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Der Traum geht in Erfüllung: Lawand (rechts) darf bei seinem älteren Bruder Jeker in Moosburg bleiben. Die Behörden wollten ihn eigentlich nach Dortmund schicken. Unsere Zeitung nahm sich des Schicksals des Jungen an.

Schicksal der Brüder bewegt

Drama geht gut aus: Syrische Brüder bleiben zusammen

Moosburg - Sein Schicksal hat Menschen in ganz Oberbayern bewegt. Jetzt nimmt die Geschichte des jugendlichen Flüchtlings Lawand ein gutes Ende: Er darf bei seinem älteren Bruder bleiben.

Für Lawand hat das Glück einen Namen: Reinhard Kastorff. Wäre der 66-jährige Flüchtlingsbetreuer aus Moosburg (Kreis Freising) nicht gewesen, hätte das Schicksal des jungen Kurden wohl einen anderen Verlauf genommen. Einen unguten. So aber darf ihn sein Bruder Jeker, bei dem Lawand gerne unterkommen möchte, wohl endgültig in die Arme schließen. Die Regierung von Oberbayern gab dazu gestern ihren Segen.

Dafür hatte Kastorff tagelang gekämpft. Dafür hatte er nicht einmal davor zurückgeschreckt, das Gesetz zu brechen. Umso größer ist jetzt seine Erleichterung: „Ich empfinde Freude und Genugtuung zugleich.“

Wie berichtet, ist Lawand vor dem Bürgerkrieg aus Syrien geflohen und über verschlungenen Wegen nach Deutschland gekommen. Das Ziel, das der 17 oder 18 Jahre alte Kurde (sein Geburtsdatum ist unbekannt) nie aus dem Auge verloren hat – nicht in der Türkei, nicht auf einem überfüllten Schlepperschiff nach Italien und auch nicht im Zug nach Deutschland: sein älterer Bruder Jeker. Der ist Lawands großes Vorbild. Denn der 25-Jährige, der 2013 nach Deutschland gekommen ist, hat es geschafft: Er arbeitet als Hausmeister im Klinikum Freising, ist daher nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen und hat sogar eine eigene Wohnung.

Als Lawand sich per Handy aus dem Auffanglager in München meldet, war für Jeker klar: „Mein Bruder soll nicht wieder weg.“ Er soll bei ihm Unterkunft finden. Die Regierung von Oberbayern wollte Lawand jedoch zunächst nach Dortmund schicken. Der Weiterleitungsbescheid war bereits mit einem Stempel versehen, das Zugticket hatte der junge Mann schon in der Hand.

Doch dann kam Kastorff ins Spiel, den Jeker noch von seiner Zeit als Asylbewerber kannte, und den er um Hilfe bat. Der 66-Jährige reagierte prompt. Statt Lawand nach Dortmund fahren zu lassen, nahm er ihn bei sich auf – eine ungewöhnliche Unterstützung, eine illegale Aktion. Doch Kastorff erreicht eine Welle der Solidarität. Die Geschichte von Lawand bewegt Menschen aus ganz Oberbayern. Auf die Berichterstattung in unserer Zeitung hin erklärte sich ein Mann aus Bad Aibling spontan bereit, Lawand einen Anorak zu kaufen. Er hatte auf dem Foto gesehen, dass der junge Kurde nur eine dünne Jacke trägt. Kastorff berichtet, dass immer wieder Menschen bei ihm angerufen hätten, um ihm ihre Solidarität zu bekunden und Mut zuzusprechen.

Den wichtigsten Anruf aber erhielt er gestern. Am anderen Ende der Leitung: eine Mitarbeiterin der Regierung von Oberbayern. „Sie hat mir berichtet, dass sie Lawand papiermäßig aus Dortmund zurückgeholt hat.“ Mit anderen Worten: Der Weiterleitungsbescheid ist vom Tisch. Florian Schlämmer, Sprecher der Regierung, bestätigte das am späten Nachmittag. Lawand müsse sich nun in ein paar Tagen in München registrieren lassen. Und dann kommt die Nachricht, die besser ist, als sie sich selbst Kastorff erhofft hat: „Wir lassen ihn direkt zu seinem Bruder.“

Kastorff, der schon froh gewesen wäre, wenn der junge Kurde in einer Sammelunterkunft im Kreis Freising untergekommen wäre, reagiert angemessen erfreut: „Das zeigt, dass die von der Regierung auch keine Unmenschen sind. Jetzt muss ich sie fast ein wenig loben.“ Er selbst konnte sich am frühen Abend, als er den beiden Kurden die guten Nachrichten überbrachte, kaum des überschwänglichen Danks erwehren.

Vor allem Lawand, der noch vor einer Woche zusammengekauert in Kastorffs Wohnung gesessen hatte, wusste gar nicht, wem er zuerst in die Arme springen sollte: seinem Bruder oder doch seinem so couragierten Fürsprecher.

Gute Nachrichten kamen auch aus dem Büro des Freisinger Landtagsabgeordneten Christian Magerl. Sein Referent Johannes Becher hatte für Lawand ebenfalls alle Register gezogen, unter andere einen offenen Brief an das Amt für Migration und Flüchtlinge geschickt. Gestern kam die Antwort. „Sie haben sich zwar Sorgen gemacht, weil Lawand nicht in Dortmund erschienen ist“, berichtete Becher. „Aber sie legen der Zusammenführung der Brüder keine Steine in den Weg.“ Der Fall zeige aber die strukturellen Probleme bei der Regierung und die Überlastung der Mitarbeiter. „Dass es bei einem einfachen Fall relativ lange dauert, bis es zu einer einfachen Lösung kommt, ist schade.“

Jetzt aber könnte alles ganz schnell gehen. Sobald Lawand registriert ist, dürfte das Asylprüfungsverfahren beginnen, erklärt Kastorff. Und bei Syrern gehe das – aufgrund der prekären Situation in deren Heimatland – geschwind. Der 66-Jährige ist sich sicher: „Er bekommt noch dieses Jahr seine Anerkennung als Flüchtling. Wahrscheinlich können wir sie ihm unter den Weihnachtsbaum legen.“

Manuel Eser

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