„Und es ist ganz!“

Wippenhausen - Das Figürchen, das man bei Wippenhausen ausgegraben hat, ist eine Sensation. Denn es ist die erste Darstellung eines Menschen aus der Zeit um 1200 vor Christus.

Fast andächtig nimmt Alois Spiel-eder die kleine Figur aus der Plastikdose, wo sie schön weich eingepackt ist. Kein Wunder: Denn der Fund, den man jetzt bei Grabungen in Wippenhausen entdeckt hat, revolutioniert das Bild, das man von der Urnenfelderkultur (Hallstatt A1, 1200 bis 1100 vor Christus) bisher hatte. Zumindest nördlich der Alpen hat man bisher nämlich keine Darstellungen von Menschen gefunden. Die Figur, die Grabungsleiter Spiel-eder von der Firma X-Cavate Archaeology gestern da in der Hand hält, ist aber eindeutig eine menschliche Gestalt. Martin Pietsch, Gebietsreferent des Bayerischen Landesdenkmalamtes, spricht von einem „Highlight“ aller Grabungen nördlich von München. Vor allem: „Und es ist ganz!“, ruft Pietsch aus.

Zu verdanken hat man den Sensationsfund dem Vorhaben der Gemeinde Kirchdorf, am Ortsrand von Wippenhausen ein Feuerwehrhaus zu bauen. Schon seit 40 Jahren weiß man, dass das Areal ein Bodendenkmal birgt. Denn der ehemalige Vorsitzende des archäologischen Vereins und Kreisheimatpfleger Erwin Neumair hatte das durch „Lesefunde“ - also das Auflesen von an die Oberfläche getragenen Keramikscherben - bereits damals erkannt. Auf dem 5200 Quadratmeter großen Areal, auf dem Spieleder und sein Team nun seit vier Wochen erst mit Baggern, dann mit Schaufel, Spachtel und Pinsel zu Gange sind, hat man jetzt Urnengräber entdeckt. Fünf Stück hat man freigelegt, dabei Grabkeramik ebenso gefunden wie Siedlungskeramik. Und aufgrund der Befunde und Verzierungen an der teils verbrannten, teils rituell „zerscherbten“ Keramik konnte man die Gräber auf die Zeit zwischen 1200 und 1100 vor Christus datieren, erläutert Spieleder. Und genau da fand sich die kleine, so bedeutende Figur.

Gestern Abend wurden die Grabungen abgeschlossen. Zwar hätte man gerne noch ein größeres Gebiet beackert, wäre dabei wohl auf Siedlungsspuren gestoßen, sagte Spieleder, diese Funde müssen (oder dürfen) aber noch in der Erde bleiben.

Kein Problem, denn schließlich hat man auf dem Areal nicht nur Funde aus der Bronzezeit entdeckt, die einen dazu neigen ließen, so Spieleder, Beziehungen zu Bernstorf herzustellen. Im nordwestlichen Teil des Geländes hat man auch Gräben und drei Feuerstellen aus der späten Keltenzeit entdeckt (100 bis 50 vor Christus). Und noch etwas hat das Grabungsteam freigelegt: rund 40 Gruben, die zur Materialentnahme dienten. Datieren könne man sie aber nicht. Nur so viel steht laut Spiel-eder fest: „Nicht neuzeitlich“.

Gelobt wird von allen Seiten das Verhalten der Gemeinde Kirchdorf, die schon früh das Landesdenkmalamt informiert habe. Und das war gut so, komme es jetzt für das Feuerwehrhaus zu keinem Bauverzug und könnten unnötige Kosten vermieden werden, betont Spieleder. Er und sein Team ziehen nun weiter, schließlich gebe es in Bayern bei einem Flächenverbrauch von 50 Hektar pro Tag für Archäologen viel zu tun. Die kleine Figur bleibt da. Und zwar, wenn es nach Erwin Neumair geht, im Landkreis. (zz)

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