Wangs Altbürgermeister Hans Eichinger.
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Im lässigen Kapuzenpulli: Hans Eichinger, 79, ist kürzlich zum Altbürgermeister von Wang ernannt worden. Nachdem der Hochschulprofessor bereits vor zwei Jahren seine Lehrtätigkeit beendet hat, befindet er sich nun komplett im Ruhestand.

Interview

Altbürgermeister Eichinger: „Wang hätte einiges mehr im Kreuz gehabt“

Er lenkte zwei Perioden lang die Geschicke der Gemeinde Wang: Hans Eichinger hat als Ortschef Höhen und Tiefen gemeistert - und darf sich nun Altbürgermeister nennen. Zeit für einen großen Rückblick.

Wang – Zwei Amtsperioden lang war Hans Eichinger ehrenamtlicher Bürgermeister von Wang, insgesamt kann der ehemalige Hochschulprofessor auf eine vier Jahrzehnte dauernde Karriere im Öffentlichen Dienst zurückblicken. Seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung waren enorm hoch, bei seiner letzten Wahl wollten den gelassenen und pragmatischen Ortschef 96 Prozent der Wanger weiter an ihrer Gemeindespitze sehen. Auch wenn er gedurft hätte: Im vergangenen März trat der heute 79-Jährige dann nicht mehr an. Familiäre Gründe brachten ihn zu dem Entschluss – und ein gewisser Frust, ausgelöst durch die Arbeitsweise übergeordneter Behörden. „Ich will nicht verhehlen, dass mich eine Menge Dinge nerven“, sagte Eichinger vor gut einem Jahr dazu.

Vor wenigen Tagen nun wurde er von seinem Nachfolger, Markus Stöber, offiziell zum „Altbürgermeister“ von Wang ernannt – eine Ehrenbezeichnung für besondere Verdienste um die Gemeinde. Das Tagblatt erreichte Hans Eichinger, der auf seinem Hof in Dornhaselbach lebt, telefonisch in Norddeutschland: Dort hält er sich derzeit wegen einer Erkrankung seiner Frau gemeinsam mit den Kindern auf.

Freisinger Tagblatt: Glückwunsch zum „Altbürgermeister“, Herr Eichinger. Was bedeutet Ihnen dieser Titel?

Hans Eichinger: Das ist eine sehr angenehme Sache und eine nette Würdigung meiner Dienste.

Wie starten Sie in Ihre Tage, wo Sie seit März nicht mehr ins Büro müssen?

Heute bin ich bereits eine Dreiviertelstunde gejoggt. Sehr schnell laufe ich zwar nicht mehr, aber immerhin komme ich dabei ins Schwitzen. Danach habe ich die Kinder in die Schule gebracht, hier in Schleswig-Holstein sind die Ferien ja bereits vorbei.

Das klingt im Vergleich zu früher nach einer ruhigen Kugel. Langweilt Sie Ihr neuer Lebensabschnitt manchmal?

Langweilen? Meine Frau lacht gerade im Hintergrund. Da sorgt sie schon dafür, dass das nicht passiert. Mir ist aber generell schon ab dem Beginn meiner Studienzeit nicht mehr langweilig gewesen. Es gibt so viele Dinge, die ich noch nicht gemacht habe, so viele Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Ich gehe mit meiner Zeit ziemlich sorgfältig um, habe beispielsweise seit 1976 keinen Fernseher mehr.

Sie sehen nie fern?

Ich habe festgestellt, dass das ein gewaltiger Zeitkiller ist. Diese ganzen Informationen bringen mir herzlich wenig, da gehe ich lieber ins Kino beziehungsweise hat man ja mittlerweile die Möglichkeit, vieles zu streamen.

Als ich ins Amt kam, herrschte Uneinigkeit.

Hans Eichinger

Seit zwei Jahren sind Sie auch nicht mehr in Ihrem Hauptberuf als Hochschulprofessor tätig. Fehlt Ihnen die Lehre?

