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Etwas Süßes zwischendurch: Solchermaßen verwöhnt genießen Lisa (l.) und Renate (r.) mit ihrer Kollegin Heike aus Cottbus die Schaumküsse.

Wiesnbedienungen aus Langenbach und Mauern

„Von Null auf 100, das geht gar nicht“

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Nie mehr Dirndl tragen und keine Bedienung werden – das hatte sich Renate Linow geschworen. Aufgewachsen direkt neben dem Bräustüberl in Garmisch, hatte sie beides tagtäglich vor Augen und war zudem als Kind zu jeder Jahreszeit und jedem Anlass in ein Dirndl gesteckt worden. Durchgezogen hat sie diesen Schwur bis 2004. Plötzlich – „wie die Jungfrau zum Kind“– wurde sie Oktoberfestbedienung im Hofbräuzelt. Mittlerweile hat die 74-Jährige noch einige mitgezogen. Bester Anwerbeplatz: der Alte Wirt in Langenbach.

München/Langenbach – Es ist ein Mittwochnachmittag im September: Am Samstag davor hatte Münchens OB Reiter mit zwei Schlägen in der Hoffnung auf eine friedliche Wiesn das Oktoberfest 2017 eröffnet. Die Massen in der Schaustellergasse und auch der Wirtsbudenstraße, sind überschaubar – wen wundert’s, bei Temperaturen teilweise im einstelligen Bereich. Die Biergärten der Festzelte sind leer gefegt, doch für diejenigen, die schnelles Durchkommen bevorzugen, ist dieser Mittwoch ideal.

Ich habe mich mit Renate Linow und Lisa Daimer im Hofbräu-Zelt verabredet, wo sie als Wiesn-Bedienungen im Stehbereich arbeiten. Das HB-Zelt ist multikulti. Da kommt es nicht selten vor, dass Gäste aus fünf Kontinenten beieinanderstehen und sich bierig unterhalten. Auch an diesem Mittwochnachmittag war schon einiges los. Nur über die Kleidung vieler, die eher in den Fasching passen würde, muss man großzügig hinwegsehen.

Wie die Jungfrau zum Kind kam Renate Linow als Bedienung aufs Oktoberfest, und brach einen Schwur. Auch mit ihren 74 Jahren schleppt sie noch Maßkrüge über die Wiesn.

Den Bedienungen kann und muss das auch egal sein. Hauptsache, sie machen ihren Umsatz. Und bis auf wenige Ausnahmen knausern die Gäste auch nicht, erinnert sich Renate Linow an zehn Schweizer, die partout kein Trinkgeld hergegeben haben und sich sogar die fünf Cent pro Maß haben rausgeben lassen. Als die Schweizer dann gegangen sind, habe ihr jeder eine Baccara-Rose – Stückpreis fünf Euro – geschenkt. Die habe sie dann in einem Maßkrug im Zug heimtransportiert. „Ganz dakratzt und dakreit bin i hoamkema“, sagt sie – und fünf Rosen hatten während der Fahrt den Kopf verloren.

Der nasse Start als Wiesnbedienung ist längst vergessen. Lisa Daimer (51) aus Mauern arbeitet gern im Hofbräuzelt. Sie wurde von Linow angeworben.

Jede Menge hat die Langenbacherin schon erlebt – etwa wie sie eine Gruppe Rheinländer, die sie mit Schnaps abfüllen wollten, ausgetrickst hat. Und wenn sie so etwas mit leuchtenden Augen erzählt, dann glaubt man nicht, dass sie bereits 74 Jahre alt ist.

Als eine Bekannte sie 2004 überredete, sich zu bewerben, hatte sie niemals daran geglaubt „dranzukommen“. Schließlich war Linow, von Beruf Buchhändlerin, bei ihrem Ja zur Wiesnbedienung schon 61 Jahre. Warum sie nach der Premiere 2004 heuer schon zum 14. Mal im Hofbräuzelt angeheuert hat? „Wir haben so liebenswerte und nette Wirtsleute. Die Art der Familie Steinberg, mit ihren Mitarbeitern umzugehen, ist einmalig, so dass die Arbeit hier einfach Freude macht“, sagt sie im Brustton der Überzeugung. Am liebsten würde sie das Gesagte durch ein silberfarbenes Pfeifchen unterstreichen. Aber das braucht sie nicht, denn wer Linow kennt, weiß, dass sie es nicht nur sagt, weil sie eine Pressevertreterin vor sich hat.

Apropos silbernes Pfeifchen: Das ist für die Bedienungen fast überlebensnotwendig, wenn sie sich mit den vollen Maßkrügen durch die Menschenmassen kämpfen müssen. „Ich trage dann sogar Ellbogenschoner“, erzählt die 74-Jährige, die sich auf der Wiesn wie in einem „Fitnesscenter mit Gewinnbeteiligung“ sieht.

Acht Maßkrüge schafft sie auf einmal. Und damit sie nicht schon nach dem ersten Tag von Muskelkater oder schmerzenden Gelenken geplagt ist, trainiert sie im Vorfeld zu Hause. „Von Null auf 100, das geht gar nicht“, sagt sie, die nur zu Wiesn-Zeiten bedient. Deshalb hat sie sich acht Glaskrüge zugelegt, füllt diese mit Wasser und trägt sie in der Wohnung hin und her. „17,6 Kilo sind das jedes Mal.“

Dass sie so flott auf den Beinen ist, führt die 74-Jährige auf ihre Aktivität beim Wanderverein Langenbach zurück, bei dem sie sich auch als Schatzmeisterin einbringt. Auf fast 400 Kilometer bringt es eine Bedienung in den 16 Tagen Oktoberfest. Warum sie das weiß? Vor einigen Jahren hatte sie im Hofbräuzelt eine Kollegin, die sie vom Germeringer Wanderverein gekannt hatte. Und die wiederum hatte einen Schrittzähler mit GPS-Funktion ums Fußgelenk gebunden. Nach 16 Tagen Wiesn waren damals darauf exakt 384 Kilometer zu lesen.

„Richtig Vorbereiten ist das A und O“, sagt Renate Linow. Immer wenn sie abends heimkommt, schmiert sie sich die Unterarme und Handgelenke mit Voltarensalbe ein. Und wie ist es nach der Wiesn? Kann sie dann gleich abschalten? „Nein, so einfach ist es nicht. Man fühlt sich wie in einem Hamsterrad. Ich schaue auch immer noch Tage lang vormittags auf die Uhr, damit ich ja den Zug nicht versäume. Außerdem vermisse ich die netten Kolleginnen.“ Zwei davon sind Lisa Daimer aus Mauern und Renata Schomann aus Bruckberg. Beide hat Linow beim Alten Wirt angeheuert. „Mehr gibt Wirt Frank Dotzel nicht mehr frei“, sagt die 74-Jährige und lacht.

„Es ist wirklich ein sehr gutes, kollegiales Zusammenarbeiten“, schwärmt Lisa Daimer (51). Die gelernte Einzelhandelskauffrau, die einige Jahre am Flughafen als Lohnbuchhalterin gearbeitet hat, hatte schon immer ein Faible für den Servicebereich in der Gastronomie. So arbeitete sie einige Jahre im Hotel Olymp in Eching und machte dort eine Fortbildung zur Restaurantfachfrau. Zwei Mal war sie schon zur Starkbierzeit auf dem Nockherberg, und seit 2011 ist sie nun im Hofbräuzelt auf der Wiesn. Auch sie hat niemals daran geglaubt, dass eine Bewerbung erfolgreich sein könnte.

Der erste Arbeitstag war dann für sie gleich einmal ein Schock: Als nach dem Anstich so 40 bis 50 Bedienungen an der Schänke angestanden haben und sie gesehen hat, „was die wegschleppen“, kamen bei ihr die ersten Zweifel. „Des kon i ned“, hat sie zu sich gesagt und wäre am liebsten umgedreht.

Doch dann an der Reihe hat sie sich zwölf Maßkrüge geschnappt, und los ging’s zu ihrem Tisch im Stehbereich – das sind etwa 50 Meter. Von wegen freie Bahn, immer wieder wurde sie angerempelt und nach 30 Metern wurden auch die Arme schwer. Fast springbrunnenartig, so erzählt sie, sei das Bier in ihren BH geschwappt – und unten wieder herausgelaufen. „Konnst hoamgeh, des Bier nimmt dir koana mehr ab“, hat sie sich nach dieser unfreiwilligen Dusche gedacht.

Aber sie hatte nicht mit den jungen, fröhlichen Australiern an ihrem Tisch gerechnet: Froh, endlich die erste Maß in Händen zu halten, wurde die Lisa mit großem Hallo begrüßt. „I hob’s gor ned glaam kenna, i war pritschnass und hob gschaut wia a Schwaiberl, wenn’s blitzt“, erinnert sich die 51-Jährige an den völlig durchnässten Start als Wiesnbedienung. Aber es war für sie kein großer Schaden. Sie konnte zwar nach drei Tagen kaum mehr reden, aber sie hat das komplette Oktoberfest – im trockenen Dirndl – durchgezogen. Bis heute.

Und plant man denn auch schon für 2018? Renate Linow, die eigentlich aufhören will, wäre dann mit 75 Jahren zum 15. Mal im Hofbräuhaus-Zelt. „Schau mer mal“, sagen Linow und Daimer.

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