Historische Aufnahme des Krügelsteinerhofs.
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Der Krügelsteinerhof um 1920: (v. l.) Johann Vasold, zwei unbekannte Knechte sowie Georg und Kreszenz Vasold. Bei Johann Schweiger, einem der Vorbesitzer, lebte und arbeitete die Dienstmagd Maria Rosenhuber bis zu ihrer Ermordung 1858. 

Historiker Ernst Keller berichtet aus dem 19. Jahrhundert

Historische Kriminalgeschichte recherchiert: Grausame Ermordung einer schwangeren Magd

Der „Mord an der schwangeren Dienstmagd vom Krügelsteinerhof“ ist eine von vielen historischen Kriminalgeschichten des 19. Jahrhunderts aus dem Landkreis, die Ernst Keller recherchiert hat.

Ampertal - Eine historische Kriminalgeschichte des 19. Jahrhunderts aus dem Landkreis präsentiert Heimatforscher Ernst Keller aus Fürholzen. Er hat den „Mord an der schwangeren Dienstmagd vom Krügelsteinerhof“ recherchiert. Es ist eine von vielen Heimat-Episoden, die er aus Platzgründen in seinem neuen Buch „Vergessene Geschichten aus unrühmlichen Zeiten“, das voraussichtlich gegen Ende des Jahres erscheinen soll, nicht mehr unterbringen konnte.

Nördlich von Freising, zwischen Tüntenhausen und Zolling, an der Amperleite, liegt der „Krügelsteinerhof“. Seinen Namen verdankt das Anwesen dem Freisinger Weinwirt Franz Kriegelsteiner, der es 1825 erbaute, als hier noch ein dichter Hochwald stand. 1917 erwarben es die Geschwister Vasold. Der wohl bekannteste Eigentümer ist der 2019 verstorbene Gstanzlsänger Walter Vasold. Kaum noch bekannt dürfte aber sein, dass dieser Hof um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch einen Kriminalfall in die Schlagzeilen geriet, der weit über die Grenzen des Gerichts Freising für großes Aufsehen sorgte. Öffentlich gemacht hatte den Fall eine Verhandlung vor dem Schwurgerichtshof für Oberbayern in München am 14. und 15. September 1858. Danach soll sich folgende Geschichte zugetragen haben:

Grausamer Leichenfund unter der Kuhbrücke

Am Sonntag, den 12. Juli 1857, abends gegen sechs Uhr, begeben sich der Schuhmacher Johann Selmeier von Zolling und der Pfeifenschäffler Ignaz Fläxl von Haag, beide aus dem Landgericht Moosburg, nach einem Besuch in Freising gemeinsam auf den Heimweg. Am Ende der Amperleite müssen sie ein paar so genannte Flutbrücken überqueren. Das „Amperflüßchen“ – so eine Zeitung – bildet die Grenze der königlichen Landgerichte Freising und Moosburg. Als sie an der letzten Brücke, der „45 Schritte langen Kuhbrücke“, angelangen, treffen sie auf eine Gruppe Buben, die ihnen aufgeregt erzählen, dass am ersten der drei Pfeiler, auf Zollinger Seite, ein Leichnam im Altwasser liege.

Die beiden Männer überlegen nicht lange und ziehen die Leiche vorsichtig aus dem Wasser, das an der Stelle immerhin „15 Fuß“, also rund viereinhalb Meter tief ist. Dann verständigen sie die Gendarmerie. Die protokolliert, dass die aufgefundene Person, eine Frau und „vollkommen bekleidet mit Strümpfen, Schuhen, Rock, Mieder, Halstuch etc.“ sei. Noch am gleichen Tag wird bekannt, um wen es sich handelt: Es ist die 26 Jahre alte Maria Rosenhuber, Dienstmagd beim nahegelegenen „Kriegelsteiner-Bauernhofe“, die seit drei Tagen nicht mehr gesehen wurde. Den Verdacht, dass es sich „nicht um Selbstmord handle, sondern fremde Hände dem Leben des Mädchens ein Ende machten“, bestätigt schließlich eine durchgeführte „Leichenöffnung“.

