Was sich ändern muss: Sabine Wilken erzählt vom Pflegeberuf, den täglichen Anforderungen – und was sie dem Bundesgesundheitsminister gerne einmal sagen möchte.
+
Wünscht sich Veränderung: Sabine Wilken erzählt vom Pflegeberuf, den täglichen Anforderungen – und was sie dem Bundesgesundheitsminister gerne einmal sagen möchte.

Sabine Wilken kritisiert Werteverschiebung in der Gesellschaft

„Wer kann von Applaus leben?“ Zollinger Pflegedienstleiterin fordert weniger Bürokratie und mehr Wertschätzung

  • Andrea Beschorner
    vonAndrea Beschorner
    schließen

Pflegepersonal muss endlich so bezahlt werden, dass es davon leben kann. Das fordert Pflegedienstleiterin Sabine Wilken. Im Interview erklärt sie, was sich in der Branche ändern muss.

Zolling – Menschen, die einen Pflegeberuf ergreifen, fehlt die finanzielle Anerkennung ebenso wie die gesellschaftliche. Davon ist Sabine Wilken, stellvertretende Pflegedienstleitung der Ampertalpflege mit Sitz in Zolling, überzeugt. Menschen, die diesen wichtigen, unverzichtbaren Beruf ausüben, müssen endlich so bezahlt werden, dass sie davon leben können, sagt sie. Im Gespräch mit dem FT erzählt Sabine Wilken, welche zusätzlichen Probleme die Pandemie in ihrem Arbeitsalltag mitbringt, was sich dringend und schnellstmöglich ändern muss und was sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gerne einmal sagen würde.

Frau Wilken, Menschen, die in der Pflege tätig sind, haben in der Corona-Pandemie viel Applaus und einen Bonus von 1000 Euro bekommen. Reicht Ihnen das?

Wer kann von Applaus leben? Leider gibt es in unserer Gesellschaft eine Werteverschiebung, die ich nicht nachvollziehen kann. Wir sind bereit, für ein Handy 1000 Euro zu bezahlen, für ein Auto 80 000 Euro, für eine Handwerkerstunde 60 Euro und mehr. In den Köpfen der meisten herrscht die Meinung, dass Pflege eine All-inclusive-Leistung der Kassen ist. So ist es aber nicht. Nicht mehr…

Wie sieht es heute aus? Womit ist zu rechnen, wenn man Pflegeleistungen in Anspruch nehmen muss?

Heute muss man damit rechnen, dass man im Pflegefall auch selbst für Leistungen aufkommen muss, aber die wenigsten haben sich für diesen Fall abgesichert. Nun bleibt also das Desaster, dass die Kassen nicht alle Leistungen tragen können oder wollen, die ein Mensch braucht, der alt oder krank ist. Was also tun, um einerseits eine Versorgung zu gewährleisten, die wirklich hilft, bezahlbar und individuell ist, und auf der anderen Seite die Menschen, die diese Arbeit tun, dazu befähigt, mit ihrem Gehalt eine Familie zu ernähren? Wer motiviertes Personal will, muss mehr bezahlen. Da hat Frau Merkel recht! Aber woher sollen die Firmen das Geld nehmen, wenn sie selbst nicht mehr verdienen? Und genau hier schließt sich meines Erachtens der Kreis wieder. Wir müssen insgesamt jetzt und dringend mehr Geld in dieses System bringen.

Wie konkret?

Durch mehr Beiträge in der Krankenversicherung, eine angehobene Pflegeversicherung, durch eine Verschiebung der Kosten über ein gesichertes Grundeinkommen, Steuern auf Luxusgüter oder eben keine oder wenige Besteuerung von Gehältern von in der Pflege tätigen Menschen. Ich bin kein Politiker und weiß freilich nicht, was umsetzbar wäre. Ich lade aber hier gerne ein, einen Diskurs zu eröffnen, um Öffentlichkeit zu schaffen für ein Thema, das uns früher oder später alle betreffen wird. Was nützt einem ein schönes Eigenheim, wenn man im Alter alles verkaufen muss, weil es keinen gibt, der einen hier versorgen kann?

An welchen Stellschrauben müsste dringend gedreht werden, damit sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln können?

Eine solide Basis könnte man mit folgenden Punkten schaffen: finanzielle Anerkennung, gesellschaftliche Anerkennung, eine Übertragung von Kompetenzen auf die Pflegefachkräfte mit entsprechender Vergütung der Leistungen durch die Kassen.

Wertschätzung allein reicht also nicht…

Diesen Beruf gibt es schon so lange und es wird ihn geben, so lange es uns Menschen gibt. In früheren Zeiten haben Frauen geholfen und gepflegt. Dieses Bild der unentgeltlichen, aufopfernden Frau ohne Anspruch auf Versorgung, da ja durch den Ehemann versorgt, passt nicht mehr in unsere Zeit. Wer diesen Beruf ausübt, muss davon leben können.

