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Bauleiter Vincent Kammerloher ist ins Homeoffice gewechselt. Er ist nach einer Leukämieerkrankung vor sieben Jahren noch leicht immunsuppressiv und muss besonders aufpassen. 

Interview mit einem, der weiß, wie sich Quarantäne anfühlt

Vincent Kammerloher kritisiert die Uneinsichtigen: „Denkt einmal nicht nur an euch!“

  • Andrea Beschorner
    vonAndrea Beschorner
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Vincent Kammerloher (28) weiß, wie sich Quarantäne anfühlt. Vor sieben Jahren hat er die Diagnose Leukämie bekommen, hat sich damals auf einen langen, beschwerlichen Weg gemacht und ist heute, dank einer Stammzellenspende, wieder gesund.  Im Interview schickt er eine Botschaft an alle Uneinsichtigen.

Vincent, wenn du gerade Menschen mit Mundschutz siehst, wenn täglich das Thema Quarantäne in den Schlagzeilen ist, erinnert dich das an die Zeit vor sieben Jahren, als dein Immunsystem außer Gefecht war und du isoliert im Krankenhaus lagst?

Ich werde in den letzten Tagen tatsächlich immer wieder an die Zeit damals erinnert. Ich war ja mehrfach isoliert. Einmal nach der ersten Chemo. Dann vor und nach der Stammzellenspende. Der Unterschied ist, dass ich damals entweder strikte Anweisungen von Ärzten bekommen habe, oder gar nicht die Kraft hatte, draußen rumzulaufen. Jetzt soll sich ja jeder von anderen fern halten, auch wenn er sich völlig gesund fühlt. Deshalb kapieren das so viele wohl nicht, solange es nicht verordnet wird.

Was sagst du zu der gestern erlassenen Ausgangsbeschränkung?

Es hat mich wirklich angekotzt, dass viele so rücksichtslos waren und so getan haben, als ob das alles nicht so schlimm ist. Aber es ist wohl so, dass viele erst dann einsehen, um was es geht, wenn es sie selbst schwer trifft, etwa wenn ein naher Angehöriger am Corona-Virus stirbt. Vor ein paar Tagen haben ein paar Freunde eine Instagram-Story hochgeladen, wie sie zusammensitzen und lustig Bier trinken. Das hat mich so sauer gemacht. Ich habe sie gefragt, ob das echt sein muss. Da bekommt man dann nur die Antwort „Stell dich nicht so an“. 

„Söders  Ausgangsbeschränkung ist ein wichtiger Schritt“

Hier sieht man mal wieder, dass viele ohne Verbote einfach machen, was sie wollen. Völlig egoistisch. Denen muss man das Denken abnehmen und sagen, was zu tun ist und bei Nichteinhalten saftige Sanktionen einführen, was Herr Söder jetzt ja auch gemacht hat – sonst hätten einfach immer noch zu viele die Einstellung: „Nach mir die Sintflut“. Ich frag mich da wirklich: Habt ihr keine Großeltern, die es vielleicht treffen könnte? Eine Mutter, einen Bekannten, bei dem das Immunsystem nicht so stabil ist? Die können daran sterben. Die Ausgangsbeschränkung ist ein wichtiger Schritt.

Bist du gerade in Quarantäne oder ist dein Immunsystem stabil genug, um eine mögliche Infektion gut zu überstehen?

Ich bin nicht in Quarantäne, weil ich keinen Kontakt zu einer infizierten Person hatte und auch nicht in einem Risikogebiet war. Aber ich bin im Homeoffice, weil die Ansteckungsgefahr im Büro signifikant höher ist.

Hast du das für dich entschieden oder haben dir das deine Ärzte geraten?

Ich habe Rücksprache mit meinen Ärzten gehalten und die haben mir das dringend geraten. Ich bin leicht immunsuppressiv, deshalb ist nicht klar, wie sich eine Infektion bei mir auswirken würde. Außerdem ist durch die Leukämie meine Lunge etwas geschädigt. Ich möchte einfach Vorsicht walten lassen. Meine Freundin und ich werden uns kommende Woche testen lassen, da sie starken Husten und damit einhergehende Atemprobleme hat. Auf eigene Kosten für 100 Euro pro Test wohlgemerkt. Die Anzeichen sind nicht ausreichend und wegen Überlastung ist es früher nicht möglich. Zudem gibt es zu wenig Test-Sets.

Hast du Angst?

Nicht um mich. Aber um meine Oma beispielsweise. Und auch um Freunde, die ich auf Reha kennengelernt habe und deren Immunsystem noch nicht stabil ist.

Hast du Kontakt zu denen? Wie empfinden sie die Situation?

Ich bin in diversen Rehagruppen auf WhatsApp, in der sich speziell junge Krebspatienten austauschen. Die Menschen da sind verunsichert, da gibt es viele Fragen und Angst. In diesen Gruppen sind auch ehemalige Betroffene, da wird Kontakt zu Ärzten und Fachpersonal vermittelt. Man schickt sich Infos aus Quellen, die sie anzapfen konnten wie etwa einen Leitfaden aus dem Klinikum Großhadern. Da wird keine Panik verbreitet, da wird Fachwissen geteilt und dadurch sind diese Menschen vermutlich zum Großteil trotz ihrer Lage weniger panisch als die, die im Supermarkt die Regale leerkaufen.

Du bist quarantäneerprobt: Hast du Tipps, die man beachten sollte, um keinen Lagerkoller zu bekommen?

Eine gesunde Portion Optimismus. Haltet Kontakt mit Menschen, die euch wichtig sind – aber mit Distanz, am Telefon oder über Soziale Netzwerke. Steht früh auf und schaut euch einen Sonnenaufgang an. Sorgt euch trotz allem umeinander, telefoniert, geht raus an die Sonne – möglichst im Garten oder auf den Balkon. Und: ein gutes Buch lesen, eintauchen in eine andere Welt. Das hat mir immer schon geholfen

Hast du eine Botschaft an die, die das alles auf die leichte Schulter nehmen?

Viele machen es ja richtig, aber das Problem ist: Am Ende bringt es nichts, wenn ich es richtig mache und der neben mir nicht. Ich frage mich, ob es wirklich zu viel verlangt ist, einmal auf etwas zu verzichten, um andere zu schützen. Die Botschaft an alle, die immer noch so tun, als wäre diese Pandemie nicht gefährlich, lautet: Denkt einmal nicht nur an euch! Die medizinische Versorgung wird unter Umständen für den Einzelnen katastrophal, wenn wir es nicht schaffen, den Verlauf zu verlangsamen. Und da geht es nicht mehr nur um Coronapatienten. Dann kann es sein, dass in einem Krankenhaus keine Kapazitäten mehr für ein Unfallopfer oder einen Herzinfarktpatienten frei sind, das gesamte Gesundheitssystem kollabiert – und dann kann es am Ende doch jeden schlimm treffen. Ich bin so froh, dass jetzt die Ausgangsbeschränkung erlassen wurde.

Du als bekennender Optimist: Kannst du dem Ganzen was Gutes abgewinnen?

Ich habe die Hoffnung, dass jetzt viele die Zeit haben, darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig ist. Da sich das ja noch viele Wochen und Monate hinziehen wird, werden wir zum ersten mal spüren, wie uns selbstverständliche Dinge wie das Feierabendbier mit Freunden, Essen gehen mit der Familie oder ein Wochenend-Trip fehlen. Alles Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten haben. Die Chance ist, nach dieser Krise wieder die richtigen Dinge wertzuschätzen, aufeinander zu achten und den Alltagsegoismus abzulegen.

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