„Ich glaube, dass sich unsere Idee durchsetzen wird“: Professor Wolfgang Weisser will in der Stadt mehr Lebensräume für Tiere schaffen.
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„Ich glaube, dass sich unsere Idee durchsetzen wird“: Professor Wolfgang Weisser will in der Stadt mehr Lebensräume für Tiere schaffen.

Bauboom und Naturschutz vereinen

Immer mehr Tiere verschwinden aus den Städten – TUM-Professor will das ändern

Mit dem Bauboom verschwinden immer mehr Grünflächen in Städten - und mit ihnen die Tiere. Ein Professor der TUM will den Trend umkehren - mit Methode.

Nicht nur der Wald, sondern auch die Stadt ist ein Lebensraum für Tiere. Traditionell tummeln sich Vögel, Insekten, Igel und Fledermäuse im urbanen Raum, weil sie hier neben einem warmen Klima ein großes Nahrungsangebot und vielfältig begrünte Flächen als Lebensraum vorfinden. Bisher. Doch immer mehr dieser Areale fallen großräumigen Nachverdichtungen zum Opfer. Eine fatale Entwicklung, findet Professor Wolfgang Weisser von der Technischen Universität München (TUM).

Der Biologe, Inhaber des Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie an der TUM School of Life Sciences in Freising-Weihenstephan, verweist darauf, dass die Menschen schon immer mit Tieren zusammengelebt haben. „Schon die Jäger und Sammler.“ Erst in der modernen Welt habe man eine künstliche Trennung vorgenommen. Auf der einen Seite die Stadt als Lebensraum der Menschen, auf der anderen Seite Naturräume, etwa Nationalparks, als Revier der Tiere.

Weisser hält diese künstlich vorgenommene Trennung für falsch. „Die Stadtnatur dient dem Menschen zur Erholung und zur Geselligkeit. Das Vorkommen von Tieren ist dabei ein wichtiger Teil dieser Erfahrung.“ Gerade die Corona-Zeit mit ihren eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten habe das deutlich gemacht. „Der Drang, mal raus zu müssen, um sich zu entspannen, kann durch Naturerfahrung im direkten Wohnumfeld gestillt werden.“

„Wir denken an Parkplätze, aber nicht an den Lebensraum von Tieren“

Durch den Bauboom gehen aber nicht nur Erholungsräume verloren, er hat auch gesundheitliche Folgen. Weisser verweist auf Studien, die belegen, dass Menschen, die in Städten wohnen, viel mehr unter Allergien leiden als diejenigen, die auf dem Land leben und viel mehr Berührung mit Natur und Tieren haben.

Der Professor ist daher davon überzeugt, dass es für die Stadtmenschen schädlich wäre, wenn die Vielfalt an Tieren im urbanen Raum verloren ginge. „Das genau aber wird passieren, wenn wir die Tiere bei der Realisierung neuer Baukomplexe nicht mitplanen.“ Gemeinsam mit Dr. Thomas Hauck, der früher an der TUM geforscht hat und nach einer Station in Kassel nun Professor für Landschaftsarchitektur an der Universität Wien ist, hat er daher eine Strategie entworfen, die Wohnungsbau und Naturschutz miteinander in Einklang bringen: Animal-Aided Design (AAD).

„Wenn wir Menschen bauen, denken wir Parkplätze automatisch mit, nicht aber den Wohnraum für Tiere“, sagt Weisser. AAD soll das ändern. Es ist eine Planungs- und Entwurfsmethode, die als Schnittstelle unterschiedlichster Fachdisziplinen der Stadtplanung dienen soll - von Architektur über Landschaftsarchitektur bis Verkehrsplanung.

Praktische Erfahrungen mit seiner Methode hat Professor Wolfgang Weisser bei einem Nachverdichtungsprojekt in München Laim gesammelt. Hier wurde Lebensraum für Igel, Haussperling, Grünspecht und Zwergfledermaus geschaffen.

Die Beteiligten dürfen sich die Wildtiere selbst aussuchen

Schon am Anfang architektonischer Planungen sollte dabei die Frage beantwortet werden, welche Tiere in dem Freiraum vorkommen sollen. Entsprechend ihrer Grundbedürfnisse gilt es dann, (landschafts-)bauliche Maßnahmen zu treffen. Beim Auswahlprozess sollen die verschiedenen Akteure vor Ort miteinbezogen werden, erklärt Weisser. „Es wird niemandem per Gesetz etwas aufgezwungen, sondern wir wollen allen Akteuren - der Stadt, Baufirmen und den Menschen - etwas geben.“

Bisherige Forschungs- und Bauprojekte bestätigen, dass es sich um eine wirksame Methode handelt. In München-Laim etwa wurde bei einem Nachverdichtungsprojekt Lebensraum für Igel, Haussperling, Grünspecht und Zwergfledermaus geschaffen – in Kooperation mit dem Bauträger, den Architekten und dem Landschaftsarchitekturbüro und gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz.

