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Seit Jahren läuft das Miteinander der Geflüchteten und Zollinger Bürger problemlos. Trotzdem wurde eine Security dorthin beordert, und die Unterkunft soll sogar eingezäunt werden.

Soll aus Unterkunft ein „Gefängnis“ werden?

Zoff mit Regierungsvertreterin: Zollinger Flüchtlingshelfer fühlen sich gegängelt

  • Andreas Beschorner
    vonAndreas Beschorner
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Seit Monaten herrscht Zoff zwischen den Zollinger Flüchtlingshelfern und der Gewaltschutzkoordinatorin der Regierung. Letztere irritiert mit merkwürdigen Emails und brachialen Plänen.

Zolling – Der Helferkreis Asyl Zolling hat vier Jahre lang die Bewohner in der Gemeinschaftsunterkunft betreut. Doch seitdem im November 2019 eine Gewaltschutzkoordinatorin der Regierung von Oberbayern dort tätig ist, fühlen sich die Helfer gegängelt und unwohl. Als jetzt noch aus der Unterkunft ein „Gefängnis“ gemacht werden sollte, wie es die ehrenamtlichen Helfer und die Bewohner sehen, ist das Fass übergelaufen. Am Dienstag kommt sogar die Regierungspräsidentin.

Protest gegen Zaun

Angelika Sagerer vom Helferkreis versteht die Welt nicht mehr: Seitdem eine Gewaltschutzkoordinatorin für die Unterkunft zuständig ist, fühlen sich Sagerer und ihre Kollegen nicht mehr erwünscht. Sagerer betont, dass eine Zusammenarbeit zwischen der Koordinatorin und den Helfern faktisch nicht stattfinde. Und inzwischen würden auch Maßnahmen umgesetzt, über die man im Helferkreis nur den Kopf schütteln kann: So ist seit Juli eine Security vor Ort, zudem sollte ein Zaun um das Gelände gezogen werden. Warum, weiß Sagerer nicht, Begründungen kennt sie nicht. In den Augen des Helferkreises sei das „vollkommen willkürlich und absolut kontraproduktiv“ für eine Integration der Asylbewerber. Der angrenzende Bolzplatz, auf dem Kinder und Jugendliche „nationenübergreifend“ spielen, wäre durch den Zaun abgeschnitten. Zudem sei es in den vergangenen vier Jahren immer ruhig und friedlich zugegangen.

Die Bewohner würden sich also fragen, wieso aus ihrer Unterkunft ein Gefängnis gemacht werde, schildert Sandra Smolka, die ebenfalls im Helferkreis engagiert ist, die Stimmung in der Asylunterkunft. Immerhin: Der Widerstand des Helferkreises und auch der Gemeinde hat jetzt erst einmal die Aufstellung des Zauns verhindert. Bürgermeister Helmut Priller, der sich im Namen der Gemeinde ebenfalls gegen den Zaunbau zu Zolling wehrt, kann aus einem Schreiben von Staatsminister Florian Herrmann zitieren, gemäß dem die geplante Umzäunung des Areals zunächst einmal verschoben wurde. Und zwar bis mindestens zum 8. Juli. Denn an diesem Tag wird sich die Regierungspräsidentin von Oberbayern, Maria Els, vor Ort selbst ein Bild von der Lage machen. Sowohl Herrmann als auch Els betonen, die Sorgen des Helferkreises ernst zu nehmen.

Irritierende Mails, die die Helfer diskreditieren

Die rund 25 ehrenamtlichen Helfer in der Gemeinschaftsunterkunft haben nämlich noch ein weiteres Problem mit der Arbeit der Gewaltschutzkoordinatorin: Die habe in mehreren Mails, so Sagerer, „sehr deutlich zum Ausdruck gebracht“, dass sie die Arbeit der Ehrenamtlichen als überflüssig betrachte, ja sogar angedeutet, dass die Tätigkeit der Helfer „potenziell gefährlich für die Bewohner sein könnte“.

In einer dieser Mails, die dem Freisinger Tagblatt vorliegt, weist die Gewaltschutzkoordinatorin beispielsweise an, dass „die Angelegenheiten, die reale Auswirkungen auf das Leben der Flüchtlinge haben, ausschließlich von Hauptamtlichen bearbeitet werden“. Weiter schreibt sie an die Zollinger Helfer: „Politische und journalistische Ambitionen sind in einem anderen Tätigkeitsfeld besser aufgehoben.“ Da könne man „viel Schaden anrichten, den dann die Flüchtlinge tragen müssen“.

Helferin über Koordinatorin: „Das kann sie knicken“

Der Gewaltschutzkoordinatorin ist, so schreibt sie, auch schleierhaft, wie der Helferkreis von „Erfolge feiern“ sprechen könne. „Das müsste vom Helferkreis genauer ausgeführt werden, weil ich das nicht mit ehrenamtlichen Tätigkeiten in Einklang bringen kann.“ Ob denn die Helfer damit „so etwas meinten wie berufliche Erfolge, die der eigenen Karriere dienen und sich zur Außendarstellung eignen?“, fragt sie. Und: Wer die Verpflichtung zu einem respektvollen Umgangston mit Mitarbeitern der Regierung verletze, könne Hausverbot erteilt bekommen.

Sandra Smolka vom Helferkreis ist verärgert.

Für Sagerer und ihre Kollegen ist klar: Unter diesen Bedingungen – Zaun und Zugangskontrollen – unter der Maßgabe, jetzt, nach vier Jahren, eine Art „Bewerbungsgespräch“ führen zu sollen, werde keiner der Helfer weiterhin tätig sein. „Das kann sie knicken“, sagt auch Smolka. Man sei „durch und durch enttäuscht“, habe man doch gehofft, Hand in Hand zum Wohle der Asylbewerber, von denen viele schon anerkannt seien, zu arbeiten. Dass nun gnadenlos die Hausordnung eingehalten werden müsse, und Kinderwagen im Winter draußen stehen mussten, dass Gemeinschaftsräume, in denen die Hausaufgabenhilfe abgehalten wurde, abgesperrt werden, das mache das ganze Team traurig.

Was nicht nur Smolka irritiert: Die Gewaltschutzkoordinatorin habe sich seit Beginn der Corona-Krise im März nicht mehr vor Ort blicken lassen. Wer habe also das Homeschooling in der Unterkunft zum größten Teil gestemmt? „Wir!“, betont Smolka.

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