Der königliche Gerichtsarzt notiert in seinen Befund: „Der ganze Körper der jugendlichen kräftigen Person ist mit Wunden bedeckt, die von einem stechenden, scharfschneidigen Werkzeuge, wahrscheinlich einem Messer, herrühren. Insbesondere am Kopf sind sieben Fleischwunden zu sehen. Die Brust, die Schenkel, der linke Oberarm und die rechte Hand tragen oberflächliche Wunden. Die gefährlichsten Verletzungen hatten den Unterleib getroffen, von denen die größte den Nabel durchdrang, dass aus der Unterleibshöhle sich 20 Unzen Blut (566 Gramm) ergossen. Die Ermordete war im sechsten Monat in der Hoffnung, die Verwundung gewaltsam. Der Hals der Getöteten zeigt am Kehlkopf Blutunterlaufungen, was zur Annahme veranlasst, dass zuerst ein Versuch unternommen wurde, die Maria Rosenhuber zu erwürgen und erst als dies misslungen war, zum Messer gegriffen wurde.“

Der Tatort müsse etwa 30 Schritt (zirka 20 Meter) vom „Krügelsteinerhof“ entfernt auf der Zollinger Straße gewesen sein, „weil ab hier die Blutspur beginnt, die sich bis zur Kuhbrücke hinzieht“. Offenbar habe der Täter sein Opfer aus dem Haus gelockt – so die Ermittler –, um es unbemerkt und im Schutze der Dunkelheit zu töten und die Leiche zu beseitigen.

Mutmaßlicher „Verüber der That“ wird schnell gefasst

Doch schon am nächsten Tag wird der mutmaßliche „Verüber dieser schaudervollen That“ festgenommen: Es ist Stephan Kiermaier, lediger Schäfflergeselle und Dienstknecht von Großenviecht, der frühere Geliebte der Magd, der zur Tatzeit im eineinhalb Stunden entfernten Wolfersdorf beim dortigen Wirt als Fuhrknecht im Dienste steht. Man findet auf seiner Kleidung eine große Anzahl kleiner Blutspritzer, vor allem auf seinem schmutzigen Janker. Als Erklärung fügt er an, er habe sich „beim Riemenschneiden in der Zeit eines Vaterunsers zweimal in den Daumen geschnitten“. Später stellt sich heraus, er sei „beim fortwährenden Losstechen auf Maria Rosenhuber“ mit dem Messer abgerutscht und habe sich selbst am Daumen verletzt.

Liederlicher Dienstknecht und seine Weibergeschichten

Am Ende des Prozesses und nach der Anhörung von 35 Zeugen fasst der königliche Staatsanwalt Freiherr von Wulffen in seinem zweistündigen Vortrag alle Fakten zum Tathergang zusammen. Zuerst aber beschreibt er die Persönlichkeiten von Opfer und Täter. Maria Rosenhuber sei eine rechtschaffene und brave Frau gewesen, aber etwas naiv. Sie habe keinen anderen als „ihren Steffel“ an ihr Kammerfenster gelassen, sei ihm fast hörig gewesen. Er wiederum habe dies ausgenutzt und am Ende sei sie ihm „überdrüssig“ geworden. Stephan Kiermaier habe einerseits „als ordentlicher, fleißiger und treuer Diensknecht“ einen guten Leumund. Auf der anderen Seite sei er bekannt wegen seiner „Weibergeschichten“ und dass er ein „liederlicher, roher und raufsüchtiger Mensch ist“, der dreimal wegen eines Exzesses eingesperrt gewesen sei.

Als Tatzeit komme die Nacht vom 8. auf 9. Juli 1857 in Betracht. Laut Zeugen habe sich Maria Rosenhuber gegen neun Uhr nachts in ihre Kammer begeben. Um 2 Uhr in der Früh sei der Bauer Johann Schwaiger an der Magdkammer vorbei in den Stall gegangen, um „den Pferden Klee aufzustecken“. Dabei habe er die offenstehende Türe und das am Boden liegende Bett bemerkt. Um halb vier sei dann die „Kriegelsteinerin“ Magdalena Schwaiger in die Kammer getreten, um Maria zu wecken und habe sich gewundert, weil alles unaufgeräumt und leer stand.

Was das Verhältnis zwischen dem Angeklagten und dem Opfer anbelangt – so der Staatsanwalt – sei zu sagen, dass Maria bereits zwei ledige Kinder von Kiermaier, ihrem Liebhaber, habe, vier und drei Jahre alt und jetzt im sechsten Monat von ihm erneut schwanger sei. Außerdem habe er sich zu einem weiteren Kind, ebenfalls drei Jahre alt, bekennen müssen, dessen Mutter aber verheiratet ist.