Wie hat Corona Ihren Arbeitsalltag erschwert?

Leider sind wir in Corona-Zeiten oft die einzigen, die ins Haus kommen. Die Menschen sind einsam, und ein finanzieller Rahmen für Zuwendung wird nicht geboten. Zusätzlich wird durch das Tragen der Masken speziell für demente Klienten die Kommunikation erschwert. Die Wahrnehmung der Mimik leidet. Ein Erkennen der Person fällt schwer. Menschen, die sowieso schon in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt sind, bräuchten gerade hier Zuwendung und Berührung. Das Distanzgebot macht echte Begegnung schwer. Die besonderen Hygienemaßnahmen erfordern viel Zeit. Der Austausch im Pflegeteam ist durch all diese Maßnahmen erschwert.

Gab und gibt es auch Dinge, die sich durch die Pandemie verbessert haben?

Wir haben ein Beispiel, in dem ein Klient aus dem Heim genommen wurde und nun gut und zuverlässig von uns und der Familie gepflegt wird. Grund war das eingeschränkte Besuchsrecht sowie die insgesamt schwierige Situation in den Heimen. Das fand ich persönlich sehr schön, dass eine Familie so zusammenrückt in so einer Zeit.

Haben Sie ein konkretes Beispiel aus Ihrem Arbeitsalltag, das zeigt, wie dringend der Handlungsbedarf ist?

Seit vielen Jahren versuche ich darauf aufmerksam zu machen, dass speziell im Norden des Landkreises Freising die Abdeckung für häusliche Pflege nicht die beste ist. Man könnte uns Dienste etwa dabei unterstützen, Zweigstellen zu eröffnen, um schlecht abgedeckte Gebiete versorgen zu können. Gespräche meinerseits diesbezüglich verliefen leider im Sand. Wenn ich dann einen weinenden Menschen am Telefon habe, der nicht mehr weiß, wie es daheim alleine gehen soll, dann merke ich, dass es wirklich Zeit ist, etwas zu ändern. Zusammenzustehen für eine Sache, die uns alle betrifft. Jeder hat Eltern, Onkel und Tanten, Kinder – und wird selbst einmal alt und dann vielleicht pflegebedürftig. Wieso weigern wir uns so, diese Situation gut für uns und die Menschen, die wir lieben, zu gestalten?

Was würden Sie Jens Spahn gerne einmal sagen?

Die Pflege braucht weniger Bürokratie und keine öffentliche Denunzierung der Pflege durch ein vom Staat gefördertes System zur Prüfung der Pflegeeinrichtungen, sondern Wertschätzung, bessere Bezahlung, mehr Förderung von flexibleren Betreuungssystemen wie Wohngruppen, WGs, Alten- und Pflegeeinrichtungen, in denen die Menschen weniger an die institutionellen Rahmenbedingungen gebunden sind, die natürlich durch Finanzierung und Prüfung vorgegeben sind. Der Branche Platz lassen, um sich zu entwickeln und zu erfinden und nicht alles vorgeben, verbieten und prüfen.

Und was sagen Sie einem jungen Menschen, der sich überlegt, einen Pflegeberuf zu erlernen?

Es ist ein toller Beruf! Abwechslungsreich, flexibel, überall auf der Welt zu gebrauchen, sehr interessant und nicht zuletzt immer wieder überraschend. Trau dich! Es wird sich was ändern.

Ist es also trotz allem Ihr Traumberuf?

Mein Traumberuf ist es dann, wenn ich sehe, dass die Menschen, die diesen anstrengenden und zugleich schönen Beruf ausüben, leben können von ihrer Arbeit, wenn sie statt geprüft, kontrolliert, mit Vorschriften überschüttet und öffentlich bewertet werden mit Respekt und der Möglichkeit ausgestattet werden, von der Basis ausgehend eine Pflegewelt aufzubauen, die denen dort hilft, wo Hilfe gebraucht wird, und die sie dort handeln lässt, wo Handlung notwendig ist. Frei von einem Vergütungssystem, dessen Leistungen mit Preisen oft genug am Alltag der Pflegebedürftigen vorbei läuft. Ich träume davon, dass man – wie jeder Handwerker auch – Leistungen, die man als Fachkraft für notwendig ansieht, anbieten darf zu einem Preis, der die in dieser Branche Arbeitenden gut davon leben lässt. Eine Vergütung durch die Kassen könnte in Form von zum Beispiel Tagespauschalen geschehen. Somit wären wir freier, wirklich dort zu helfen, wo Hilfe notwendig ist.

Sie arbeiten an vorderster Corona-Front - bis zur Erschöpfung: die Intensivpfleger am Klinikum Freising. Ein Stationsleiter berichtet über den Ausnahmezustand.

Alle Neuigkeiten und Nachrichten aus Zolling und der Region lesen Sie immer aktuell hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare