+
Vor 44 Jahren kam Josip Cabraia (r.) als Kroaten-Seelsorger nach Deutschland. Seit dem 28. März ist er nun offiziell in Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft. Die Urkunde überreichte ihm Landrat Josef Hauner vor Ostern.Immer einen Tag vor Ende seines Urlaubs kam die Polizei, nahm ihm den Reisepass ab, und er wurde eine Woche lang verhört

Ein langer Weg mit Gottvertrauen

Ruhestandspfarrer Josip Cabraja ist nun deutscher Staatbürger

  • schließen

Für die Gläubigen der verschiedenen bayerischen Pfarreien, in denen er als Seelsorger gewirkt hat, war Josip Cabraja schon immer ein Deutscher. Die offizielle Einbürgerungsurkunde hat der gebürtige Kroate allerdings erst seit kurzem in Händen: Seit dem 28. März ist er deutscher Staatsbürger, nachdem er im November 2016 den Antrag gestellt hatte. 

Weng – „Grüß Gott, wo wollen Sie sitzen? Ich meine, um bequem schreiben zu können“, sagt der freundlich lächelnde Mann trotz unüberhörbarem Akzent in perfektem Deutsch. Die Wahl fällt auf das Esszimmer, auf dessem Tisch eine Osterkerze steht. Seit 2010 ist Josip Cabraja Ruhestandspfarrer im Pfarrverband Fahrenzhausen-Haimhausen und bewohnt das Pfarrhaus neben der Kirche in Weng.

Cabraja fühlt sich hier wohl und strotzt trotz massiver gesundheitlicher Rückschläge in den zurückliegenden Jahren voller Zuversicht, basierend auf großem Gottvertrauen. Aberglaube findet bei ihm keinen Platz – schon gar nicht, wenn er an den Freitag, 13. April, denkt. Das ist nämlich sein Geburtstag. In wenigen Tagen wird er 73 – und Cabraja hat nachgelesen: als er geboren wurde, war der 13. April wie im Jahr 2018 auch ein Freitag. Seinen Geburtstag wird der Ruhestandspfarrer allerdings auswärts feiern.

Warum unbedingt die deutsche Staatsbürgerschaft? „Wissen Sie, ich bin schon so lange hier, ich fühle mich schon lange als Deutscher“, sagt er, und rückblickend kann er über die bürokratischen Hürden, ob sie sein mussten oder nicht, nur schmunzeln. Normalerweise hätte es nicht länger als sechs Wochen gedauert, bei Cabraja trat allerdings das Problem auf, dass er als Kroate in Bosnien aufgewachsen ist. Diese Papiere konnte aber das Landratsamt in Freising nicht herbeischaffen, und so war es an ihm selbst, sich darum zu kümmern. Cabraja machte sich auf den Weg – es war ein aufwändiger, ein bürokratisch verschlungener und kostspieliger. Doch der 72-Jährige hat es geschafft – und Josip Cabraja fühlt sich nun als offiziell bestätigter deutscher Staatsbürger wohl.

Denn auch er hat Ausländerfeindlichkeit erfahren müssen – etwa als er die erste Pfarrerstelle in Bayern antrat. Feindselig seien die Menschen in dieser Gemeinde ihm teilweise gegenübergetreten, weshalb er nach drei Jahren beim Erzbischöflichen Ordinariat um eine Ablösung und eine Versetzung angesucht hat. Obwohl er erst zum 1. Juli die neue Pfarrstelle angetreten hat, wusste es die Bildzeitung besser. Die reißerische Schlagzeile in der Ausgabe am 6. April 1989: „Pfarrer verlässt fluchtartig ….“ Cabraja will nicht, dass der Ort genannt wird – „es waren ja nicht alle so“, sagt er.

Sein neuer Wirkungsort war Pfaffenhofen am Inn, wo er den Pfarrverband elf Jahre lang geleitet hat, danach war er von 2000 bis 2005 in Dachau, Heiligen Kreuz, bis 2010 Pfarrer in Tegernsee, und seitdem lebt er als Ruhestandspfarrer in Weng, Gemeinde Fahrenzhausen.

Was ihn veranlasst habe, in Deutschland als Priester zu wirken? „Es war Anfang der 1970er Jahre, da gingen viele Osteuropäer und vor allem Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, um dort zu arbeiten“, erklärt er. Die katholische Kirche habe hier nicht hinterherhinken wollen und um Seelsorger geschaut, die sich um die Kroaten in Deutschland kümmern könnten. Ein von der Bischofskonferenz ernannter Nationaldirektor habe dann Freiwillige gesucht.

nahm ihm den Reisepass ab, und er wurde eine Woche lang verhört

Cabraja, der 1972 in Sarajewo zum Priester geweiht worden war, aber einen Teil seines Priesterstudiums an der Universität Eichstätt absolviert und damit Erfahrung in Deutschland hatte, war für die Diözese deshalb ein passender Kandidat. Am 1. Februar 1974 war es dann soweit: Er trat in Neumünster für das gesamte Land Schleswig-Holstein die Stelle als Kroaten-Seelsorger an. Dort wirkte er bis Ende Juli 1982, hatte dann in Ulm bis zum 30. April 1986 die nächste Pfarrstelle mit großem Umland zu betreuen – „das Gebiet reichte fast bis Ravensburg“.

