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Ihre verzweifelte Lage schilderten FT-Redakteurin Andrea Schillinger: Rudolf Fabisch, Manuela Bichlmeier und Anja Zacherl (v. l.). Ihr Appell an die Verantwortlichen: „Lasst uns nicht hängen!“

Nahende Schließung des Gebrauchtwaren-Kaufhauses

Rentabel-Mitarbeiter klagen an: "Wir sind keine Schmarotzer"

Freising - Rentabel und „Nowaswert“ werden schließen. Das ist seit Oktober bekannt. Was die meisten aber nicht wissen: Mit dem Aus der Gebrauchtwaren-Kaufhäuser in Freising und Moosburg wird das Schicksal von Menschen besiegelt, die hier eine berufliche Zukunft fanden, nach der sie lange und oft verzweifelt gesucht haben. Drei Betroffene klagen an.

„Wir sind von Rentabel und würden gerne unsere Geschichte erzählen.“ Es ist Donnerstagfrüh in der FT-Redaktion, als zwei Frauen und ein Mann in der Tür stehen und vorsichtig um ein Gespräch bitten. Wir nehmen uns Zeit für ihre Geschichte, die wir eigentlich schon zu kennen glauben. Doch die Drei erzählen sie aus einem anderen Blickwinkel.

Ihr Schicksal lässt aufhorchen: Rudolf Fabisch (49), Anja Zacherl (26) und Manuela Bichlmeier (29) arbeiten im Freisinger Gebrauchtwaren-Kaufhaus Rentabel. Ende Oktober bricht eine Welt für sie zusammen. Rudolf Fabisch hat an dem Tag Urlaub, als verkündet wird, dass die Gebrauchtwarenkaufhäuser keine Zukunft mehr haben. Er hört es im Radio, dass er bald wieder arbeitslos sein wird. Anja Zacherl und Manuela Bichlmeier werden von ihrer Chefin, Fachdienstleiterin Andrea Lachner, darüber in Kenntnis gesetzt. Sie kommt in die Kepserstraße, um schweren Herzens die schlechte Nachricht zu überbringen. Damit platzt ein Traum. 

Nur wenige Monate zuvor sind die jungen Frauen bei Rentabel vom Ein-Euro-Jobber in ein festes Angestelltenverhältnis aufgestiegen. All die Freude über diesen für beide so wichtigen Schritt in eine sichere Zukunft ist dahin. Rentabel ist, wie sie erzählen, nicht in erster Linie ein Kaufhaus, sondern ein Projekt. Ein Projekt, durch das Langzeitarbeitslose den ersten Schritt in einen geregelten Alltag gehen – als vom Arbeitsamt vermittelte Ein-Euro-Jobber. Es ist ein Projekt, in dem Straffällige ihre Sozialstunden ableisten. Und es ist ein Projekt, bei dem sozial Schwache Dinge des alltäglichen Lebens finden – Möbel, Kleidung, Haushaltswaren – die sie sich auch leisten können.

„Es war auch nie so gedacht, dass sich Rentabel mal selbst trägt – es ist kein wirtschaftlicher Betrieb“, sagt Anja Zacherl. Dass aber gerade das jetzt der Grund sein soll, wieso die Caritas Rentabel schließen muss, könne keiner der dort Beschäftigten – aktuell zehn Festangestellte – verstehen. Stand doch einst die soziale Komponente im Vordergrund. „Diejenigen, die eine Chance brauchen, haben hier eine bekommen – es war und ist für viele der erste Schritt zurück ins Arbeitsleben“, bekräftigt Manuela Bichlmeier. Die Rentabel-Mitarbeiter berichten aber auch davon, wie sie mit einem miserabel schlechten Ruf zu kämpfen haben. Immer wieder bekommen sie zu hören „Das sind nur Alkoholiker und Junkies, die sonst keine Arbeit kriegen“, „Kriminelle“ und „Leute, die sonst zu nichts taugen“. Und genau so fühlen sie sich jetzt, durch die bevorstehende Schließung, auch behandelt: Wie Menschen zweiter Klasse. „Ich hatte damals keine Perspektive – nach eineinhalb Jahren Arbeitslosigkeit wollte mich das Arbeitsamt zum fünften Mal zum Bewerbungstraining schicken“, erinnert sich die 26-jährige Anja. 

Doch die junge Frau weigert sich, etwas zu tun, das ihr „rein gar nichts bringt“. Die Arbeitsagentur schickt sie deshalb als Ein-Euro-Jobberin zu Rentabel. „Das war als Strafe gedacht, weil ich gesagt habe, ich will lieber irgendetwas arbeiten, anstatt mich wieder in eine Maßnahme zu setzen, die mir schon vier Mal nichts gebracht hat.“ Zacherl fühlt sich bei Rentabel aber endlich wieder gebraucht, gut aufgehoben und verstanden. Sie kann ihr Wissen als gelernte Bürokauffrau in der Logistik einbringen und hat eine Freude an dem, was sie tut – erstmals seit eineinhalb Jahren. Als eine Stelle in der Logistik frei wird, wird sie über eine Zeitarbeitsfirma angestellt. Manuela trifft es noch besser: Am 5. November bietet ihr die Caritas eine Festanstellung bei Rentabel an. „Ich bin als ASS’ler gestartet“, erzählt Richard Fabisch. ASS steht für „Arbeit statt Strafe“ und ist nichts anderes als der landläufig unter dem Begriff Sozialstunden bekannte Dienst in einer gemeinnützigen Einrichtung. Es folgte ein halbes Jahr als Ein-Euro-Jobber. Seit eineinhalb Jahren ist er angestellt. Befristet. Sein Vertrag läuft jetzt, nach dieser Hiobsbotschaft, zum 31. Januar 2016 aus. „Die Nachricht vom Aus von Rentabel war quasi meine Kündigung.“

Doch anstatt sich krankschreiben zu lassen, wie es manch anderer tun würde, fährt er jeden Tag in die Kepserstraße, organisiert und fährt die Touren, in denen die Möbel abgeholt und zu Rentabel gebracht werden. Er will, so lange es geht, Teil dieses wunderbaren Teams bleiben. „So etwas hab’ ich noch nie erlebt – der Arbeitsalltag ist geprägt von Respekt voreinander und Verständnis füreinander“, erzählen alle drei. „Hier hast du nicht das Gefühl, perfekt sein zu müssen – weil jeder hier seine Geschichte hat.“ Fabisch weiß nicht, wie es nach dem 31. Januar 2016 weitergehen soll. „Ich bin 49 Jahre alt und hab’ nichts gelernt. Wo soll ich hin?“ Fabisch, Zacherl und Bichlmeier sind bitter enttäuscht, dass „bei den Debatten um die Zukunft von Rentabel immer nur das Wirtschaftliche im Vordergrund steht.“ Und dass diejenigen, die den Mund aufmachen und etwas bewegen könnten, dies nicht tun. An wen genau sie da denken? „An die Politiker, den Landrat, den Oberbürgermeister von Freising.“

Rentabel sei ein Projekt, das erhalten bleiben muss, sagt Zacherl. „Es ist ein Ort, an dem es noch echte Chancen gibt“. Chancen für Menschen, die arbeiten und etwas tun wollen, aber nicht zur Gänze können. „Noch nicht“, wie Zacherl betont. „Wir sind keine Schmarotzer. Wir wollen was tun, wollen arbeiten – und das können wir dank Rentabel jeden Tag beweisen."

Andrea Schillinger

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