„Wir haben vier Arten herausgesucht und geschaut, möglichst viel anzubieten, was sie zum Leben brauchen“, berichtet Weisser. So wurde etwa die Pflanzplanung angepasst, Wohnraum für Spatzen und Zwergfledermäuse in der Fassade geschaffen und eine „Igelschulbade“ als Tagesquartier und Überwinterungsmöglichkeit installiert. Spechtlaternen dienen als Ruheplatz für Vögel, bauliche Fallen wurden vermieden, Kellerschächte etwa, aus denen Tiere nicht entkommen können.

„Igelschubladen“ dienen als Tagesquartier und Überwinterungsmöglichkeit in Wohngebieten.

Nicht nur in Deutschland ist das Interesse an AAD enorm

2020 wurde das Projekt in München-Laim fertiggestellt. Seitdem findet ein Monitoring statt, um zu sehen, ob die Zielarten die Planung annehmen. Schon jetzt lernen die Projektpartner viel - darüber, was gut funktioniert, und wo Verbesserungen notwendig sind. „Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass für AAD andere Grünpflege stattfinden muss als in herkömmlichen Anlagen“, berichtet Weisser. Deshalb müsse man den entsprechenden Anbietern spezielle Grünpflege-Pläne an die Hand geben.

Das Wichtigste: Bei den entscheidenden Partnern herrscht große Offenheit für AAD. Das hat sich etwa herausgestellt bei einer Umfrage, an der sich 183 Wohnungsbauunternehmen beteiligt haben: Allgemein stehen sie wildtierfördernden Maßnahmen positiv gegenüber, wenn sich dadurch die Wohnqualität und das Image des Unternehmens verbessern können.

Und auch diejenigen, die dort wohnen (wollen), reagieren positiv, sagt Weisser. Wenn man zehn Arten zur Auswahl stelle, komme ganz oft die Antwort: „Wir wollen alle Tiere.“ Und eben nicht nur die süßen charismatischen, wie etwa skeptische Umweltschützer befürchtet haben. Auch Insekten wie die Sandbiene würden auf offene Ohren stoßen.

Professor Weisser ist überzeugt: „In fünf Jahren wird es eine Menge praktische Beispiele unserer Methode geben.“ Schon jetzt sei die Aufmerksamkeit groß - nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland interessiert man sich sehr für das Projekt „Ich glaube, dass sich unsere Idee durchsetzen wird.“ (Manuel Eser)

„Spechtlaternen“ dienen in Wohngebieten als Ruheplatz für Vögel.

Bürgerinnen und Bürger können auch selbst aktiv werden

Im Rahmen des Verbundprojekts BAYSICS im Bayerischen Netzwerk für Klimaforschung leitet Prof. Weisser das Projekt „Tiere in der Stadt: Umweltgerechtigkeit in Zeiten des Klimawandels“. Das Projekt möchte Bürgerinnen und Bürger in die Sammlung von Daten zum Vorkommen von Tieren in der Stadt (und außerhalb) einbeziehen, um das Verständnis für den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Urbanisierung und dem Vorkommen und Verhalten von Tieren zu fördern. Mittels einer Webanwendung oder App können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Beobachtungen zu Pflanzen, allergenen Arten, Baumgrenzen und Tieren aufnehmen und somit zum Beobachtungsschatz beitragen (siehe auch https://tinyurl.com/wzw-tum-baysics).

Wie Städte künftig aussehen könnten, erforschen mehrere Lehrstühle der TUM, etwa jener für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung an der TUM School of Life Sciences. Das Projekt „Grüne Stadt der Zukunft – klimaresiliente Quartiere in einer wachsenden Stadt“ wurde soeben erfolgreich abgeschlossen. Am 14.9.2021 werden die Ergebnisse präsentiert und diskutiert, wie eine klimaresiliente Zukunft in wachsenden Städten erreicht werden kann. Veranstalter ist die TUM in Kooperation mit den Referaten für Stadtplanung und Bauordnung/ Klima und Umweltschutz der Landeshauptstadt München, der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Alle Interessierten sind eingeladen, an der Abschlusspräsentation teilzunehmen.

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Forschung zur Artenvielfalt ist ein wichtiger Schwerpunkt der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TUM. Ein paar Beispiele: Prof. Rupert Seidl forscht aktuell in einem Projekt im Nationalpark Berchtesgaden zum Zustand der Artenvielfalt und den Auswirkungen des Klimawandels. Wie ein Nahrungsnetz im Grünland funktioniert, erforscht Dr. Sebastian T. Meyer am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie. Wie Grünland auf den Klimawandel reagiert, analysierte Prof. Hans Schnyder mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zu dem Schluss, dass Klima-Plantagen das Klima nicht retten und vielmehr die Artenvielfalt gefährden, kommt auch Dr. Christian Hof mit seinem Forschungsteam.

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TUM School of Life Sciences
Alte Akademie 8
85354 Freising
Telefon: 08161 710
Web: https://www.wzw.tum.de/

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