Zwei Schwestern werden kurz hintereinander Witwen

Wenn die Zeit plötzlich still steht

Wenn die Liebsten gehen, dann ist man in Gedanken weiter bei ihnen. Im Besonderen gilt das an Allerheiligen, an dem auch im Landkreis Freising die Gläubigen ihren Verstorbenen gedenken. Für Renate Stiebing aus Kirchdorf und Brunhilde Schuhmann aus Eglhausen ist dieser Gedenktag heuer mit besonders vielen Erinnerungen verbunden: Die beiden Schwestern verloren ihre Männer im Frühjahr – nur wenige Wochen nacheinander.

Kirchdorf/Oberallershausen – Renate Stiebing steht mit ihrer Schwester Brunhilde vor dem Grab am Friedhof in Kirchdorf und begutachtet das frisch geschmückte Familiengrab. Seit vielen Jahren pflege sie die letzte Ruhestätte ihrer Schwiegereltern, erzählt die 61-Jährige. Doch heuer ist die Grabgestaltung noch inniger ausgefallen als sonst. Ein Herz aus winterharten Pflanzen, die auch starke Fröste überstehen, ziert die Fläche. Von ihrem geliebten Mann Rudi musste sich Renate Stiebing Ende März verabschieden. Unfassbar: Genau drei Wochen später, in der Nacht vom Karfreitag auf den Karsamstag, schloss auch Willi Schuhmann, der Ehegatte ihrer Schwester Brunhilde, für immer die Augen. Beide seien zwar „schon lange krank gewesen“, trösten sich die Schwestern gegenseitig. Aber in dem Moment des Heimgangs stehe doch die Zeit still.

„Es war ein langsames Sterben“, erinnert sich Renate Stiebing. Ein Krebsleiden hatte Rudi Stiebing nicht mehr zu Kräften kommen lassen. „Zum Schluss waren wir nur noch in der Palliativstation im Klinikum in Freising.“ Und: „Glauben Sie mir, man kann auch über den Tod dankbar sein, wenn man weiß, dass der andere keine Schmerzen mehr hat.“

Ganz viel Kraft hätten ihr die Nachbarn und die Sängerfreunde ihres Mannes aus dem Kirchdorfer Männergesangsverein gegeben. Rudi Stiebing war langjähriges Vorstandsmitglied der Amperthaler Sängerrunde. „Da weiß man plötzlich, was Freunde sind.“

In der Nacht vom Karfreitag auf den Karsamstag ist Willi Schuhmann, der langjährige Geschäftsführer des Maschinenrings Freising-West, gestorben. „Eigentlich direkt in die Auferstehung hinein“, beschreibt es seine Witwe Brunhilde. „Wir waren am Karfreitag noch beim letzten Abendmahl in der Kirche in Oberallershausen und haben danach noch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Pünktlich um Mitternacht habe ihr Mann noch seine Medikamente eingenommen, mit denen seine Parkinson-Erkrankung behandelt worden war. 15 Minuten später habe sie seine letzten Atemzüge gehört.

Am Morgen darauf, haben dann die Kirchenglocken für ihren Mann geläutet. Auf die Frage des Enkels, warum schon so früh am Morgen die Glocken läuten, habe sie geantwortet: „Wenn bei uns jemand läutet, machen wir auf. Und wenn jetzt die Glocken läuten, weiß der Petrus im Himmel, dass er für den Opa aufmachen muss.“

Die Unbeschwertheit der Kinder helfe durch so manche schwarze Stunde, sind sich die beiden Schwestern einig. Wenn sie ihre Enkelin Florentina auf den Friedhof begleite, koche diese immer Suppe für den Opa im Weihwasserbecken. Und wenn es donnert, dann fälle der Opa eben einen Baum: So erklärt sich der Nachwuchs im Hause Schuhmann ab sofort das laute Donnergrollen während eines Gewitters. Brunhilde Schumann hat ihrem Ehemann übrigens noch eine ganz besondere Grabbeigabe zukommen lassen. „Ich hatte noch Getreideähren zu Hause, weil ich die Oberallershausener Kirche seit Jahren für das Erntedankfest schmücke“, erzählt die Witwe. Die habe sie ihrem Willi mit ins Grab gegeben.

Und: Pünktlich zum Totengedenktag ist die Saat der Erinnerung aufgegangen. „Ob es Hafer oder Weizen ist? Ich weiß es nicht“, sagt Brunhilde Schuhmann und lacht. Aber das sei egal. Eine schöne Reminiszenz an den Verstorbenen, der viel für die Landwirtschaft im Landkreis Freising getan hat, ist es allemal.

Maria Martin

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