Professor Wilfried Schwab und Doktorandin Soraya Chebib
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Die Früchte ihrer Arbeit dürfen Professor Wilfried Schwab und Doktorandin Soraya Chebib in absehbarer Zeit ernten: 2025 könnten die ersten allergikerfreundlichen Äpfel im Supermarkt sein.

Frische Äpfel für Jedermann

TUM wirkt an der Entwicklung allergikerfreundlicher Äpfel mit

Forscher der Technischen Universität München in Freising-Weihenstephan entwickeln neue Sorten, die weniger Allergene in sich tragen.

Es ist das Lieblingsobst der Deutschen: Fast 20 Kilo Äpfel im Jahr werden hierzulande pro Person verspeist. Doch nicht für jeden ist der Verzehr von Elstar und Co. ein Genuss. Rund fünf Prozent aller erwachsenen Deutschen reagieren auf Äpfel allergisch. Unangenehme Symptome sorgen dafür, dass Äpfel für Betroffene zur verbotenen Frucht werden. Die gute Nachricht für die Leidtragenden: Vor einigen Jahren haben Forscher den Übeltäter ausgemacht. Die Proteinfamilie Mal d 1 ist für juckende Gaumen und geschwollene Zungen, brennende Lippen und Quaddeln auf der Haut verantwortlich.

Ein großes Bündnis arbeitet seit Anfang der 2000er Jahre daran, Äpfel zu kreieren, die einen möglichst geringen Mal d 1-Gehalt aufweisen und somit auch für Allergiker gut genießbar sind. Das goldene Dreieck besteht aus der Hochschule Osnabrück beziehungsweise der Züchtungsinitiative Niederelbe (ZIN), der Charité in Berlin und der TUM School of Life Sciences in Weihenstephen. In Osnabrück arbeiten Forscher, Apfelproduzenten und Händler gemeinsam an den neuen Sorten. Die Charité wiederum testet die Wirkung der Äpfel bei Allergikern. Mittendrin ist die TUM: Sie misst, wie hoch der Anteil der Apfelallergene in den Sorten ist.

Im TUM-Labor wurden 400 bis 500 Äpfel analysiert

TUM-Professor Wilfried Schwab setzt sich seit 2004 mit den Apfel-Proteinen auseinander – und hat ein klares Ziel: „Unser Goldstandard ist der Santana. An dem wollen wir uns messen.“ Denn der gilt als gut verträglicher Apfel. Der Experte für Biotechnologie der Naturstoffe will aber mehr: „Wir wollen noch besser sein.“

Professor Wilfried Schwab in seinem Reich: In den Labors in Freising findet die Analysearbeit statt. Hier wird getestet, wie viele Allergene die Apfelproben noch enthalten.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Schwab mit seinen beiden Doktorandinnen Emilia Romer und Soraya Chebib in den vergangenen Jahren zwischen 400 und 500 Äpfel analysiert. „Die Proben kommen in Plastikfolien vakuumiert und werden von uns erst mal bei minus 20 Grad gelagert“, berichtet Soraya Chebib. Zu diesem Zeitpunkt hat bereits ein Vorscreening stattgefunden. In Osnabrück werden Apfelsorten nicht nur gekreuzt, dass Nachkommen mit möglichst niedrigen Allergenwerten entstehen. Auch Größe, Farbe und Resistenz müssen stimmen.

„Provokationstest“: Versuchspersonen verkosten analysierte Äpfel

Tiefkühl-Packs: Solche bei minus 20 Grad gelagerten Proben der neu gezüchteten Äpfel bilden die Grundlage für die Analysen im Labor von Professor Wilfried Schwab.

In Freising findet die Analysearbeit statt. „Die gekühlten Proben werden gemörsert – unter Einsatz von Stickstoff, damit das entstehende Pulver nicht verklumpt“, erklärt Soraya Chebib. „Dann beginnt der Extraktionsprozess.“ Mit dem ELISA-Test haben Forschende der TUM ein Verfahren entwickelt, das es ermöglicht, die Gesamtmenge der Mal d 1-Proteine zu bestimmen. „Wir wissen allerdings nicht, welcher Typus innerhalb dieser Familie wirklich Allergene auslöst, oder wie hoch das Potential der jeweiligen Einzelproteine ist“, betont Professor Schwab. „Deswegen brauchen wir auch Humantests.“

Handschuh an der Maschine: Das Gerät liest die Farbwerte in den einzelnen Vertiefungen aus und errechnet daraus die Menge des vorhandenen Allergens Mal d 1.

Der gespannte Blick geht nach Berlin. Dort werden die Apfelsorten, bei denen ein besonders geringer Allergengehalt gemessen wurde, an Testpersonen weitergereicht. „Oraler Provokationstest“ nennt sich das Prozedere. „Zunächst werden 30 Gramm eines frischen Apfels verkostet“, berichtet Soraya Chebib. „Danach geben die Probanden im Rahmen eines Fragebogens an, welche Symptome aufgetreten sind, und wie stark die Symptome auf einer Skala von eins bis drei waren.“ Denjenigen, die sich davon nicht „provoziert“ fühlen, werden weitere 100 Gramm des entsprechenden Apfels serviert. Danach wird wieder skaliert. „So können wir Häufigkeit und Intensität der Symptome in einen Zahlenwert überführen und ein Ranking durchführen“, erklärt Schwab. Ergebnis: Mehrere der an der TUM getesteten Äpfel haben den Santana hinter sich gelassen. Sie sind jetzt der Goldstandard.

Soweit die guten Nachrichten für Allergiker. Aber Professor Schwab bremst die Euphorie. „Komplett allergenfreie Äpfel wird es nicht geben.“ Denn Allergien seien heterogen. „Wenn Sie zwei Personen haben, die Äpfel nicht vertragen, müssen die nicht unbedingt auf das gleiche Protein reagieren.“ Zudem seien die Sorten hier auf den nordeuropäischen Allergiker zugeschnitten. Denn während die Sensibilität hierzulande meist indirekt von einer Birkenallergie herrührt, ist die Kreuzallergie auf Äpfel im Süden meist auf Gräser zurückzuführen. Die allergische Reaktion wird in Spanien oder Italien also von einer anderen Proteinfamilie ausgelöst.

In die 96 Vertiefungen auf den Mikrotiterplatten kommt das Protein Mal d 1. Dann pipettieren die Forscherinnen Extrakte aus den Apfelproben und einen Antikörper hinzu, der an Mal d 1 bindet.

Fünf an der TUM getestete Äpfel sind der neue „Goldstandard“

„Aber für nordeuropäische Allergiker gibt es eine gute Nachricht“, resümiert Professor Schwab. Fünf Apfel-Neuzüchtungen haben sich in den Humantests als gut verträglich für nordeuropäische Allergiker herausgestellt. Bis 2025 könnten sie in den Obstregalen der Geschäfte zu finden sein. Wie viele Sorten auf den Markt kommen, entscheiden die Züchter. Professor Schwab fände es gut, wenn es möglichst viele wären – damit Allergiker eine Auswahlmöglichkeit haben. „Wenn die ersten Äpfel im Supermarkt zu finden sind, kann man schon ein wenig stolz sein“, sagt Schwab, und Soraya Chebib fügt hinzu: „Die Apfel-Allergiker freuen sich auch, wenn sie endlich nicht mehr auf das frische Produkt verzichten müssen.“

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