Geflügelhalter und Züchter in der Bredouille

Stallpflicht: Der Ausnahmezustand wird zur Alltagsqual

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Landkreis - Vor genau drei Monaten wurde die Stallpflicht über Bayern verhängt. Ein Ende ist nicht in Sicht. Für Halter und Züchter von Geflügel ist der Ausnahmezustand eine Zerreißprobe. Einiges steht auf dem Spiel – das Wohl der Tiere, der Erhalt der Artenvielfalt und viel Geld.

Franz und Lydia Lochinger wurden glatt für verrückt erklärt. Beide hatten einen sicheren Job – er Informatiker, sie Bankangestellte. 2009 haben sie sich dazu entschieden, einen Bauernhof zu übernehmen. „Alle haben gemeint, die spinnen“, berichtet Franz Lochinger. „Jeder hört mit der Landwirtschaft auf, nur wir fangen an.“ Die beiden 58-Jährigen haben in ihrer neuen Arbeit Erfüllung gefunden. Aus den 50 Hühnern, die die beiden zu Beginn hatte, sind inzwischen rund 1200 geworden. Doch jetzt macht das Paar aus Bergen (Gemeinde Wang) die Erfahrung, welch hartes Brot die Landwirtschaft sein kann. Seit 18. November 2016 gilt in Bayern die Stallpflicht. Umweltministerin Ulrike Scharf hat den Krisenplan ausgerufen, um das Hausgeflügel vor der Vogelgrippe zu schützen, die über Wildvögel ins Land eingeschleppt wird.

Franz und Lydia Lochinger aus Bergen sind Bio-Landwirte.

Lydia Lochinger betont, dass sie und ihr Mann zu dieser Regelung stehen. „Denn das Schlimmste wäre, dass sich unsere Tiere anstecken und gekeult werden müssen.“ Die Hoffnung, dass die Stallpflicht schnell vergeht, hat sich indes zerschlagen. Aus dem Ausnahmezustand ist ein Alltag unter Höchstbelastung geworden. Dabei sind die Lochingers besser dran als andere. Weil sie ein Bio-Zertifikat besitzen, gehören sie zu den wenigen Geflügelhaltern im Landkreis, die jetzt noch Freilandeier auszeichnen dürfen. „Wir haben in unseren Ställen weniger Tiere mit mehr Freiraum. Daher gibt es für uns eine Ausnahmegenehmigung“, erklärt Lydia Lochinger.

Doch selbst im Deluxe-Stall kann einem nach über zwölf Wochen die Decke auf den Kopf fallen. „Langsam wird es problematisch. Man merkt, dass es den Hühnern langweilig wird“, berichtet die 58-Jährige. Zum Glück würden sich die Tiere noch nicht gegenseitig anpicken, aber sobald es wärmer wird, steigt der Druck. „Wenn erst mal die Sonne da ist, bekommen auch Hühner Frühlingsgefühle.“

Doch das Landratsamt macht wenig Hoffnung, sagt Lydia Lochinger. Bei einem Telefonat mit dem Veterinäramt sei ihr mitgeteilt worden, dass sich die Stallpflicht noch bis zum Mai hinziehen könnte. Bis dahin aber wollen die Züchter aus Bergen ihren mobilen Stall längst umgesiedelt haben – dorthin, wo es wieder frisches Grün gibt. „Der Stall wird auf Kufen von zwei Traktoren geschleppt“, erklärt sie. Dabei müssten die Klappen eingezogen werden. Zwar würden bei der Aktion Netze gespannt, aber die seien nicht so dicht, dass nicht doch Hühner ausbüchsen könnten. „Ich hoffe daher, dass wir eine Sondergenehmigung bekommen.“

Die Stallpflicht kostet konventionelle Haller Tausende von Euro

Für die konventionellen Halter sind die Konsequenzen schon jetzt enorm. Denn die Zwölf-Wochen-Frist, in denen sie Eier ihrer Tiere trotz Stallpflicht als Freilandprodukte verkaufen dürfen, ist Anfang dieser Woche zu Ende gegangen. Wie die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft mitteilt, müssen Eier, die nach Ablauf dieser Zeit gelegt werden, mit dem Erzeugercode einer anderen Haltungsart gestempelt werden – in der Regel als Produkte aus Bodenhaltung. Auch die Kennzeichnung auf der Verpackung muss dann geändert werden.

Hubert Schranner aus Hörgertshausen ist konventioneller Züchter.

„Bei uns herrscht eine große Verunsicherung“, räumt Hubert Schranner ein. Vor drei Jahren hat der Landwirt aus Hörgertshausen eine Million Euro in einen Stall investiert, der über einen großen Wintergarten verfügt und somit für Freilandhaltung geeignet ist. „Das hat um 200 000 Euro mehr gekostet als ein reiner Bodenhaltungsstall“, berichtet der Besitzer von rund 12 000 Hühnern. Die Mehrkosten hat er aus Überzeugung in Kauf genommen – weil es den Hühnern besser geht, weil immer mehr Verbraucher nur noch Eier aus Freilandhaltung kaufen, und weil sich die Investition letztendlich rechnet, weil ein höherer Preis erzielt werden kann. Er bekommt pro Ei vier Cent mehr als Landwirte, die auf Bodenhaltung setzen.

