Zu viele Fragezeichen

Vergewaltigungsprozess: Kraftfahrer aus dem nördlichen Landkreis freigesprochen

Landkreis - Zu viele Fragezeichen blieben für den vorsitzenden Richter offen - er sprach den 52-Jährigen vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. Die Begründung gibt es hier.

Sie gehe nicht als Lügnerin abgestempelt aus dem Sitzungssaal, doch ihre Aussagen hätten zu viele Fragezeichen hinterlassen, versicherte Vorsitzender Richter Ralph Reiter einer 51-jährigen Angestellten, nachdem die 6. Strafkammer des Landgerichts zuvor einen 52-jährigen Kraftfahrer aus dem nördlichen Landkreis von dem von ihr erhobenen Vergewaltigungsvorwurf freigesprochen hatte, wenn auch „2. Klasse”, wie der Urteilsbegründung unschwer zu entnehmen war.

Die Vorgeschichte finden Sie hier.

Zum Prozessauftakt hatte der Kraftfahrer eingeräumt, dass es bei besagtem Treffen zum Geschlechtsverkehr gekommen sei. „Allerdings einvernehmlich”, beteuerte er. Im Waldstück angekommen, habe man zunächst ganz normal über die Kreditgeschichte und dann auch über private Dinge geredet. Dabei habe ihm seine Ex erzählt, dass sie sexuell mit ihrem neuen Lebensgefährten nicht zufrieden sei. „Dann ist meine Hand auf ihren Oberschenkel und ihre Hand auf meinen gewandert”, schilderte der 52-Jährige das „Vorspiel”. Schließlich sei man auf dem Rücksitz gelandet.

Die von ihr geschilderte Version sei absurd, schließlich leide er an mehreren Bandscheibenvorfällen und Hüftproblemen. Er sei der 51-Jährigen damals „wieder einmal auf den Leim gegangen”, sie lüge nämlich „wie die Seuche” und von ihrer rabiaten Familie habe er auch schon Morddrohungen erhalten.

Die Vernehmung der Angestellten fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, allerdings ergaben sich dabei bereits erhebliche Widersprüche, so dass letztlich sogar Staatsanwalt Gerd Strohner, der sie im Verlauf der Ermittlungen bereits einmal vernommen hatte, als Zeuge gehört wurde. Dabei hatte er erklärt, dass die 51-Jährige das Kerngeschehen „im Wesentlichen konstant” geschildert habe, aber eine Reihe von Fragen, die vor allem das Randgeschehen betroffen hätten, offen geblieben seien.

Der Anklagevertreter ging dementsprechend in seinem Plädoyer von einer Vergewaltigung aus und beantragte eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren, während Verteidiger Ulrich Fuchs auf Freispruch plädierte. Die Schlussvorträge gingen nichtöffentlich über die Bühne.

Der Freispruch, so Vorsitzender Richter Reiter in der Urteilsbegründung, beruhe darauf, dass trotz der umfangreichen Beweisaufnahme der in der Anklage niedergelegte Sachverhalt nicht bewiesen werden konnte. In der Aussage-gegen-Aussage-Konstellation habe man nicht zu entscheiden gehabt, wer gelogen, sondern ob tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefunden habe.

Objektive Beweise dafür habe es nicht gegeben, wohl aber Zweifel, ob der Geschlechtsverkehr so, wie die 51-Jährige ihn schilderte, angesichts des gesundheitlichen Zustands des Kraftfahrers möglich gewesen sei. Der dazu vernommene Gerichtsmediziner habe nur lapidar angemerkt, dass „dort wo ein Wille ist, auch ein Weg sei.”

Allerdings habe die Kammer keineswegs festgestellt, dass die Angestellte gelogen habe, der Freispruch erfolgte auch nicht wegen erwiesener Unschuld. Die 51-Jährige habe das Kerngeschehen konstant geschildert, beim Randgeschehen gebe es allerdings Diskrepanzen. So etwa, dass sie in einem umfangreichen Facebook-Chat mit einer Freundin an ihrem Ex wegen der Kreditgeschichte kein gutes Haar gelassen, aber zunächst nie von einer Vergewaltigung gesprochen habe.

Dadurch sei der Eindruck entstanden, dass sie der Kredit mehr gewurmt habe als die angebliche Vergewaltigung. Erst als klar gewesen sei, dass der Kraftfahrer nichts mehr zahle, habe sie ihrer Freundin berichtet, dass er über sie hergefallen sei. Die habe dann eine Vergewaltigung ins Spiel gebracht und auf ihre Initiative hin sei die Anzeige erfolgt.

Eine weitere Diskrepanz sei gewesen, dass die Angestellte behauptet habe, er sei sofort über sie hergefallen. Im Prozessverlauf habe sich dann herausgestellt, dass tatsächlich zunächst ein „harmonisches Geplauder” stattgefunden und es die 51-Jährige sogar mit ihrem Handy aufgenommen habe. Das habe sie bei ihren früheren Vernehmungen „unterschlagen”. Letztlich, so der Vorsitzende Richter, sei nicht auszuschließen gewesen, dass es tatsächlich zu einem einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gekommen sei und die Angestellte dies, als klar war, dass sie den Kredit allein abzahlen müsse, bereut habe. Die Kammer habe sich wegen der Zweifel für einen Freispruch entschieden „statt eventuell einen Unschuldigen einzusperren.”

Walter Schöttl

Rubriklistenbild: © dpa

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