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Auf der Flucht vor den Taliban und Putin: Zwei afghanische Schwestern kämpfen um ihre Zukunft in Freising

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„Wir haben keine Zeit mehr zu verschenken“: Die beiden Schwestern Fatima und Shabnam kämpfen um eine möglichst schnelle Integration im Landkreis Freising. Unterstützung erhalten sie dafür in der Auseinandersetzung mit dem Landratsamt Freising von der FDP-Abgeordneten Julika Sandt und FDP-Kreisrat Tobias Weiskopf.
„Wir haben keine Zeit mehr zu verschenken“: Die beiden Schwestern Fatima und Shabnam kämpfen um eine möglichst schnelle Integration im Landkreis Freising. Unterstützung erhalten sie dafür in der Auseinandersetzung mit dem Landratsamt Freising von der FDP-Abgeordneten Julika Sandt und FDP-Kreisrat Tobias Weiskopf. © Eser

Erst flohen sie vor den Taliban, dann vor russischen Panzer. Nun sind zwei Schwestern aus Afghanistan im Kreis Freising gelandet - und kämpfen darum, hier zu bleiben.

Landkreis – Sie zählten zu den ersten weiblichen Flugbegleiter in Afghanistan und flogen mit großen Persönlichkeiten an Bord um die Welt. Doch dann mussten Fatima (26) und Shabnam H. (24, Namen geändert) erst vor den Taliban, dann vor Putin fliehen. Nach der Erfahrung zweier Kriege innerhalb eines halben Jahres sind die beiden Schwestern jetzt im Landkreis Freising gelandet – und wollen nur eines: leben. Allerdings macht das Landratsamt ihnen genau das schwer.

Wir hatten keine andere Wahl, als zu fliehen.

Shabnam H.

„Es ist total unfair“, sagt Fatima H. Vier Worte, die sich auf den Umgang der Kreis-Behörde mit ihr und ihrer Schwester beziehen, aber auch auf ihr ganzes bisheriges Leben, das von Vertreibung und Flucht geprägt ist.

Vor noch etwas mehr als einem Jahr sah die Zukunft für Shabnam und Fatima rosig aus, wie sie bei einem Treffen mit unserer Zeitung in fließendem Englisch berichten. Die beiden lebten in Kabul, studierten an der Uni BWL und arbeiteten als Flugbegleiterinnen. Der ehemalige Präsident Hamid Karzai flog bei ihnen mit, und auch den afghanischen Popstar Aryana Sayeed betreuten sie. Trotz der Wirrungen, die damals schon in ihrem Heimatland herrschten, sagt Fatima heute: „Das waren unsere goldenen Jahre.“

Sie endeten abrupt und brutal. Als die Taliban mit dem Abzug der NATO aus Afghanistan die gewählte Regierung stürzten, fühlten sich die beiden Schwestern als Teil einer afghanischen Minderheit, der Hazara, und als moderne Frauen nicht mehr sicher. „Wir hatten keine andere Wahl, als zu fliehen“, betont Shabnam.

Noch im Flieger wissen sie nicht, wo es hingeht

In ihrer „schwärzesten Nacht“ finden sie sich im Chaos des Kabuler Flughafens wieder und harren wie Tausende andere verzweifelte Menschen aus, um einen Platz in einem der wenigen, rettenden Flugzeuge zu ergattern. Unter dramatischen Umständen gelingt es ihnen. Noch beim Einstieg in die Maschine wissen sie nicht, wo es für sie hingeht. Erst an Bord erfahren sie, dass das Ziel Kiew heißt – nicht etwa die viel näher gelegene pakistanische Hauptstadt Islamabad, wie sie hoffen.

In der Ukraine machen die beiden tatkräftigen Frauen sofort das Beste aus ihrer Situation. Sie organisieren sich in der Ukraine ein sogenanntes Certificate of Protection, eine Anerkennung ihrer Schutzbedürftigkeit, und nehmen Kontakt zu einer ukrainischen Airline auf. Ohne zu zögern, entscheidet das Unternehmen, Fatima und Shabnam anzustellen. Sie erhalten eine Steuernummer, arbeiten in der Personalabteilung, rekrutieren neue Arbeitskräfte und warten auf den Startschuss für das Training, das sie benötigen, um selbst wieder fliegen zu dürfen. Doch bevor dieses obligatorische Coaching beginnt, rollen die russischen Panzer in die Ukraine. Erneut müssen die Schwestern flüchten – im Gepäck die Papiere, die ihren Aufenthaltsstatus dort dokumentieren.

Internet und öffentliche Verkehrsanbindung sind schlecht

Nach einigem Hin und Her gelangen Fatima und Shabnam über das Ankerzentrum in Fürstenfeldbruck in den Landkreis Freising. Seit 6. Juli sind sie in einer Unterkunft in Rudelzhausen untergebracht – mit 22 anderen Geflüchteten teilen sie sich ein Bad. Die Internetverbindung dort ist mies, noch schlechter aber ist die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Busse fahren dort nur sporadisch und zu Zeiten, die den beiden Schwestern kaum weiterhelfen. Dabei ist es für sie wichtig, gut ins 27 Kilometer entfernte Freising zu kommen: um Termine beim Psychologen wahrzunehmen, Sprachkurse zu besuchen und vor allem Behördengänge zu machen.

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Fatima und Shabnam wollen nach dem Paragrafen 24 des deutschen Aufenthaltsgesetzes im Land bleiben. Denn dann könnten sie hier sofort studieren oder arbeiten – zum Beispiel am Flughafen München, der so händeringend Personal sucht. Der Paragraf 24 wird derzeit regelmäßig bei ukrainischen Staatsbürgern angewandt. Ein Schreiben des Bundesinnenministeriums weist explizit darauf hin, dass auch alle Staatsangehörige von Drittländern anspruchsberechtigt sind, die vor dem 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Angriffs, Schutz in der Ukraine genossen haben.