In gewisser Weise schon. Weniger die Vorlesungen. Mehr, dass man sich nicht mehr darum kümmern muss, auf dem Laufenden zu bleiben: Ich habe mich bei jeder Gelegenheit aus Fachzeitschriften oder anderen Quellen informiert. Das benötige ich jetzt nicht mehr.

Pflegen Sie nach wie vor den Kontakt zur Gemeindekanzlei in Wang?

Ja. Mit meinem Nachfolger habe ich heute bereits kurz telefoniert.

Worum ging’s?

Es gab keinen konkreten Anlass, es war mehr so ein Gruß aus dem hohen Norden. Ich hatte gerade Zeit und ab und zu greife ich dann zum Telefon.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Wegbegleitern in der Gemeindeverwaltung?

Man kann sagen, dass ich mit ihnen immer noch freundschaftlich verbunden bin. Es war ein gutes und positives Umfeld, sowohl im Rathaus als auch in der Gemeindekanzlei. Ich hab’ die Leute gern gesehen und konnte mich auf gut funktionierende Abläufe verlassen.

Als Sie 2008 das Ruder übernommen haben, ging es in Wang weniger ruhig zu. Wie würden Sie die Umstände rückblickend beschreiben?

Es herrschte Uneinigkeit, um’s vorsichtig auszudrücken. Es ging tatsächlich in erster Linie darum, dass sich die Herrschaften – Gemeinderäte, aber auch Bürger – nicht einig waren, was gemacht gehört. Das haben wir relativ schnell in den Griff bekommen und versucht, die vergeudeten Energien zu bündeln und zu etwas Positivem hinzubekommen.

Die Unterbringung der Flüchtlinge war handfestes Neuland für Wang.

Hans Eichinger

In Ihre Amtszeit fielen zahlreiche Großprojekte und Herausforderungen, denen Sie mit viel Pragmatismus begegnet sind. Beispielsweise hat Wang 2011 als erste Kommune im Landkreis Menschen des damaligen Flüchtlingsanstiegs aufgenommen. Von Beginn an wurde den Asylbewerbern viel örtliche Solidarität und Unterstützung entgegengebracht. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Das war handfestes Neuland für die Gemeinde. Ich denke, wir haben das sehr gut hinbekommen, ohne großes Trara. Es gibt natürlich auch immer andere Meinungen, die muss man ebenso gelten lassen. Ich würde sagen, wir haben für alle Beteiligten das Beste herausgeholt.

Im hochgekrempelten Hemd: Hans Eichinger im August 2008, als der damals 67-Jährige seit 100 Tagen die Geschicke der Gemeinde Wang gelenkt hatte.

Sie haben mit Ihrem Amtsantritt einen Schuldenberg von 6,3 Millionen Euro übernommen – und diesen beharrlich abgetragen...

...aber zwischendurch die Ortsdurchfahrt Bergen gebaut. Da sind wieder zwei Millionen Euro hinzugekommen, die langfristig abgeschrieben werden müssen. Das sind allerdings auch keine Schulden im Sinne der Gemeinde, genauso wie Grunderwerbe: Wang hat viele Hektar landwirtschaftlichen Grund dazugekauft, außerdem Land für Wohnbebauung und Gewerbeflächen. Das lässt sich alles relativ schnell wieder gewinnbringend veräußern.

Die Ortsdurchfahrt von Bergen hat Sie lange beschäftigt.

Es war zumindest das größte Projekt – mit unzähligen Terminen und ganz banalem Ärger. Insgesamt haben die Bürger dort aber ausgezeichnet mitgezogen. Immer wenn ich jetzt dort vorbeifahre, muss ich an die Abnahme der Straße denken: bei 36 Grad im Schatten, das war echt eine Anstrengung! (lacht)

Ich zweifle daran, dass der Ligeder Berg instabil ist.

