.

Der letzte Klavierbauer im Landkreis Freising

Walter Thumann ist der Mann für den guten Klang

  • Andreas Beschorner
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Er ist der Letzte seiner Zunft im Landkreis Freising – und darüber hinaus: Walter Thumann (54), seines Zeichens Klavierbauer.

Giggenhausen– In Giggenhausen hat der Mann seit 20 Jahren seine Werkstatt und seinen kleinen Verkaufsraum. Von dort aus ist Thumann im Dienste des guten Klangs weithin unterwegs, um Klaviere zu stimmen und zu reparieren. Der 54-Jährige ist einer, der das Handwerk und die Qualität schätzt. Der Letzte seiner Zunft im Landkreis eben.

Dass Thumann eine ganz besondere Beziehung zu Klavieren hat, dass ihm Wertarbeit am Herzen liegt, sieht man schon im Verkaufsraum: Klein, aber fein könnte man sagen. Denn die wenigen, auf Hochglanz polierten Stücke, die da in Giggenhausen stehen, sind allesamt hochwertige deutsche Instrumente: Seiler, Sauter, Förster – wohlklingende Namen für Kenner. Klaviere aus Massenproduktion vor allem aus China, das wird es bei Thumann nie geben. „Ich kann das nicht“, gesteht er. Dafür halten seine Instrumente bei guter Pflege auch 70 bis 90 Jahre, versichert er.

Schon die Pflege des Filzes ist eine Wissenschaft für sich

Und beim Stichwort „gute Pflege“ ist man schon wieder bei Thumann: Denn die Pflege des Filzes, eine Wissenschaft für sich, kleinere Holzarbeiten, das Ersetzen von Furnieren und alles, was das wertvolle Innenleben eines Pianos betrifft, das ist das Metier von Walter Thumann, der nach seinem Abitur am Camerloher-Gymnasium eine dreieinhalbjährige Lehre zum Klavierbauer absolviert hat. Bis man dann auch noch ein Klavier profimäßig stimmen kann, dauere es noch einmal drei bis vier Jahre, erzählt der 54-Jährige. Doch das alles hat sich ausgezahlt.

Zehn Jahre lang war Thumann beim Münchner Pianohaus Lang angestellt. Und das hat die großen, die ganz großen Konzerte mit Klavieren und Flügeln beschickt. Und wer war damit beauftragt, beispielsweise für die Eagles, für Elton John oder auch Fats Domino die Klaviere zu stimmen? Richtig: Walter Thumann, der auf diese Weise den Großen der Rock- und Pop-Geschichte ebenso nahe gekommen ist wie den bekannten klassischen Pianisten Justus Franz und Grigorij Sokolov. Ein Treffen mit Bruce Hornsby, der ihn zu einer Tasse Kaffee eingeladen hat, ist ihm da besonders in Erinnerung geblieben, Konzertplakate im Verkaufsraum zeugen davon, mit und für wen Thumann im Lauf der Zeit das Klavier bereitet hat.

Weil in diesem Geschäft viel über Mundpropaganda läuft, hat sich der Sprung in die Selbstständigkeit im Jahr 2000 für den Giggenhausener längst ausgezahlt. Nicht nur dass er die Instrumente eines Komponisten betreut, der am Tegernsee für Costa Cordalis große Hits wie „Anita“ geschrieben hat und heute noch für Helene Fischer Songs komponiert, Thumann betreut auch wichtige und große Institutionen: Da ist die Musikhochschule München, da sind die Musikschulen in Freising und Landshut, aber auch alle Schulen im Landkreis. Thumann, der Klavierstimmer und Klavierbauer, ist überall ein gefragter Mann. Das absolute Gehör hat er nicht, gibt er zu. Das wäre für einen Klavierstimmer auch gar nicht so ideal, betont Thumann. Denn ein Klavier zu stimmen, heißt eigentlich, ein Klavier zu verstimmen. Denn genau genommen ist ein „cis“ und ein „des“ nicht dasselbe. Aber es gebe da eben bloß die eine schwarze Taste zwischen „c“ und „d“ und die müsse so gestimmt sein, dass sie genau zwischen den Halbtönen liege. „Wohltemperiert“ eben.

Gute Klaviere stehen auch dann noch in Häusern, wenn keiner mehr drauf spielt

Und wie steht es mit den eigenen Klavierkünsten? Walter Thumann schätzt für sich selbst, er habe wohl das Niveau eines Zehntklässlers am Camerloher-Gymnasium. Als Klavierbauer selbst Klavier spielen zu können, gehört für ihn einfach dazu. „Sonst geht die Musik nicht in die Seele.“ Und es ist auch wichtig, weil jedes der Klaviere, die Thumann selbst verkauft, von ihm selbst erst fünf bis sechs Stunden lang eingespielt und gestimmt wird, bevor es seinen Laden verlässt und hinaus in die weite Welt der Musik geht. Echtes, wahres Handwerk eben. Und nicht selten, so weiß der Giggenhausener, stehen Klaviere – also: gute Klaviere – auch dann noch in Wohnungen, wenn sei gar nicht mehr gespielt werden. Denn es hängen Erinnerungen dran, es wegzugeben, tue vielen Menschen in der Seele weh. Manchmal aber, wenn Weihnachten naht und der Klassiker „Stille Nacht“ dann doch gut klingen soll, suchen die Besitzer einen Mann, der das alte Klavier wieder stimmt. Und meist rufen sie Walter Thumann an. Den Letzten seiner Zunft im weiten Umkreis.

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