Landratsamt drängt Frauen in ein Asylverfahren

Genau das aber will das Landratsamt Freising bis dato nicht anerkennen, sondern die beiden Frauen in ein Asylverfahren drängen. Das kann sich über ein Jahr oder länger hinziehen – bei völlig offenem Ergebnis. „Für uns ist das eine Sackgasse“, betont Shabnam. „Wir wollen nicht zur Untätigkeit verdammt sein, sondern etwas aus unserem Leben machen. Wir haben keine Zeit mehr zu verschenken.“

Die beiden afghanischen Frauen berichten, dass ihnen die Sachbearbeiterin im Landratsamt in – gelinde ausgedrückt – unfreundlichem Ton mitgeteilt habe, dass sie einen Aufenthalt nach §24 beantragen könnten, dass der aber wohl nicht bewilligt werde. Beide müssten dafür zudem 100 Euro an Gebühren bezahlen – bei einem Satz von 330 Euro Sozialhilfe monatlich birgt das ein hohes Abschreckungspotential.

FDP-Abgeordnete schreibt an Innenminister

Auf FT-Nachfrage teilte das Landratsamt mit, dass mit den Dokumenten, die die beiden Frauen dem Ausländeramt vorgelegt haben, „kein rechtmäßiger Aufenthalt in der Ukraine nachgewiesen werden“ konnte. Laut Weisungslage komme daher die Ausstellung einer Aufenthaltserlaubnis nach §24 nicht in Betracht. Das Vorgehen sei mit der Regierung von Oberbayern und dem Bayerischen Innenministerium abgestimmt. Für die Ablehnung des Antrags werde aber keine Gebühr erhoben.

Für Julika Sandt ist die Haltung des Landratsamtes ein Unding. Die FDP-Landtagsabgeordnete hat die beiden Frauen bei einem Besuch im Ankerzentrum Fürstenfeldbruck kennengelernt. „Sie haben mich dort angesprochen, und ich habe sofort gemerkt, dass sie etwas Besonderes sind. Sie waren Role- Models in ihrem Heimatland und wären ein Gewinn für unsere Region.“ Aus ihrer Sicht haben Fatima und Shabnam ein Recht darauf, über Paragraf 24 aufgenommen zu werden – zumal das Ankerzentrum Fürstenfeldbruck sie auch mit genau dieser Empfehlung nach Freising geschickt hat.

In einem ausführlichen Brief hat sie sich nun an Innenminister Joachim Herrmann persönlich gewandt. Dort schreibt sie unter anderem auf die Rechtsinterpretation des Landratsamtes gemünzt: „Ich habe mich mit mehreren Juristen ausgetauscht, die unisono die Meinung vertreten, das könne nicht zutreffen.“ Sie kritisiert, dass sich die jungen Frauen nach all den schrecklichen Erlebnissen jetzt einem „Behörden-Ping-Pong“ stellen müssten.

FDP-Kreisrat kritisiert Landratsamt als „zu restriktiv“

Der Freisinger FDP-Kreisrat Tobias Weiskopf sieht das ähnlich. „Ich finde, dass das Landratsamt in diesem Fall zu restriktiv vorgeht“, sagt er. „Wir haben es hier mit zwei integrationswilligen, tatkräftigen jungen Frauen zu tun, die ein schweres Schicksal hinter sich haben. Sie haben es verdient, dass man alle Spielräume und alle Mittel ausschöpft, um ihnen zu helfen.“

Fatima und Shabnam haben eine klare Erwartungshaltung ans Landratsamt. „Wir wollen nicht diskriminiert werden“, sagt Fatima, und Shabnam fügt hinzu: „Wir erwarten, dass wir gerecht behandelt werden.“ Beide wissen von mehreren Fällen aus Sachsen, Bremen und Hamburg, wo aus der Ukraine geflüchtete Afghanen nach §24 problemlos aufgenommen wurden. „Die mussten zum Teil lediglich ein Foto von ihren Dokumenten schicken.“

Der Vater starb im Kampf gegen die Taliban

Woher nehmen die beiden nach so vielen traumatischen Erfahrungen ihren Mut und ihre Kraft für den Kampf gegen die Behörden? Von ihrer Mutter, sagen sie. Die musste sich allein um die sechs Kinder kümmern, als der Vater 1997 im Kampf gegen die Taliban starb. Die Familie flüchtete damals nach Pakistan. Die Mutter arbeitete hart als Haushalterin, sparte jeden Groschen, der übrig blieb, um ihre Töchter auf eine gute Schule schicken zu können. „Sie ist eine starke, fokussierte Frau“, sagt Fatima. So wie sie und ihre Schwester.

Dieses Schicksal bewegt Julika Sandt. „Wir Abgeordnete werden immer wieder mit Einzelschicksalen konfrontiert“, sagt sie. Nicht jedem könne man helfen. „Aber das hier ist ein einzigartiger Fall, und daher ist es mir ein großes Bedürfnis zu unterstützen. Für diese tollen jungen Frauen muss es doch jetzt endlich einmal ein glückliches Ende geben.“

Gut zu wissen

Über das Schicksal der beiden Schwestern berichtete bereits CNN, als sie sich noch in der Ukraine aufhielten. In Folge der Berichterstattung mussten Familienangehörige, die sich noch in Afghanistan befinden, Kabul verlassen. Aus diesem Grund haben wir auf Wunsch der beiden ihre Namen geändert und sie nicht von vorne fotografiert.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Freising finden Sie auf Merkur.de/Freising.

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