Vincent Kammerloher und sein Lebensretter, den er zweieinhalb Jahre nach der Stammzellenspende kennenlernen durfte. 

Drei Jahre nach der Typisierungsaktion "Helfen Sie Vincent"

Einige Leben gerettet

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Wolfersdorf - Der ganze Landkreis hat vor drei Jahren mit dem Schicksal von Vincent Kammerloher mitgefiebert. Der damals 21-Jährige war an Leukämie erkrankt. Statt hinter verschlossenen Türen auf Heilung zu hoffen, beschlossen Vincent und seine Familie, an die Öffentlichkeit zu gehen. Eine goldrichtige Entscheidung – nicht nur für Vincent.

Blass, dünn, zerbrechlich: So sah Vincent Kammerloher 2013 aus, als das FT ihn zum ersten Interview im Klinikum Freising traf. Er war von seiner Erkrankung gezeichnet. Dennoch strahlte Vincent Lebensfreude aus. Er versank nicht in Mitleid, haderte nicht mit seinem Schicksal. Er hatte nur ein Ziel vor Augen: Gesund zu werden. Und er hat es geschafft. Am 11. Februar 2014 wurde Vincent transplantiert, seit zweieinhalb Jahren hat er die Leukämie besiegt.

Drei Jahre nach der großen Typisierungsaktion in Wolfersdorf sitzt er wieder mit dem FT zusammen. Braun gebrannt, fit und mit strahlenden Augen. Dieses Mal nicht im Krankenhaus, sondern in der Redaktion. Vincent erinnert sich zurück. „Ich habe noch jedes Detail aus dieser Zeit im Kopf“, sagt er. „Und das ist gut so!“ Denn verdrängen wolle er nichts. „Das geht auch gar nicht, das hat drei Jahre meines Lebens ausgemacht.“ Und einen prägenden Lebensabschnitt einfach ausblenden? Für einen, der dem Tod schon beängstigend nahe war, jemanden der weiß, wie wertvoll jeder Moment ist, ein inakzeptabler Gedanke. Immer wieder bekommt Vincent die Frage gestellt, ob er heute so etwas wie einen Sinn in seiner Erkrankung sieht. Die Antwort ist Vincent-typisch: „Irgendwann kannst du immer irgendwas rausziehen. Das ist ja mit der Schule nicht anders. Da fragst dich auch zehn Jahre lang, was soll der Scheiß. Was es dir gebracht hat, merkst du erst viel später.“

Und diese Zeit des „viel später“ scheint nun gekommen zu sein.  Die AKB-Stiftung (Aktion Knochenmarkspende Bayern), mit der zusammen Vincents Familie damals die Typisierungsaktion auf die Beine gestellt hat, hat Vincent Zahlen zukommen lassen. Fantastische Zahlen. Sie besagen, dass diese Typisierungsaktion am 27. Juli 2013 in der Stockschützenhalle Wolfersdorf mit die erfolgreichste in der Geschichte der AKB war. Bei Temperaturen von 35 Grad im Schatten sind 2382 Menschen gekommen, um sich mit einer kleinen Menge Blut in der Spenderdatei zu registrieren. Knapp 155 000 Euro wurden gespendet. Die beeindruckenden Zahlen von damals bekommen heute eine noch tiefere Bedeutung, wenn man sich Folgendes vor Augen führt: Zwischenzeitlich sind aus dieser so erfolgreichen Aktion 21 Stammzellentransplantationen erfolgt. Viele der Spender kennt Vincent persönlich: Einer von ihnen ist ein alter Schulfreund von ihm, mit einem anderen hat er jahrelang Fußball gespielt. Die Patienten, denen Spender aus der Wolfersdorfer Aktion „Helfen Sie Vincent“ vermittelt werden konnten, stammen zum Großteil aus Deutschland, aber auch aus Finnland, der Türkei, Schweden, Litauen, USA, Spanien, England, Frankreich und Russland. Es konnten Leben in der ganzen Welt gerettet werden. Ob das Vincent, der nicht sofort begeistert von der Aktion war, nachträglich das Gefühl gibt, alles richtig gemacht zu haben? „Ich war anfangs schon skeptisch wegen dieser Typisierungsaktion. Es war ja klar, dass die Wahrscheinlichkeit, da meinen Lebensretter zu finden, gleich null ist.“ Doch der Elan, mit dem seine Familie und Freunde das Ganze angepackt haben, hat ihn damals doch überzeugt. „Es war Wahnsinn zu sehen, wie die Menschen das mitreißt.“

Heute bereitet Vincent der Gedanke, dass durch seine Erkrankung das Leben anderer Menschen gerettet werden konnte, eine Gänsehaut. Mittlerweile ist der 25-Jährige so etwas wie das Gesicht der Stiftung AKB. Seine Geschichte findet sich in Imagefilmen wieder, die bei ihm zuhause gedreht wurden. Sat1-Bayern hat schon über ihn berichtet. Den jungen Mann hat seine Krankheit und die lange Zeit der Genesung geprägt, aber nicht verändert, wie er sagt. „Leukämie macht nicht automatisch einen guten Menschen aus dir. Der Charakter bleibt.“ Dennoch kommt es schon darauf an, wie Betroffene mit der Diagnose umgehen. Vincents Rat: „Nicht in irgendwelche Fragen vergraben, auf die es keine Antwort gibt.“ Nicht fragen: „Warum?“, sondern bitten: „Gib mir Kraft!“ Man könne sich Berichte über Menschen durchlesen, die daran gestorben sind. Oder über andere, die es geschafft haben. „Ich hab’ mich für die anderen entschieden.“ Heute, mit all diesen Erfahrungen in der Tasche, ist Vincent zwar reifer. Aber immer noch der Alte. Sind seine Wünsche andere als früher? „Ich war nie so der Typ, der großartig Wünsche hatte“, sagt er und lacht. Er wollte schon immer beruflich sicher dastehen, und – das gibt er zu – „drei Ligen weiter oben Fußball spielen“. Von diesem Traum musste er sich verabschieden. Aber für seine berufliche Zukunft hat er sich entschieden. Vincent besucht die Bautechniker-Schule in München. Und er genießt das Leben. Aber das hat er ja immer schon getan...

Die Stiftung AKB

Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern, Robert-Koch-Allee 23, 82131 Gauting. Telefon (0 89) 89 32 66 14, Spendenkonto: Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg, IBAN: DE 57 7025 0150 0022 3944 80, BIC: BYLADEM1KMS www.akb.de www.facebook.com/AktionKnochenmarkspendeBayern.

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