Erinnerung an die Anfänge: Zusammen mit Heike Schuster (linkes Foto; hinten, r.) startete Gaby Gerhäuser 1993 mit der ersten Kindergartengruppe.
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Erinnerung an die Anfänge: Zusammen mit Heike Schuster (linkes Foto; hinten, r.) startete Gaby Gerhäuser 1993 mit der ersten Kindergartengruppe.

„Jedes Kind ist einzigartig“

Erzieherin geht in Ruhestand: Kita-Leiterin Gaby Gerhäuser über den Wandel des Berufsbilds

Die Zollinger Kita-Leiterin Gaby Gerhäuser spricht im Interview anlässlich ihres Ruhestands über die Rolle der Erzieherin und den Wandel des Berufsbilds.

Zolling – Sie hat maßgeblich zur hohen Qualität der Kindertagesstätte beigetragen. Gaby Gerhäuser war 27 Jahre lang der innovative Geist im Zollinger Gemeindekindergarten „Kleine Strolche“. Jetzt verabschiedet sich die Kita-Leiterin in den Ruhestand. Wir haben mit der 64-Jährigen darüber gesprochen, wie sich die Rolle der Erzieherin über die Jahre hinweg gewandelt hat. Und darüber, wie sie es geschafft hat, jeden Tag mit Herzblut für die Kinder da zu sein.

Freisinger Tagblatt: Frau Gerhäuser, Sie haben den Gemeindekindergarten 1993 zusammen mit Heike Schuster mit einer einzigen Gruppe gestartet.

Gaby Gerhäuser: Der Pfarrkindergarten war an seine Kapazitätsgrenze gelangt. Der damalige Bürgermeister, Franz Obermeier, bemühte sich, eine „Notgruppe“ in den Räumen der alten Grundschule – die heutige Kita „Kleine Strolche“ – einzurichten. Ich habe mich auf die Stelle beworben, da es gut mit der Familie zu vereinbaren war.

Wie waren damals die Betreuungszeiten?

Von acht bis 12 Uhr. Später kamen Ganztags- und Mittagsbetreuung dazu, eine Integrationsgruppe wurde eingerichtet, die Kinderkrippe entstand, es wurde angebaut. Ich hatte immer ein super Team. Derzeit betreuen 30 Erzieherinnen rund 120 Kinder in sieben Gruppen.

Stichwort Inklusion: Da waren Sie ja stets auf der Höhe der Zeit.

Ja (lacht). Es waren die herausfordernden Kinder, für die mein Herz verstärkt geschlagen hat. Ich habe das schon in meiner ersten Tätigkeit als Erzieherin in einer Jugendhilfe-Einrichtung gespürt. Von 2002 bis 2006 habe ich eine berufsbegleitende Weiterbildung zur Heilpädagogin absolviert. Dabei wurde ich unglaublich positiv vom damaligen Bürgermeister Georg Wiesheu und dem Zollinger Gemeinderat unterstützt. Mein Anliegen, den Kindern mit erhöhtem Betreuungsbedarf gerecht zu werden, wurde von der Politik ernst genommen.

„Heute haben wir rund 20 Nationen bei uns. Das ist toll.“

Die „Kleinen Strolche“ sind seit vielen Jahren als Integrative Kindertageseinrichtung anerkannt. Was bedeutet das?

Die Kita hat sich zu einer offenen Einrichtung für alle entwickelt. Das Aufwachsen von Kindern mit und ohne Behinderung ist alltagstauglich geworden. Kinder mit Förderbedarf werden von Heilpädagogen entsprechend den Behinderungen ganzheitlich gefördert. Jedes Kind ist einzigartig und wird in seiner Individualität anerkannt. Wir setzen in unserer pädagogischen Arbeit an den Stärken und Interessen des Kindes an.

Hat sich das Verständnis von Kinderarbeit im Laufe der Jahre geändert?

Wie gesagt, ich habe mich schon immer für Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf interessiert. Früher waren es gelegentlich Kinder aus türkischen Familien, die wir hinsichtlich der Sprachförderung unterstützen durften. Heute haben wir rund 20 Nationen bei uns. Das ist toll. Und ein wichtiges Lernfeld für unsere Kinder. Sie lernen Toleranz und Verständnis im Umgang mit Anders-Sein. Egal ob es Kinder mit geistiger oder sprachlicher Verzögerung sind: Das ist alles „normal“. In einer Ausbildung zur Heilpädagogin habe ich dahingehend viel gelernt. Das war ein wahres Schatzkästchen für meine Arbeit.

Nimmt nach 27 Jahren Abschied: die Kita-Leiterin der „Kleinen Strolche“, Gaby Gerhäuser.

Was heißt das konkret?

Die Beziehung ist das, was trägt, um sich gesund entwickeln zu können. Wenn sich das Kind in einer guten und tragfähigen Beziehung zum Erziehungspersonal befindet und sich angenommen fühlt, dann kann es lernen und sich entwickeln.

„Hier dürfen die Kinder ruhig auch mal Aggressionen ablassen“

Das Tagesgeschäft in der Kita zu organisieren, war hinsichtlich der vielen Anforderungen – Stichwort Bayerisches Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz (BayKiBig) – sicherlich nicht immer einfach.

Nach meiner Weiterqualifizierung und der Eröffnung der integrativen Gruppe im Jahr 2007 dachte ich, ich hätte mein persönliches Ziel erreicht und könnte entspannt weiterarbeiten. Doch dann kamen drei Krippengruppen dazu, Umbaumaßnahmen und nach der Fertigstellung des Anbaus im Jahr 2010 die vierte Kindergartengruppe. Das hieß, unter der Bauphase auch mit Handwerkern zu verhandeln, Bauarbeiten zu kontrollieren und gleichzeitig das Kita-Tagesgeschäft organisieren. Daher wurde ich von der Gruppenleitung frei gestellt. Den heilpädagogischen Fachdienst hielt ich als Praxisbezug und sozusagen als Sahnehäubchen aufrecht.

Sie haben mich zum Gespräch in Ihr kleines Reich geführt: den Raum, in dem die heilpädagogische Arbeit umgesetzt wird. Was machen Sie denn hier mit den Kindern?

Spielen. Im Spiel entwickeln sich die Kinder. Hier ist die Umgebung so gestaltet, dass sich die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf ausprobieren dürfen, ruhig auch mal Aggressionen ablassen können, sodass Blockaden gelöst werden. Wir begleiten die Interaktionen und helfen mit, dass das Spielen gut gelingt.

Sie haben sich zum Abschied ein großes Fest mit ihren Schützlingen gewünscht. Das kann aufgrund der Corona-Krise so wohl nicht stattfinden?

Das hat mich wirklich traurig gemacht. Ich finde, dass Abschied nehmen ein Wert ist, genauso wie das gegenseitige Begrüßen. Wir haben das in der Kita immer so gelebt. Vielleicht gibt es später eine Möglichkeit, ordentlich „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Abschied bedeutet natürlich, den Weg frei zu machen für etwas Neues und Vorfreude.

Auf was?

Sechs Enkelkinder warten schon darauf, dass die Oma mehr Zeit hat für sie.

Interview: Maria Martin

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