Wasser läuft aus einem Wasserhahn in ein Trinkglas, das von einer Hand gehalten wird.
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Qualitativ hochwertiges Trinkwasser gibt es in Zolling seit Ende Juli nicht mehr. Seither gilt ein Abkochgebot.

IM GESPRÄCH MIT ZOLLINGS BÜRGERMEISTER

Abkochgebot in Zolling gilt weiter: Sind Ohrwürmer Schuld am Trinkwasser-Dilemma?

  • Andrea Beschorner
    vonAndrea Beschorner
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Was, bitte, dauert da so lange? Die Frage wollen Zollinger Bürger*innen endlich beantwortet haben. Sie haben es satt, seit Ende Juli das Trinkwasser abkochen zu müssen.

Zolling – Es dauert und dauert und dauert . . . Die Zollinger Bürger sind gerade dabei, die Geduld zu verlieren. Seit Ende Juli gilt in der Gemeinde ein Abkochgebot für Trinkwasser, weil coliforme Bakterien nachgewiesen wurden. Entwarnung kann immer noch nicht gegeben werden, die Ursache steht noch nicht mit letzter Sicherheit fest. Im Interview erklärt Zollings Bürgermeister Helmut Priller, dass die Gemeinde in der leidigen Sache nicht untätig ist, was konkret man unternimmt, um der Ursache auf den Grund zu gehen, und antwortet auf die Frage: Ist endlich ein Ende in Sicht?

Herr Priller, wie sehr nervt Sie die Geschichte mit den coliformen Bakterien mittlerweile?

Ja, es nervt! Wie viele andere Bürgerinnen und Bürger auch, aber es ist ein Thema das man leider nicht so einfach und schnell in den Griff bekommt wie der ein oder andere sich das vorstellt und ich mir auch persönlich wünschen würde.

Bürgermeister Helmut Priller: „Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Problemlösung.“

Sie haben in der Sitzung am Dienstag davon gesprochen, dass man nach der Herkunft der Ohrwürmer forscht. Wo genau ist man denn darauf gestoßen?

Man hat eine größere Anzahl Ohrwürmer im Becken drei im Hochbehälter der Wasserversorgung Zolling gefunden, welche sich im Trinkwasser aufgehalten haben. Die Ohrwürmer konnten in diesem Umfang bei visuellen Kontrollen des Beckens leider nicht ausgemacht werden, da das Becken während des Betriebs aus Hygienegründen natürlich nicht begangen werden kann. Erst nach der Auswertung mehrerer Wasserproben hat sich der Verdacht auf eine Ursache im Becken drei erhärtet. Das Becken wurde daraufhin außer Betrieb genommen und in der Folge visuell kontrolliert. Hierbei wurden dann eine größere Anzahl von Ohrwürmern als mögliche Ursache für den Eintrag der coliformen Bakterien ausgemacht. Diese sind vermutlich über Bauwerksfugen oder Lüftungsschächte in das Gebäude eingedrungen. Zur Sicherheit wurden vom gemeindlichen Bauhof und Fachfirmen sämtliche Bauwerksfugen und Lüftungsschächte neu abgedichtet beziehungsweise mit neuen Filtern versehen. Speziell das Becken drei wurde von einem Ingenieurbüro eingehend auf seine Bauwerkssubstanz untersucht. Ein in diesem Zuge durchgeführter Blower-Door-Test konnte erfolgreich abgeschlossen werden, das heißt das Gebäude ist dicht.

Sind also die Ohrwürmer der Auslöser für das ganze Dilemma?

Auf Grund der bisherigen Ergebnisse können mit großer Wahrscheinlichkeit diese Tiere für den Eintrag von coliformen Bakterien in das Trinkwasser verantwortlich gemacht werden. Gänzlich können weitere Ursachen für den Eintrag von coliformen Bakterien jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Aktuell bezieht die Gemeinde Zolling 400 Kubikmeter Wasser vom Wasserzweckverband Baumgartner Gruppe. Wie kann man sich das technisch vorstellen? Wie kommt dieses unbedenkliche Wasser in die Zollinger Leitungen?

