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Sie wollen vor Gericht ziehen: Cornel und Edith Thorma haben zwei junge Flüchtlinge unter ihrem Dach aufgenommen. Sie klagen gegen die drohende Abschiebung.  

Jugendliche Asylbewerber

Abschiebung nach Afghanistan: Pflegefamilie will klagen

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Edith und Cornel Thorma haben 2015 zwei jungendliche Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Es war ein langer, schwerer Weg, bis sie zur Familie wurden. Nun droht dem Älteren der beiden die Abschiebung nach Afghanistan. Eine riesige Belastungsprobe – für die ganze Familie.

Wolfersdorf – In Sinans Leben gibt es zurzeit einen ständigen Begleiter: seine Schulbücher. Der 18-Jährige steckt gerade mitten in den Quali-Prüfungen. Nebenher besucht er die Berufsschule in Freising. Sinan hat Ziele. Er will in Deutschland eine Ausbildung beginnen. Er will Friseur werden. Ein Praktikum hat er bereits gemacht, einen Ausbildungsplatz hätte er in Aussicht – aber alles könnte an einem einzelnen Wort scheitern. An seiner Nationalität.

Auf dem Papier ist Sinan Afghane – weil seine Eltern aus Afghanistan stammen. Sie gehören der Hazara an, einer schiitischen Minderheit. Deshalb sind sie bereits vor Jahrzehnten in den Iran geflüchtet. Sinan und seine Geschwister sind dort geboren und haben dort bis zu ihrer Flucht nach Deutschland gelebt – und trotzdem droht dem 18-Jährigen nun die Abschiebung nach Afghanistan. Den Bescheid hat er schon bekommen.

Sinan hat Angst, dass sich seine Situation weiter verschlechtert, wenn er seine Geschichte erzählt. Deshalb will er das nicht mit seinem richtigen Namen tun. Er hat zwei Menschen hinter sich, die für ihn kämpfen und mit ihren Namen für ihn einstehen: seine Pflegeeltern Edith und Cornel Thorma. Sie haben ihn und seinen ein Jahr jüngeren Bruder 2015 bei sich aufgenommen. „Die Kinder sind aus dem Haus, die Enkel kommen nur selten“, sagt die 65-Jährige. Sie haben mehr Zimmer, als sie zu zweit nutzen können. Deshalb haben sie damals mit dem Jugendamt Kontakt aufgenommen – und im Obergeschoss etwas umgeräumt.

Wie lang der Weg ist, um Pflegeeltern für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge zu werden, hatte das Paar aus Wolfersdorf im Landkreis Freising anfangs unterschätzt. Es gab viele Gespräche und Fragebögen. „Man muss sich vor den Behörden quasi nackt ausziehen“, sagt der 68-Jährige. Die Thormas haben alles mitgemacht, über Monate. Dann haben sie die beiden Brüder kennengelernt.

Die ersten Gespräche waren nicht einfach, die Thormas sprechen kein Englisch, die beiden Jugendlichen konnten damals nur wenig Deutsch. Aber die kulturellen Hürden waren viel größer als die sprachlichen. „In ihrer Kultur ist es nicht üblich, sich zu berühren“, erzählt Edith Thorma. „Das macht es schwer, sie zu trösten.“ Es hat viele schweigende Mittagessen lang gedauert, bis sie herausgefunden hatten, dass es für die Jungs als unhöflich gilt, sich bei Tisch anzuschauen und zu unterhalten. Besonders Edith Thorma musste viele Kämpfe kämpfen. „Meine Stellung in der Familie und in der Öffentlichkeit war ihnen anfangs ein Rätsel.“ Die Thormas haben sich viele Bücher besorgt, vieles nachgelesen. Es hat Monate gedauert, bis das Vertrauen wachsen konnte. Im Nachhinein sagen sie: „Wir hätten oft mehr Unterstützung von den Behörden gebraucht.“

An ihrer Entscheidung haben sie trotzdem nie gezweifelt. Vor allem, weil sie sehen, wie sehr ihre beiden Jungs kämpfen, um sich hier in Bayern etwas aufzubauen. Beide spielen Fußball im Verein, sprechen mittlerweile perfekt Deutsch, helfen im Haushalt, haben durch die Schule Freunde gefunden. Doch ihre Sorgen sind eher größer als kleiner geworden. Sinan hat – weil er Afghane ist – noch keine Arbeitsgenehmigung vom Landratsamt bekommen. Das hängt mit der Weisung der Staatsregierung an die Landratsämter zusammen. Flüchtlinge, die aus sicheren Herkunftsländern kommen, sollen demnach keine Arbeitserlaubnis mehr bekommen. Anfangs waren auch Afghanen betroffen, deren Bleibequote um die 50 Prozent schwankt. Inwischen wurde die Regelung für Afghanen gelockert, in einigen Landkreisen – wie Freising – wird sie aber trotzdem noch sehr strikt gehandhabt. Sinan weiß nicht, ob er im Herbst seine Ausbildungsstelle antreten kann. Er weiß nicht mal, ob er dann noch in Deutschland sein wird. Sein Abschiebebescheid lag vor einigen Wochen im Briefkasten. Er würde nicht zu seiner Familie in den Iran zurückkehren – sondern nach Afghanistan abgeschoben werden. In ein Land, das ihm völlig fremd ist. „Er verfolgt die Nachrichten sehr genau“, erzählt Edith Thorma. Neulich las er, dass einer der Flüchtlinge, die dorthin abgeschoben wurden, ermordet worden ist. Der 19-Jährige trainiert manchmal stundenlang auf seinen Fitnessgeräten. Sport gegen die Angst. Edith Thorma macht sich Sorgen, dass das irgendwann nicht mehr reichen wird. Dass Sinan die Motivation für die Prüfungen verlieren wird.

Die Thormas wollen gegen den Abschiebebescheid klagen. Sie haben einen Anwalt genommen, nächste Woche ist die Verhandlung. Es ist auch für sie eine riesige emotionale Belastung. Zwei Jahre lang haben sie trotz aller Schwierigkeiten dafür gekämpft, für die beiden Jungs Pflegeeltern zu werden. Um eine Bindung aufzubauen. Jetzt wissen sie nicht, wie sie ihnen erklären sollen, warum sie Deutschland wieder verlassen müssen. Neulich hat Sinan Edith Thorma gefragt: „Ist die Bundestags-Wahl im Herbst gut oder schlecht für mich?“ Edith Thorma wusste nicht, was sie ihm antworten soll. Die Fragen, auf die sie keine Antwort hat, gibt es nun häufiger als vor zwei Jahren.

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Lesen Sie hier: Bei einer der schweren Explosion im Diplomatenviertel von Kabul sind mindestens 80 Menschen getötet und mehr als 350 verletzt worden. Alle Entwicklungen in unserem News-Blog.

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