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Natürlicher Duckreflex: Bei drohender Gefahr ducken sich Rehkitze ins hohe Gras. Vor den scharfen Messern der Mähmaschinen gibt es für die Tiere kein Entkommen. Sie werden verstümmelt oder getötet. 

Rehkitz niedergemäht

Rehkitz niedergemäht: Landwirte „stehlen sich aus der Verantwortung“

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Es ist ein sich turnusmäßig wiederholendes Drama: Mit Beginn der Mahd werden unzählige Rehkitze, Hasen und Vögel Opfer von Maschinen, vor deren scharfen Messern es für die Tiere kein Entrinnen gibt. Jäger Josef Petz will sich das Elend nun nicht mehr länger ansehen – und fordert endlich Konsequenzen.

Freising– Es ist Freitagfrüh gegen 4.30 Uhr. Josef Petz streift mit seinen vier Hunden über ein Feld in Vötting. Was der erfahrene Jäger schließlich im Gras zu sehen bekommt, versetzt ihn regelrecht in Rage: Ein Rehkitz – oder besser gesagt das, was von ihm noch übrig ist – liegt völlig verstümmelt vor ihm. Es ist unter die Messer einer Mähmaschine geraten, die das Tier fast bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet haben. „Die Läufe waren weg, Rücken und Kopf waren offen“, schildert der Waidmann das Erlebnis, das bei ihm das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Bilder, die er davon gemacht hat, sind zu brutal für eine Veröffentlichung.

„Es hat offensichtlich unheimlich leiden müssen und ist elendig zugrunde gegangen“, zürnt der Jäger, der auf rund 45 Jahre Erfahrung zurückblicken kann und einen eindeutigen Trend beobachtet: „Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.“ Und es sind bei weitem nicht nur Rehkitze, die den Messern zum Opfer fallen. Hasen, Rebhühner, Fasane und Bodenbrüter. Petz hat schon die Kadaver von unzähligen verendeten Tieren aufgesammelt. Eine Katastrophe für die hiesige Natur. „Dieser Artenschwund zieht einen Rattenschwanz nach sich.“

Als Schuldige hat der Jäger, der keine Namen nennen möchte – sich aber nicht vor einer Konfrontation scheut – die Betreiber von Biogasanlagen und die Bauern ausgemacht. „Der Großteil unserer Landwirte hat ja gar keine Rinder mehr. Die verkaufen ihr Gras an die Biogasanlagen. Die zahlen gut dafür.“ Seit vielfach auf Biogas gesetzt werde, werde bis zu fünf Mal pro Jahr gemäht.

Sicher, räumt Petz ein. „Es sind nicht alle. Es gibt durchaus auch noch Bauern, denen das ans Herz geht.“ Doch einigen wirft er vor, schlicht zu „faul“ zu sein, Maßnahmen gegen das „einfach unnötige“ Sterben zu ergreifen. „Die investieren zwar 200 000 Euro in ihr Mähgerät, für die Rehe haben sie aber nichts übrig.“ Dabei wären Lösungen seiner Ansicht nach weder aufwendig noch teuer. Es gebe Geräte, die verschiedene Pfeiftöne und Lichtsignale aussenden, die die Geißen zur Flucht aus den Feldern veranlassen. Petz: „Ich habe das selbst kürzlich ausprobiert und es funktioniert.“

Zudem gebe es Drohnen mit Wärmebildkameras sowie Infrarot-Detektoren, die auf die Wärme des Wildes mit einem Ton- oder Lichtsignal reagieren (wir berichteten im Bayernteil). Es könne nicht sein, „dass wir Jäger das zusammenklauben, was andere übrig lassen“, findet Petz. Er fordert deshalb Landwirte und Co. dazu auf, sich nicht länger aus der Verantwortung zu stehlen. Überdies müsse es endlich tierschutzgerechte Verträge mit den Betreibern der Biogasanlagen geben. Außerdem könne man mit einer weiteren, simplen Maßnahme, das Leben vieler Tiere schützen. „Würde erst ab Juli gemäht, wäre das Problem viel kleiner.“

Georg Radlmaier, Kreisobmann des Bauernverbands, möchte den Vorwurf, sein Stand sei herzlos, nicht stehen lassen. „Viele Landwirte haben Tiere – und Lebewesen sind ihnen sicher nicht gleichgültig“, so der 59-Jährige. Vermeiden ließen sich derlei Unfälle bedauerlicherweise aber nicht. Aus eigener Erfahrung weiß Radlmaier, dass es trotz der inzwischen größeren Rehpopulation früher häufiger Opfer gegeben habe. Dennoch: „Jedes Einzelne ist natürlich eines zu viel. So was tut einem in der Seele weh.“ Außerdem, so der Landwirt, der selbst etwa 20 Hektar Grünland sowie 30 Hektar Acker bewirtschaftet, könne ein Bauer naturgemäß kein Interesse an toten Rehkitzen im Feld haben. Stichwort Botulismus. Giftstoffe, die durch das tote Tier entstehen und sich im Gras verbreiten, das zu Silage verarbeitet werden soll. Rinder, die das Futter schließlich bekommen, können daran verenden. „Dieses Risiko geht niemand ein.“

Problematisch sei natürlich der Zeitdruck, unter dem die Bauern heutzutage stehen. „Wenn nur kurz gutes Wetter vorhergesagt ist, pressiert’s. Da kann man schon einen Kontrollgang machen, aber eben nicht lange warten“, so der Wolfersdorfer.

Schwer nachvollziehbar ist für den Obmann auch das Argument, dass viel Gras in die Biogasproduktion gehen soll. „Das machen bei uns nur wenige.“ Insgesamt ist Radlmaier überzeugt: „Der Großteil der Bauern gibt sich große Mühe, keine Tiere zu verletzen oder zu töten.“

Laut Walter Bott, Vorsitzender des Kreisjagdvereins, seien keine signifikanten Anstiege bei der Tötung von Rehkitzen im Landkreis bekannt. Gesetzliche Grundlagen, informiert Landratsamts-Pressesprecherin Eva Dörpinghaus, „sind unseres Wissens nicht gegeben“. Das Tierschutzgesetz sei „nur dahingehend zu beachten, wenn ein Tier verletzt wurde“. Im schlimmsten Fall sei der Jagdpächter zur Tötung des verletzten Tieres hinzuzuziehen, wenn die Verletzungen zu schwerwiegend sind „oder der Verursacher nimmt das selbst vor, um dem Tier Schmerzen und das Leid zu ersparen“. Der Einsatz von Drohnen scheitere jedoch oft an der Kostenfrage. Zudem stünden diese nicht immer zur Verfügung, seien witterungsabhängig und würden lediglich in den frühen Morgenstunden funktionieren.

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