Das Trinkwasserleitungsnetz der Wasserversorgung Zolling ist über einen Notverbund mit dem Trinkwasserleitungsnetz des Wasserzweckverbandes Baumgartner Gruppe verbunden. Bei Bedarf kann an der Übergabestation über das Öffnen eines Wasserschiebers der Notverbund aktiviert werden. Derzeit werden täglich zirka 400 000 Liter vom Wasserzweckverband Baumgartner Gruppe bezogen.

Der Ton hat sich schon sehr stark verschärft.

Bürgermeister Helmut Priller

Was kostet dieser „Wasser-Fremdbezug“?

Monatlich entstehen der Gemeinde Zolling durch den Wasserbezug vom Wasserzweckverband Baumgartner Gruppe rund 10 000 Euro an Kosten.

Wenn Sie doch das Wasser aus einem anderen Zweckverband beziehen: Wieso gilt das Abkochgebot weiter?

Allein in den Becken des Hochbehälters und in den Rohren des Trinkwasserleitungsnetzes der Wasserversorgung befinden sich zirka 1 500 000 Liter Wasser. Es dauert daher mehrere Tage, bis das Trinkwasser im engmaschig verzweigten, zirka 45 Kilometer langen Leitungsnetz komplett „ausgetauscht“ ist. Erst danach können aussagekräftige Wasserproben zur Kontrolle der Trinkwasserqualität entnommen werden. Hierbei genügt nicht eine einmalige Beprobung mit negativem Befund, um das Abkochgebot aufzuheben. Da sich coliforme Bakterien im Wasser selbstständig vermehren können, ist in wenig frequentieren Leitungsabschnitten oder Hausanschlüssen ein Wiederaufwachsen der Bakterien durchaus möglich. So wurden zum Beispiel auch während der Zeit, als die Wasserversorgung bereits über die Baumgartner Gruppe erfolgte, in einer wenig frequentierten Leitung eine geringe Anzahl an coliformen Bakterien nachgewiesen. Wie bereits erwähnt, kann eine weitere Ursache für den Eintrag von coliformen Bakterien nach wie vor nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Zur Sicherheit unserer Bürger sind daher in Absprache mit dem Gesundheitsamt mehrere Wasserproben über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen ohne jeglichen Befund nachzuweisen.

Die Zollinger sind schon lange ungeduldig wegen des Abkochgebots. Verstehen Sie das?

Natürlich, es geht mir ja persönlich genauso, weil auch wir das Abkochgebot im eigenen Haushalt einhalten.

Sind die Nachrichten, die Sie diesbezüglich erreichen, noch sachlich oder wird der Ton schärfer?

Der Ton hat sich bei der Vielzahl der Mails und Anrufe schon sehr stark verschärft, aber als Bürgermeister muss man das aushalten können. Grundsätzlich beantworte ich alle Anfragen persönlich und freundlich, und bekomme dann auch meistens ein höfliches Antwortschreiben zurück.

Seit Bekanntwerden des Problems wurden mehr als 600 Wasserproben entnommen.

Bürgermeister Helmut Priller

Auch wenn Sie die Frage sicher nicht mehr hören können: Was dauert so lange?

