Die Tür, die ins Grauen führt: Das Behinderten-WC am Freisinger Bahnhof befindet sich oft in einem – milde gesagt – wenig hygienischen Zustand.

Untragbare Zustände auf dem Behinderten-WC

"Einfach ein Saustall!"

Freising - Verdreckt, vermüllt und alles andere als behindertengerecht: So schildert Rolf-Dieter Prohl (67) die Zustände im Behinderten-WC am Freisinger Bahnhof. Die Betreiberfirma wiegelt ab. Jetzt hat sich der Behindertenbeauftragte der Stadt Freising der Sache angenommen.

Rolf-Dieter Prohl hat alles andere als gute Erfahrungen mit dem Behinderten-WC am Freisinger Bahnhof gemacht. Der 67 Jahre alte Moosburger ist krank, hat einen Schwerbehindertenausweis und ist damit natürlich berechtigt, Behinderten-WCs zu nutzen. Doch in Freising kommt ihm das Grausen: „Das Behinderten-WC am Bahnhof ist manchmal so stark verdreckt, dass man es gar nicht betreten kann.“ Das Klobecken „überlaufend voll mit Papier und Fäkalien“, weitere „Misthaufen“ neben dem Klosett, eine Wodka-Flasche auf dem Boden, dazu noch ein leerer Seifenspender und nicht einmal ein Abfallbehälter für getragene Windeln – so beschreibt Prohl die Zustände in der Toilette. „Einfach ein Saustall!“

Damit nicht genug: Als der 67-Jährige kürzlich das Behinderten-WC in einem besseren hygienischen Zustand vorfand, eine 50 Cent-Münze einwarf und die Toilette benutzte, da sei er anschließend nicht mehr aus dem WC rausgekommen. „Die Tür war verriegelt. Es gibt zwar eine Notruftaste, aber da passierte nichts.“ Das Ende vom Lied: „Ich habe 20 Minuten lang um Hilfe geschrien, bis mich ein paar junge Burschen befreiten“, erzählt der 67-Jährige. „Und freilich mussten sie vorher auch 50 Cent einwerfen, damit die Tür aufging.“ Für ihn ist klar: „Da muss endlich etwas passieren.“

Verantwortlich für den Betrieb und die Reinigung der WC-Anlage am Freisinger Bahnhof ist die Firma Hering Sanikonzept aus Nordrhein-Westfalen, die diesbezüglich einen Vertrag mit der DB Station & Service AG geschlossen hat. Die Firma kann sich den Fall nicht erklären: „Wir sind der Überzeugung, dass der Kunde lediglich die falschen Tasten gedrückt hat“, heißt es in der Stellungnahme an das FT. Bei der Notruftaste handele es sich um einen Not-Auf-Taster, der „die Magnetschließung der Tür unterbricht, so dass die Person im WC hinausgehen oder, falls sie hilfsbedürftig ist, durch eine Person von draußen hinausbegleitet werden kann“. Habe man das WC über den EURO-Behinderten-WC-Schlüssel betreten, so öffne sich die Tür auf Druck der Tür-Auf-Taste in der Wand automatisch. Habe man das Behinderten-WC über den Münzeinwurf betreten, so müsse man gleichzeitig auf die Tür-Auf-Taste und gegen die Eingangstür drücken.

Was das Thema Sauberkeit anbelangt: Die Anlage werde einmal am Tag gereinigt. „Als Betreiber von über 850 WC-Anlagen im öffentlichen Bereich haben wir die Erfahrung gemacht, dass bei einer Nutzerfrequenz wie in Freising eine einmalige kalendertägliche Reinigung ausreichend ist“, schreibt die Firma. Kunden, die ihre Fäkalien verteilen, ihren Müll liegen lassen oder womöglich randalieren würden, „könnten selbst bei einer mehrmaligen Reinigung am Tag nicht verdrängt werden“. Abfallbehälter für Windeln seien daher „aus hygienischen und vandalismushemmenden Gründen“ nicht vorgesehen. Insgesamt bedauere man natürlich, „dass der Kunde diese unangenehme Erfahrung machen musste“.

Franz Burger sieht bei der Behindertentoilette am Bahnhof Freising durchaus Handlungsbedarf: Der langjährige Geschäftsführer der Lebenshilfe Freising ist seit 2014 der Beauftragte der Stadt Freising für Belange von Menschen mit Behinderung und hat gemeinsam mit Prohl die Toilette unter die Lupe genommen. „Das Hauptproblem ist, dass das Behinderten-WC allgemein zugänglich ist“, bemängelt er. Denn dies sei wohl auch der Grund für die oft wenig hygienischen Zustände. Außerdem gebe es kein Alarmierungssystem, mit dem der Toiletten-Nutzer im Fall des Notfalls auf sich aufmerksam machen könnte. Sein Fazit: „Da muss unbedingt nachgebessert werden. Ich habe bei der Stadt darum gebeten, dass sie diesbezüglich bei der Deutschen Bahn vorstellig wird. Und ich habe auch schon mit dem OB darüber gesprochen.“

Daran, dass die Behinderten-Toilette für jedermann zugänglich ist, werde sich laut Deutsche Bahn nichts ändern. Grund: Es handelt sich um eine recht kleine Anlage mit nur vier WC-Kabinen plus ein Urinal. „Um in den seltenen Fällen mit großem Andrang wie bei Festen möglichst viele Kabinen für die Kunden zur Verfügung zu haben, ist es sinnvoll, das Behinderten-WC auch anderen Nutzern zugänglich zu machen“, erklärt ein Sprecher der Bahn. Zudem habe die Betreiberfirma die Erfahrung gemacht, „dass Verunreinigungen und Vermüllung bei Behinderten genauso vorkommt wie bei nicht-behinderten Nutzern“. Das Resümee: „Seitens der Deutschen Bahn können wir keinen Handlungsbedarf sehen.“

Rolf-Dieter Prohl kann da nur den Kopf schütteln: „Wenn mir sogar ein Bahnmitarbeiter vor Ort sagt, dass ich Radau machen soll, damit der Saustall endlich aufhört, dann spricht das doch Bände.“

Michael Leitner

Kommentar:

Es ist ein Unding, dass das Behinderten-WC am Bahnhof für alle zugänglich ist. Das Argument, dass es zu Stoßzeiten bei Festen für alle frei sein soll, zieht meiner Meinung nach nicht. Haben Sie schon mal jemanden gesehen, der nach dem Volksfest extra auf das Klo am Bahnhof geht? Die Wahrheit ist eher, dass die Menschen auf dem Weg von der Luitpoldanlage zum Bahnhof überall urinieren – nur nicht auf einer kostenpflichtigen Toilette. Dass das auch nicht in Ordnung ist, ist vollkommen klar. Aber: Es hat einen Grund, warum es Toiletten für Menschen mit Behinderung gibt – Thema Barrierefreiheit. Ich bin mir sicher, dass die Verunreinigung eher an einzelnen Nutzern liegt, die sich nicht zusammenreißen können. Wenn allerdings nur Menschen, die darauf angewiesen sind, die sanitären Einrichtungen zu nutzen, die für extra für sie gedacht sind, dann bleiben sie sicher auch sauber.

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