Hans Eichinger

Eine Dauerbaustelle Ihrer Amtszeit war der Ligeder Berg. Wurmt es Sie, dass Sie diesen Umstand nicht mehr beseitigen konnten?

Habe ich, die Lösung mit der Lichtampel ist doch optimal. Ich hab’ die Zeit gestoppt: Man wartet maximal 32 Sekunden – und es fahren keine 40-Tonner mehr durch. Ich möchte jetzt nicht alles von vorne neu aufrollen, aber in meinen Augen hat das Gutachten einen gewissen Geschmack gehabt: Ich zweifle daran, dass der Ligeder Berg instabil ist. Das einzig Instabile war der von der Gemeinde angeflickte Bürgersteig. Und selbst der hätte unter vernünftigen Bedingungen akzeptabel funktioniert, wenn man nicht mit 40 Tonnen schweren Lastwagen darauf rumgefahren wäre. Die hatten aber gar keine andere Möglichkeit wegen des Gegenverkehrs. Dann hat der Abschnitt auch noch als offizielle Umleitungsstrecke herhalten müssen – was nicht ein paar Lkw pro Woche bedeutete, sondern 50 pro Tag.

Kommen wir zu den positiven Dingen: Gibt es Stellen in der Gemeinde, an denen Sie besonders gern sind, weil Sie dort etwas erreicht haben?

Wo ich immer gern vorbeifahre, ist das Vereinsheim des FC Wang. Das war ein sehr interessantes Projekt, da haben wir Nägel mit Köpfen gemacht. Es war ursprünglich kleiner geplant gewesen. Die Genehmigung war nicht ganz einfach, da es ein FFH-Gebiet (Fläche mit ausgewiesenem Natur- und Landschaftsschutz; Anm. d. Red.) in einem HQ100-Bereich (statistisch gesehen alle 100 Jahre von Hochwasser betroffen; d. Red.) ist. Da braucht man natürlich die entsprechenden Argumente – und es ging alles gut über die Runden. Dann haben wir auch noch ein vernünftiges Gebäude hingestellt. Und zwar an der höchsten Stelle, da kann jetzt eigentlich passieren was will: Dann steht das Heim immer noch mit trockenen Füßen da.

Man wird heute zugeschüttet mit Informationen. Damit muss man erst mal fertig werden.

Hans Eichinger

Die heutige Gesellschaft wirkt immer zerrissener, wohl durch die sogenannten Sozialen Medien verändert sich das zwischenmenschliche Klima rasant. Sind Sie froh, da nicht mehr länger ein öffentliches Amt bekleiden zu müssen?

Die Gesellschaft hat sich nicht verändert. Ich kann auf eine lange Zeit von Jahren zurückblicken und war immer sehr aufmerksam. Was sich gewaltig gewandelt hat, ist einfach die Informationstechnologie. Man wird zugeschüttet mit Informationen, damit muss man erst mal fertig werden. Es ist eine Art von Fernsteuerung, weil man ganz wenig in der Lage ist, die wichtigen von den unwichtigen Dingen zu unterscheiden.

Und wie bekommen wir das in den Griff?

Wir brauchen auf jeden Fall eine gut gebildete und ausgebildete, kritische Gesellschaft. Da muss der Trend stärker hingehen. Eine der Informationsflut gewachsene Gesellschaft. Es wir derzeit zu viel geschluckt.

Angenommen, Sie wären einige Jahre jünger: Würden Sie heute nochmal für das Amt des Wanger Bürgermeisters kandidieren?

Ohne meine privaten Vorbedingungen hätte ich gerne nochmal kandidiert, keine Frage.

Was wünschen Sie den Wangern?

Dass die Gemeinde noch besser zusammenwächst. Dass man sich immer wieder wirklich auf eine schonende und menschenfreundliche Größenordnung einigen kann. Ich hätte es auch gerne geschafft, die Gemeinde energetisch autark zu machen, aber leider war das nicht drin. Obwohl wir einiges mehr im Kreuz gehabt hätten.

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