Erstmalig wurden coliforme Bakterien am 20. Juli im Leitungsnetz der Trinkwasserversorgung Zolling nachgewiesen. Seit diesem Zeitpunkt wird täglich mit großem Aufwand nach der Ursache für den Eintrag gesucht. Parallel wurde versucht, die Bakterien über die Hydraten auszuspülen. Das Trinkwasserleitungsnetz der Wasserversorgung Zolling hat insgesamt eine Länge von 45 Kilometern, ist teilweise stark verzweigt und beinhaltet zur Betriebssicherheit viele Ringschlüsse. Zudem sind in das System zahlreiche technische Einrichtungen wie die Aufbereitungsanlage, diverse Pumpen, Druckkessel oder auch Leitungsentlüftungen integriert, welche eine lokale Fehlersuche sehr aufwendig und langwierig machen. Da in die Rohre des Trinkwasserleitungsnetzes nicht hineingesehen werden kann und coliforme Bakterien weder zu sehen, noch zu riechen sind, kann die lokale Fehlersuche größtenteils nur durch die Auswertung der Ergebnisse aus den Trinkwasserproben erfolgen. Seit Bekanntwerden des Eintrags von coliformen Bakterien wurden mehr als 600 Wasserproben an 27 verschiedenen Probeentnahmepunkten im gesamten Versorgungsgebiet der Wasserversorgung Zolling entnommen und ausgewertet.

Was sind die nächsten Maßnahmen?

Noch in diesem Jahr erfolgen im Hochbehälter Umbauten an der Aufbereitungslage und im Becken drei. Hierfür wurde bereits der Bauauftrag vergeben. Eine grundlegende Sanierung des Becken drei soll zeitnah auf den Weg gebracht werden. Hierzu wurde bereits ein Ingenieurbüro hinzugezogen. Aktuell sind die Aufbereitungsanlage und das Becken drei nicht in Betrieb. Vor Wiederinbetriebnahme sollen ausführliche Tests und Beprobungen durchgeführt werden, um sicher zu gehen, dass die Aufbereitungsanlage und des Becken drei als Fehlerquelle ausgeschlossen werden können. Ergänzend sei noch gesagt, dass in den letzten Jahren immer wieder umfangreiche Instandsetzungsarbeiten am Trinkwassersystem der Versorgung Zolling durchgeführt wurden. Exemplarisch genannt sei die Regenerierung der Brunnenanlage, die Instandsetzung von Becken eins und zwei im Hochbehälter, die komplette Erneuerung der Druckpumpstation in Flitzing, sowie die Rohrleitungserneuerung im Weinmoos und in der Erlenstraße.

Ob es einen Ausgleich für die Bürger gibt, wird der Gemeinderat ergebnisoffen diskutieren.

Zollings Bürgermeister Helmut Priller

Gibt es einen Ausgleich für die Bürger für die Zeit, in der das Wasser nicht die gesetzlich vorgeschriebene Qualität hatte?

Das wollen wir in einer der nächsten Gemeinderatssitzungen ergebnisoffen diskutieren. Das muss natürlich mit der Satzung der Wasserversorgung konform sein.

Wer ist aktuell in die Sache involviert, welche Experten haben Sie sich ins Boot geholt?

Es wurden zwei verschiedene Labore mit der Durchführung der Trinkwasseruntersuchungen betraut und eine Fachfirma für die Reinigung und Desinfektion im Hochbehälter sowie für die Chlorung hinzugezogen. Des Weiteren wurde in mehreren Fachkreisen mit Vertretern der umliegenden Wasserversorgungsunternehmen die Problematik erläutert und analysiert. Für die Bauwerksuntersuchung und Erstellung eines Umbau- und Sanierungskonzeptes im Hochbehälter wurde ein Ingenieurbüro mit dem Fachgebiet Wasserversorgung beauftragt.

Ist ein Ende in Sicht?

Im Gegensatz zu den Befunden im Juli oder August ergeben die Wasserproben derzeit nur noch sehr geringe Befunde. Leider wird aber doch immer wieder an unterschiedlichen Probeentnahmestellen ein geringer Befund von coliformen Bakterien festgestellt, welche sich vermutlich immer noch im verzweigten Trinkwasserleitungsnetz aufgehalten haben beziehungsweise wieder aufgewachsen sind. Ein konkreter Termin, bis wann definitiv die letzten Bakterien ausgespült sind und zudem in einem Zeitraum von mindestens zwei Wochen kein Wiederaufkeimen nachgewiesen werden kann, kann verbindlich nicht genannt werden.

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