Umso größer sind die Verluste, wenn der 38-Jährige keine Freilandeier mehr deklarieren kann. „Meine Hühner legen 11 000 Eier pro Tag. Das bedeutet einen Verlust von 400 bis 500 Euro pro Tag.“ Angenommen, die Stallpflicht würde bis Ende April andauern, wäre das ein Mindererlös von rund 35 000 Euro. Hinzu kommen höhere Ausgaben. „Normal würden die Hühner draußen herumlaufen, picken und scharren“, sagt er. Nun muss er mit der Anschaffung von Picksteinen und luzernen Heuballen dafür sorgen, dass die Tiere ihre Triebe im Stall befriedigen können. Dazu kommt eine Stunde mehr Arbeit pro Tag – etwa, um die Hühner auf Verhaltensauffälligkeiten zu überprüfen.

Allein der Gang in den Stall kostet Zeit. Denn aufgrund der Vogelgrippe herrschen strenge Hygiene-Vorschriften. Schranner muss einen Overall und Gummistiefel anziehen – Kleidung, die den geschützten Bereich nie verlassen darf. „Denn ein Gramm infizierter Entenkot reicht aus, um eine Milliarde Tiere zu infizieren“, erläutert er. Die Ansteckung eines Huhns aber wäre noch viel schlimmer als 100 Tage Stallpflicht. Müsste er seinen kompletten Stall keulen, würde die Tierseuchenkasse zwar den Zeitwert der Hühner zahlen, nicht aber den Verdienstausfall, bis nach sechs Monaten eine neue Herde wieder eine gewinnbringende Anzahl von Eiern legt. Was Schranner nicht versteht: Warum Bio-Bauern Ausnahmegenehmigungen bekommen, und er nicht. „Nichts gegen Bio, aber wir haben auch höhere Kosten und wollen deshalb gleichbehandelt werden.“

Allergisch reagiert Schranner auch, wenn er Hobby-Geflügelzüchter sieht, die ihre Tiere ins Freie lassen. Gerade erst habe er einen Nachbarn freundlich, aber bestimmt auf die Stallpflicht hingewiesen. „Wenn sich seine Tiere anstecken, muss alles Geflügel im Umkreis von einem Kilometer gekeult werden“, sagt Schranner. Dann wäre auch er dran – und der Züchter. „Denn eines ist klar“, betont er. „Dann würde ich Schadensersatzansprüche geltend machen.“

Das Schlimmste ist, wenn der Züchter zum Henker werden muss

Gerhard Kronauer kennt diese Gefahr nur zu gut. Der 50-Jährige hat in Freising vor einigen Jahren dem stagnierenden Geflügelzuchtverein neuen Auftrieb verschafft aufgebaut. Seitdem er dort 2011 das Zepter übernommen hat, sind aus 45 Mitgliedern knapp 90 geworden. Jetzt muss er sie für die prekäre Situation sensibilisieren. Denn neben Regress-Forderungen drohen den Züchtern auch strafrechtliche Konsequenzen, wenn sie sich nicht an die staatlichen Vorgaben halten.

„Wir halten uns klar an die Vorgaben, aber für uns ist das eine große Herausforderung“, betont Kronauer. Denn die Stallungen sind bei Hobbyzüchtern in der Regel nicht darauf ausgelegt, dass sie das Geflügel Tag und Nacht beherbergen. Dazu kommt, dass Züchter meist verschiedene Rassen halten, die ebenfalls nicht unter einem Dach untergebracht werden können. „Denn dann kann es zu gegenseitigen Verletzungen aus Rangordnungskämpfen führen.“ Anders ausgedrückt: Es gibt Mord und Totschlag. So sind die Züchter gezwungen, mehrere Schutzvolieren anzulegen, die darauf ausgerichtet sind, dass von oben kein Kot und von der Seite kein Wildgeflügel eindringen kann.

Gerhard Kronauser aus Freising ist Hobby-Geflügelzüchter.

Dass sie zum Werkzeug greifen müssen, sind die Züchter gewohnt. Viel schlimmer ist es für sie, ihre Viecher leiden zu sehen. „Dass wir sie über Monate nicht rauslassen können, ist eine Zumutung“, sagt Kronauer. „Unsere Tiere haben eine höhere Vitalität und einen größeren Freiheitsdrang als die Hybrid-Hühner von Haltern, die auf Leistungsfähigkeit ausgelegt sind.“ Vor den nächsten Wochen graut Kronauer schon – wenn die Tage länger werden, die Sonne kräftiger scheint, und der Fortpflanzungstrieb der Tiere erwacht. „Wenn die ersten Küken kommen, wird das Problem explodieren.“ Schon jetzt haben etliche Züchter einfach nicht den Platz, alle Tiere im Stall unterzubringen. Das bedeutet, dass sie zur Keulung gezwungen sind. Der Züchter muss zum Henker werden. Das ist das Schlimmste, betont der 50-Jährige. „Denn uns geht es nicht um fünf Cent pro Ei, sondern wir lieben einfach unsere Tiere.“

Deshalb sieht Kronauer auch die Gefahr, dass viele Züchter ihr Hobby aufgrund dieser Erfahrungen wieder an den Nagel hängen. „Und das führt letztendlich zum Artensterben.“ Diese Entwicklung aber könnten auch die Geflügelhalter nicht wollen. „Wenn es keine Züchter mehr gibt, dann gibt es auch die Hybrid-Hühner für die Landwirte nicht mehr.“ Der Lerchenfelder fordert daher, künftig mehr in die Forschung zu investieren. „Wir müssen wissen, welche Übertragungswege für den Vogelgrippe-Virus konkret ursächlich sind und daraus ein Präventionskonzept erarbeiten, das der realen Situation gerecht wird und im Interesse des Tierwohls nur zu wirklich notwendigen Restriktionen führt. Denn wer sagt denn, dass die Seuche nicht im kommenden Winter zurückkehrt?“

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