Mutmaßlicher Mörder ist Unterhalt schuldig geblieben

Die beiden Kinder der Maria seien bei der Gütlerin Katharina Hadersdorfer in Neustift in Pflege. Anfangs habe er die 18 Gulden im Jahr für jedes Kind noch bezahlt, sie alle 14 Tage besucht und ihnen sogar „Eßwaaren“ mitgebracht, seit Jakobi 1856 aber sei er nicht mehr aufgetaucht und auch seine Alimente schuldig geblieben, die sich auf 80 Gulden angehäuft hatten, so dass es zu einer Pfändung gekommen sei. Nach Aussage der Zeugin Wollschläger habe Maria alles versucht, um an ihr Geld zu kommen. Ein paar Mal sei sie ihm nachgelaufen, als er mit dem Fuhrwerk am Hof vorbeigefahren ist. Zu ihr, der Zeugin, habe er einmal gesagt: „Die Maria kann laufen genug, ich mag sie halt nimmer.“ Vor rund acht Wochen sei sie ihm mit den Kindern in den Hofbrauhauskeller zu Freising gefolgt. Er habe sie barsch abgewiesen mit den Worten: „Marsch mit den Kindern, ich mag sie nicht mehr.“

Wie die Zeugin Anna Huber auf der Veitsdult in Freising erfahren habe, soll Kiermaier in der Zeit, als Maria schwanger wurde, „mit einer Wagnerstochter was angefangen haben“. Daraufhin sei Maria zu ihr gegangen und habe gedroht, die Kinder ihr ins Haus zu bringen, worauf der Vater der neuen Freundin seiner Tochter wutentbrannt verbot, den „Kiermaier Steffel“ noch einmal zu treffen. Ab diesem Zeitpunkt sei der Abgewiesene immer brutaler geworden. Wenige Tage vor der Tat, vor Georgi – so die Zeugin Ursula Wächinger – habe er Maria unter dem Vorwand, ihr Geld zu geben, auf ein Feld gelockt, um sie dort in aller Ruhe „durchzuhauen“. Der Neustifter Pflegemutter hätte er sogar gedroht, sie umzubringen, wenn sie es noch einmal wage, „ihn um Geld zu drängen“.

Hier im Altwasser der Amper, unter der so genannten Kuhbrücke, unweit von Erlau, wurde die Leiche der schwangeren Dienstmagd gefunden.

Begnadigung von Todesstrafe zur Kerkerhaft

Besonders bemerkenswert findet der Staatsanwalt eine Begegnung Kiermaiers mit einer Weibsperson auf der „Kuhbrücke“ am 11. Juli, also am Tag unmittelbar vor dem Auffinden der Leiche, die zu diesem Zeitpunkt „noch am tiefen Grunde des Wassers lag“. Wie die Zeugin berichtet, habe er sich während des Gesprächs mehrmals über das Geländer gebeugt, ins Wasser gesehen und gemeint: „Ob man hier wohl wieder herauskommt, wenn man hineinspringt?“ Auf ihre Erwiderung, hier würde man sicher ertrinken, weil das Wasser so tief sei, habe er sich auf das linke Amperufer begeben und angespannt unter den ersten Brückenpfeiler gesehen mit der Bemerkung, dass es wirklich sehr tief sei und auch er nicht glaube, hier wieder herauszukommen. Vor Gericht darauf angesprochen, antwortet er, er sei damals stark betrunken gewesen und habe „im Rausch allerlei Zeug geschwätzt“.

Angeklagter nimmt Todesurteil mit Ruhe und Fassung an

Während der gesamten Verhandlung zeigt sich der Angeklagte, „welcher in Züchtlingskleidern erscheint, da seine mit Blut bespritzen Kleider ihm abgenommen wurden, um als Überführungsgegenstände auf den Tisch des Gerichtshofes gebracht zu werden“, von den Anschuldigungen völlig unbeeindruckt und streitet die Tat hartnäckig ab. Seine „große Selbstbeherrschung“ verliert er nicht einmal bei der „Konfrontation mit der armen hingeschlachteten Person“. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob er die Frau kenne, antwortet er ohne jede Gefühlsregung: „Ja, das ist die Leiche meiner früheren Geliebten Rosenhuber!“

Am 15. September 1858, 23 Uhr, endet die öffentliche Verhandlung. Nachdem die zwölf Geschworenen nach einstündiger Beratung Stephan Kiermaier des „qualifizierten Mordes“ an der schwangeren Dienstmagd Maria Rosenhuber für schuldig gesprochen haben, verurteilt der Schwurgerichtshof den Angeklagten zum Tode. Dieser wiederum nimmt das Urteil „mit Ruhe und Fassung“ entgegen. Anfang November 1858 aber begnadigt König Max II. Joseph, der Vater von Ludwig II., der in diesem Jahr die Regentschaft übernommen hatte, den Verurteilten zu lebenslänglicher Kerkerstrafe. Ob der verschärfte Freiheitsentzug tatsächlich ein Gnadenakt war, bleibt dahingestellt. ERNST KELLER

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