Bis dahin war er immer in der kroatischen Seelsorge tätig – und auch ständig unter Beobachtung vom Geheimdienst des ex-jugoslawischen Staats. Cabraja erzählt, wie er – im Sommer fuhr er immer in seine Heimat – jeweils einen Tag vor seiner Abreise Besuch von der Polizei bekommen habe, sein Reisepass wurde eingezogen, und mindestens eine Woche lang wurde er fast täglich verhört. „Das damalige Regime wollte von mir als Pfarrer, dass ich Informationen bringe und mit dem Geheimdienst zusammenarbeite, aber ich habe ja nichts gewusst, was die allerdings nicht wahr haben wollten“, sagt er und erinnert sich mit Genugtuung, dass er die Behörden ausgetrickst hat, als er erfahren hat, wer der Verräter (aus seiner Verwandtschaft) seines jeweiligen Rückreisetags war.

Und Cabraja weiß auch genau, dass überall, wo er als Kroaten-Seesorger aufgetreten ist, es „irgendein Ohr“ gegeben habe, das genau bei seinen Predigten gelauscht habe, um den Geheimdienst mitzuteilen, ob er etwas gegen Jugoslawien gesagt habe. „Ich habe nie etwas dergleichen gemacht“, sagt Josip Cabraja. Aufgehört hätten die Verhöre erst, als er sich für den Dienst in der deutschen katholischen Kirche entschieden hat. „Das Erstaunliche daran ist: Hätte ich in dieser Funktion etwas gegen das damalige jugoslawische Regime gesagt, hätte es niemanden interessiert.“ Aber als Kroaten-Seelsorger hätte – ein falsches Wort, ein falscher Satz– ihn zum Staatsverbrecher werden lassen.

Ein solcher war man laut Cabraja zu dieser Zeit übrigens auch, wenn man sich getraut hat, den angeblich so „freiwilligen“ Wehrdienst zu verweigern. Wer diesen nicht antrat, kam für zehn Jahre ins Gefängnis.

Wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Stimmung im damaligen Jugoslawien, vor allem wenn es um Deutschland ging, eine getrübte. Cabraja erinnert sich noch gut, als er in der Grundschule Deutsch-Unterricht hatte. „Uns wurde immer das Bild des Feindes, des faschistischen Deutschlands vermittelt. Warum also die deutsche Sprache lernen? Da hat man sich auch mit einer Vier im Zeugnis zufriedengegeben“, sagt er.

Das faschistische Deutschland – wie lange war es in seinem Kopf oder in seiner Erinnerung lebendig? Eigentlich nicht lange, sagt er. Es habe sich irgendwann „verwässert“, so Cabrajas Erklärung, und er erinnert sich gerne an die Jahre, als er in seinen Semesterferien einen Job angenommen hat und währenddessen bei einer Familie in Hessen gewohnt habe.

Und seit dem 28. März darf Josip Cabraja seinen Lebensabend urkundlich besiegelt nun als deutscher Staatsbürger verbringen. Er ist voller Erwartung, wenn die Wenger Kirche St. Georg im Herbst endlich restauriert sein und Reinhard Kardinal Marx höchstpersönlich zur Einweihung kommen wird.

Margit Conrad

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wie ein Theaterstück Schülern dabei hilft, ihren Glauben zu reflektieren
Eine ganz besondere Premiere gab’s jüngst am Domgymnasium: Klassenzimmer-Theater war angesagt. Der Titel des Stücks: „Irgendwas, Irgendwie – ein Klassenzimmerstück über …
Wie ein Theaterstück Schülern dabei hilft, ihren Glauben zu reflektieren
Weifangs neuer Bürgermeister macht Station in der Domstadt
Tian Qingying, der neue Bürgermeister der Stadt Weifang, hat sich jetzt offiziell in Freising vorgestellt. Die stellvertretende Landrätin Barbara Prügl empfing den …
Weifangs neuer Bürgermeister macht Station in der Domstadt
Der üble Trick mit dem Wasserrohrbruch
Ganz schön dreist: Unter dem Vorwand eines Wasserrohrbruchs verschafften sich am Dienstag gegen 14.35 Uhr drei Unbekannte Zugang zur Wohnung eines älteren Ehepaars in …
Der üble Trick mit dem Wasserrohrbruch
Das Ende einer Ära: Freisinger Traditionsbäckerei gibt auf – So geht es weiter
In der Bäckerei Muschler steht eine Art freundliche Übernahme an. Die bisherigen Betreiber des Neustifter Traditionsbetriebes, Josef und Roswitha Muschler, geben ihr …
Das Ende einer Ära: Freisinger Traditionsbäckerei gibt auf – So geht es weiter

Kommentare